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„Eurotrash“: Roman-Dramatisierung im Akademietheater

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Mit 600.000 Franken im Plastiksack auf der Taxifahrt nach Afrika - das ist in jedem Fall ein Abenteuer. Wenn Wodka und Weißwein mit dabei sind, die am künstlichen Darmausgang hängenden Beutel regelmäßig gewechselt werden müssen und statt Zebrahintern im Ngorongoro-Krater eher Edelweiß im Berner Oberland ins Blickfeld rücken, dann liefert wohl mehr die Fantasie als die Geografie die Koordinaten der Reise, die Mutter und Sohn in Christian Krachts Roman „Eurotrash“ unternehmen.

Itay Tiran, als Regisseur und Schauspieler am Burgtheater beschäftigt, hat den im Vorjahr erschienenen und über weite Strecken autobiografisch gefärbten Roman des Schweizer Journalisten und Autors („Faserland“, „1979“, „Imperium“ u.a.) gemeinsam mit Jeroen Versteele dramatisiert und als Zwei-Personen-Stück auf die Bühne des Akademietheaters gebracht. Barbara Petritsch und Johannes Zirner sorgen für 105 unterhaltsame Theaterminuten, die nur über kurze Strecken leichte Durchhänger aufweisen.

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Was ist real, was ist Einbildung? Diese Frage wird auch auf der Bühne selten beantwortet. Real scheint die Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit der Mutter und das schlechte Gewissen des sie besuchenden Sohns zu sein. Real sind die starken Gefühle, die die beiden miteinander verbinden und ihr Bestreben, diese mit großem rhetorischen Aufwand zu überspielen. Wie die Mutter ihre Stellung gegenüber dem Sohn gnadenlos ausnützt, so lässt sich Petritsch die Chance nicht entgehen, ihren Bühnenpartner stellenweise an die Wand zu spielen. Trocken gesetzte Pointen, unbarmherzig geführte Dialoge, divenhaft ausgestellte Allüren - sie zieht alle Register, und es ist ein Vergnügen, ihr dabei zuzuschauen.

Auf einem per Fernsteuerung über die Bühne fahrenden grünen Rund-Sofa (Bühne und Kostüme: Nina Wetzel) kommen die beiden einander näher, wechseln zwischen Mutter-Kind, Kellner-Gast und Betreuer-Patientin immer wieder die Rollen, blicken vorsichtig in die Vergangenheit und mit einer gewissen Unsicherheit in die Zukunft. Während die Mutter mit großer Selbstverständlichkeit mit dem Rollator unterwegs ist, bewegt sich der Sohn auf heiklem Terrain: Wie weit ist die Demenz der Mutter, die sich gerne totstellt und Mitgefühl einfordert, tatsächlich fortgeschritten? Ist sie wirklich verrückt oder einfach nur bösartig?

Doch wirklich weh tut man einander nicht, und so hat der zwischen Silberfäden-Vorhängen, Kunstschneefall, Bühnennebel und Windmaschine unter anderem mit einem ferngesteuerten Mini-Taxi unternommene Afrika-Ausflug die beiden am Ende eher näher zueinander als weiter auseinander gebracht. Letztlich: Doch mehr Kuschelkurs als Katharsis. Und zuletzt: herzlicher Applaus.

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