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„Leopoldstadt“ in der Josefstadt: Aufstieg und Untergang

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Um „Leopoldstadt“ zu sehen, geht man seit gestern nicht in das Theater Nestroyhof Hamakom im zweiten Bezirk, sondern in das Theater in der Josefstadt. Dass man sich dort Tom Stoppards 2020 im Londoner West End uraufgeführtes Stück nicht entgehen lassen wollte, versteht man: Das große Wiener Zeitpanorama, das von 1899 bis 1955 reicht, beginnt wie Schnitzler und endet als zeithistorische Warnung nach Art des Hauses. Vor allem aber ist es pures Ensembletheater.

Dennoch wird man mit dieser von Janusz Kica inszenierten dreistündigen deutschsprachigen Erstaufführung (die Übersetzung besorgte Daniel Kehlmann) nicht recht glücklich. Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Bei diesem Schnelldurchlauf durch fünfeinhalb Jahrzehnte österreichische Geschichte wird viel geredet und wenig gehandelt. Und es werden Dinge ausgebreitet, die man hier - quasi am Originalschauplatz - niemandem mehr erzählen muss. Der Zusammenbruch der Monarchie, die kurze Haltbarkeit der Ersten Republik, die Machtübernahme der Nationalsozialisten, der Aufbruch in die neue Zeit nach dem Staatsvertrag - viel Text wird aufgewendet, um die Umstände zu schildern, wenige Dialoge bleiben dafür übrig, um einzelne Figuren interessant zu machen.

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Stoppard hat mit dem Stück auch Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte betrieben. Er wurde 1937 als Sohn eines jüdischen Betriebsarztes der Bata-Schuhfabrik unter dem Namen Tomáš Straussler im tschechischen Zlín geboren. Die Flucht seiner Familie vor den Nationalsozialisten führte über Singapur und Indien nach England. „Stoppard hatte die vierzig längst überschritten, als er von einer Verwandten erfuhr, dass seine vier Großeltern sowie drei Schwestern seiner Mutter in den Konzentrationslagern ermordet wurden“, heißt es im Programmheft. In der letzten Szene des Stücks erfährt der in England aufgewachsene Leo (Tobias Reinthaller) von seinen jüdischen Wurzeln und bekommt einen Stammbaum in die Hände gedrückt. Dazu bekommt er erklärt, wie seine Vorfahren gestorben sind. Selbstmord, Gehirntumor, Steinhof und Verdun sind dabei. Sein Vater starb 1934 im Bürgerkrieg, seine Mutter bei den Angriffen der deutschen Luftwaffe auf England. Und ganz oft heißt es lapidar: Auschwitz.

Der Abend beginnt mit einem einsam lesenden Herbert Föttinger. Er spielt den Textilfabrikanten Hermann Merz, den Familienpatriarchen, einen getauften Juden, der stolzer Österreicher ist, ein Patriot, Philanthrop und Kunstmäzen. Nicht lange bleibt er allein, denn es ist Weihnachten 1899, und das wird in dieser assimilierten Familie, in der Hermanns der Tradition verhaftete Mutter (Marianne Nentwich) wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt, als Großfamilienfest begangen. Ausstatterin Karin Fritz verzichtet auf die vom Autor gewünschte überladene Möblierung, sondern stellt einen großen, aber meist weitgehend leeren Wohnsalon als Spielraum zur Verfügung. Hier sieht man dem an die Zeitläufe geknüpften Aufstieg und Fall der Familie zu. Besser gesagt: der Abwärtsbewegung. Denn dorthin, wo er mit aller Anstrengung hinkommen will, wird er es auch als Katholik nie schaffen, muss Hermann in den stärksten Szenen des Abends feststellen.

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Stoppard macht geschickt aus einem Seitensprung von Hermanns Gattin Gretl (Maria Köstlinger) mit dem Galan ihrer Verwandten Hanna (Alexandra Krismer) eine Beinahe-Ehetragödie. Der präpotente Dragoner-Offizier (Roman Schmelzer) macht Hermann auf demütigende Weise klar, dass er niemals satisfaktionsfähig sein wird und dem Wunsch nach sozialem Aufstieg Grenzen gesetzt sind, die niemals durchbrochen werden können. Dass sich ausgerechnet dieser Seitensprung Jahrzehnte später als Möglichkeit erweisen wird, Hermanns und Gretls Sohn durch eidesstattliche Erklärungen zum Arier zu machen und damit die behördliche Arisierung des Unternehmens zu verhindern, ist eine der geschickten Verzahnungen in einem Geschehen, in dem man aufgrund der Weitläufigkeit der Verwandtschaft leicht den Überblick verliert.

Dass beide, der Vater in der NS-Herrschaft, der Sohn 1946 als traumatisierter Überlebender, sich selbst das Leben nehmen werden, ist dem Realismus des Autors geschuldet, der um die Bitternis der Geschichte und die Verlogenheit von Happy Ends Bescheid weiß. Immerhin: Gretl bleibt an Hermanns Seite, und um die Restitution ihres von den Nazis gestohlenen Klimt-Porträts werden die Nachgeborenen später kämpfen. Nicht alle Klischees wollte Stoppard auslassen.

1924 geht es weniger um die Judenfrage als um die soziale Frage. Die junge Generation zieht mit der neuen Zeit und engagiert sich für linke Ideen, die Alten trauern dem zerfallenen und filetierten Reich nach, während nebenan eine Brit Mila, eine Beschneidung, vorbereitet wird. Mehr aus Tradition denn aus Religion hält man an den alten Gebräuchen fest. Nach dem nächsten Zeitsprung befindet man sich im November 1938, am Vorabend der Pogromnacht. Der englische Journalist Percy (Michael Dangl) versucht der befreundeten Familie vergeblich den Ernst der Lage klar zu machen, ehe sich dieser Ernst in Gestalt eines „Umzugshauptamtsleiters“ personifiziert. Joseph Lorenz macht daraus einen großen, brutalen, gespenstischen Auftritt, an dessen Ende das Schicksal der Familie Merz besiegelt ist. Die Schlussszene 1955, die Konfrontation des 31-jährigen Auschwitz-Überlebenden Nathan (Raphael von Bargen) mit dem nur wenige Jahre jüngeren Leo, der an der Seite Percys in Großbritannien aufgewachsen ist, wirkt wie ein Epilog auf die Familientragödie.

Mit mehr als 30 Mitwirkenden ist „Leopoldstadt“ eine ungeheurer Kraftakt. Es war sicher richtig, das Wagnis einzugehen. Ob es sich auch gelohnt hat, ist nach dieser Premiere schon weniger sicher. Doch der Schlussapplaus war herzlich - nicht nur für das riesige Ensemble, auch für Janusz Kica, der mehr als Arrangeur denn als Regisseur gewirkt hat. Dadurch erinnerte das Stück mitunter an die Fernsehserie „Ringstraßenpalais“, die eine von 1867 bis 1974 reichende Familiengeschichte nachzeichnete. Ob die „Leopoldstadt“ bei einem mutigeren szenischen Zugriff aufblühen oder ganz zerfallen würde, darüber kann jedoch nur spekuliert werden.

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