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Arca verteilte beim donaufestival nicht nur Rosen

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Drama, Baby: Die venezolanische Transgender-Musikerin Arca hat dem zweiten Tag des diesjährigen donaufestivals in Krems ihren Stempel aufgedrückt. Von ihren Fans sehnsüchtig erwartet, lieferte Alejandra Ghersi Rodríguez ein intensives, verspieltes und letztlich offen angelegtes Set, das definitiv zu unterhalten wusste. Weniger angetan war so mancher Besucher offenbar von der Aussicht, mit Julian Warner Krieg zu spielen - selbst wenn es nur um eine Sandkasten-Version ging.

Arca hat ihre Anhänger zuletzt kaum durchschnaufen lassen: Mit ihrer fünfteiligen „Kick“-Albumserie hat sie in den vergangenen zwei Jahren die ganze Bandbreite ihres Könnens nochmals eindrücklich vorgeführt, von den lauten, exaltierten Momenten bis zur zart ausgestalteten Intimität. Die Musikerin und Produzentin, die bereits mit Größen wie Björk, Kayne West oder The Weeknd zusammengearbeitet hat, ließ sich auch beim Auftritt im Stadtsaal nicht lumpen und holte ihr Publikum auf vielfache Weise ab.

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Dass ihr die dicht gedrängten Reihen huldigen würden, war schon bei den ersten Schritten auf die Bühne klar: Arca verteilte am Bühnenrand Rosen und bekam im Gegenzug ebenfalls einen Strauß überreicht. Den folgenden Einstieg gestaltete sie nur a cappella, bevor der Wechsel ans DJ-Pult den eigentlichen Startschuss markierte. Nun durften alle Hemmungen fallen, gab es kantige Sounds und explodierende Rhythmen, wurden die Spannungsbögen meist kurz gehalten, um sogleich die nächste Abfahrt zu wählen. Noise, Minimal, dezente Dance-Ausflüge - alles war dabei, bis mit Kitties „Spit“ ein hartes Metalriff dem Ganzen ein überraschendes Ende bereitete.

Schon genug? Nein, Arca wollte definitiv mehr, fühlte sich sichtlich wohl und stachelte das Publikum immer wieder an. Eine abschließende Klavierimprovisation nutzte sie schließlich, um einen Anhänger auf die Bühne zu holen, mit ihm zunächst vierhändig weiterzuspielen, bevor der junge Mann dann ans Mikrofon wechselte, sich lasziv auf dem Instrument rekelte und dabei T-Shirt sowie Gürtel ablegte. „Mach einfach weiter, wenn du dich wohlfühlst, das ist ein sicherer Raum!“, pushte ihn Arca. Es war ein spezielles Ende für einen besonderen Auftritt, der jedenfalls in Erinnerung bleiben wird.

Ähnlich dürfte es manchem Teilnehmer von „The Kriegsspiel“ gehen: Die Installation von Julian Warner in der Kunsthalle Krems wird von dem Künstler und Kulturtheoretiker am ersten Festivalwochenende „aktiviert“ - sprich: Er spielt mit jeweils 20 Besuchern diese Sandkasten-Simulation von Krieg. Wobei es Warner wichtig war festzuhalten, dass nicht das Durchleuchten kriegerischer Abfolgen und Strategien im Fokus steht, sondern die Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft und der „mechanisierten Welt“. Aufgeteilt in zwei Teams, oblag es also den Besuchern, Festung und Arsenale zu schützen, mit Infanterie und Artillerie vorzurücken und eine „Special Unit“ klug einzusetzen.

Das rundenbasierte Spiel dürfte aber nicht jedermanns Sache gewesen sein. So lieferte sich im zweiten Durchgang ein junger Mann mit Warner ein Wortgefecht darüber, keinesfalls Krieg spielen zu wollen. Die Diskussion endete letztlich damit, dass einige Personen den Raum verließen und das Spiel nur noch in einem Verhältnis von vier zu sieben weiterging. Ein wirkliches Ende gab es ohnehin nicht, da die jeweils nächsten Gruppen mit dem hinterlassenen Spielfeld weitermachen müssen - vorausgesetzt, die Bereitschaft dazu ist da.

Ein relativ kurzes Vergnügen gab es bei Kids of the Diaspora: Die Performance „Nothing Can Cross Our Spirit“ verband bei einem Bargespräch zwischen einer Frau und einem Mann (Gabriela García Vargas und Julio Cesar Gispert) Fragen von Identität und Herkunft mit dem Geschlechterverhältnis. Was wird von einer Frau erwartet, welchen Vorurteilen sieht sich ein Mann ausgesetzt - und wie können wir uns selbst kennen, wenn wir über unsere Geschichte vielleicht gar nicht Bescheid wissen? Das lockere Setting in der Halle 3 hatte zwar seinen Reiz, die vertiefende Auseinandersetzung wird man aber wohl nach der Aufführung gemeinsam mit den Künstlern an der Bar suchen müssen.

Und natürlich gab es am zweiten Festivaltag auch wieder viel Musik: Die japanische Percussion-Legende Midori Takada strapazierte in der Minoritenkirche bisweilen die Geduld des Publikums, changierte zwischen Klang- und Sprachexperiment einerseits und höchst eindrucksvollem Marimbaspiel andererseits. Das Duo 700 Bliss wiederum, bestehend aus Moor Mother und DJ Haram, setzte auf parolenhafte Raps, reichlich Stimmverzerrung und Sounds, die sich immer kurz vorm Ausbruch zurückzogen und statt in einem unbarmherzigen Groove lieber in einer ebenso mitreißenden Landschaft aus Lärm und Rauschen aufgingen.

„Kathartische Momente“ wollte auch Emma Burgess-Olsen alias Umfang mit ihrem DJ-Set liefern, wenngleich die Umstände nach zwei Jahren Pandemie nicht ganz einfach seien, wie sie im APA-Interview erklärte. „Es fühlt sich immer noch sehr neu an“, sprach sie ihre ersten Performances in diesem Jahr an. „Emotional ist es sehr kompliziert: Das war mein ganzes Leben, und dann dachte ich, dass es für immer vorbei ist. Aktuell befinde ich mich da irgendwo in der Mitte. Wahrscheinlich kann ich das alles erst beurteilen, wenn ich von dieser Tour wieder zuhause bin.“

Auf der Bühne war davon jedenfalls wenig zu spüren: Minimal Techno in Reinform, konsequent in der Ausführung und sehr fein in der Abstimmung, sorgte für viel Bewegung in der Halle 2. Dass Burgess-Olsen den Eindruck hat, die Leute könnten „die Geduld mit mir verlieren“, bewahrheitet sich hoffentlich nicht. Vielleicht hat die erzwungene Pause ja auch etwas gutes: „Ich muss mich wohl langfristig orientieren und meine Ausrichtung verfeinern, einfach den nächsten Schritt wagen.“ Es bleibt jedenfalls spannend.

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