Gefangen in der digitalen Welt: Wenn Handy und Computer zur Sucht werden

Wie gefährlich sind Handy und Computer für Kinder? 300 Wissenschafter gehen am Wochenende in Innsbruck dieser Frage nach. Experten plädieren für Regeln für den Umgang.

Egal, ob per Smartphone oder Computer: Vor allem Kinder werden schnell in den Bann der virtuellen Welt gezogen. Der übermäßige Internetkonsum kann aber in einer Sucht münden.
© ljubaphoto

Von Elisa Mair

Innsbruck – Ein Junge sitzt bereits seit Stunden vor dem PC. Er beschäftigt sich mit einem Online-Spiel, anstatt sich um Hausaufgaben oder Freunde zu kümmern. Weil die Mutter mit Ermahnungen nichts erreicht, zieht sie den Stecker vom WLAN-Router. Das Spiel ist vorbei. Der Junge rastet aus und randaliert, sodass sogar die Polizei einschreiten muss.

Das Szenario, das Marti­n Fuchs schildert, ist nicht ein Einzelfall aus Amerika, sondern so in Tirol passiert. Fuchs ist leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Hall

Innsbruck, wo suchtkranke Jugendliche behandelt werden. Der Vorfall zeigt, wie weit Internetsucht gehen kann. Genaue Zahlen weiß Fuchs: „Zehn von hundert Jugendlichen sind internet-süchtig bzw. suchtgefährdet.“

Die Internetsucht ist als Krankheit von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt. Betroffen sind mehr männliche als weibliche Jugendliche. Und während die Jungs vor allem vor dem Computer sitzen, um Videospiele zu spielen, nutzen die Mädchen das Internet eher zur Kommunikation. Beides allerdings kann zur Sucht werden.

TT-ePaper testen und eine von drei Gasser Tourenrodeln gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Die TT verlost drei Gasser Tourenrodeln und 50 Thermosflaschen

Wenn das Hobby zur Störung wird, weil sportliche Aktivitäten in den Hintergrund rücken, Freundschaften nicht mehr glücklich machen und eine virtuelle Rolle geschaffen wird, um aus der realen Welt zu fliehen, handelt es sich um eine Sucht. „Damit einhergehen können Angsterkrankungen und Aggressionsschübe“, erklärt Kathrin Sevecke, Direktorin der Uniklinik für Kinde­r- und Jugendpsychiatrie in Hall/Innsbruck.

An der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall werden sechs Behandlungsplätze für nicht stoffgebundene Sucht­erkrankungen – also auch die Internetsucht – angeboten. Im Schnitt befinden sich zwei Jugendliche in stationärer Betreuung. Die Behandlung erfolgt gemeinsam mit Alkohol- oder Drogensüchtigen, „da die Auswirkungen der Suchterkrankung in allen Fällen dieselben sind“, begründet Sevecke. Denn auch ein Internetsüchtiger kann unter den typischen Entzugserscheinungen leiden.

In Gruppentherapien und Einzelgesprächen wird herausgefunden, was den Betroffenen in die Sucht geführt hat. Medienfreie Zeiten, gemeinsame Aktivitäten wie Kochen und körperliche Betätigung sollen die Kinder und Jugendlichen wieder in die Normalität führen. Ein nicht zu unterschätzendes Problem: „Wenn sie am Wochenende heim dürfen und die Eltern die Regelungen wieder aufweichen“, sagt Sevecke. Die an der Psychiatrie behandelten Heranwachsenden seien jedoch nur die Spitze des Eisberges. Und: „Es gibt viele Anlaufstellen davor – wie z. B. das Info-Eck –, an die man sich bei besorgniserregendem Internetkonsum wenden kann“, sagt Fuchs.

Mit der Frage, wie Computerspielen zur Sucht wird, beschäftigt sich der sechste Kinder- und Jugendpsychiatrie-Kongress in Innsbruck. Unter dem Motto „Kinder und Jugendliche im Internet – Chance oder Gefahr?“ diskutieren am Freitag bzw. Samstag die rund 300 Teilnehmer auch, ob virtuelle Realität als therapeutisches Werkzeug für Kinder und Jugendliche in Frage kommt.

Wie Martin Fuchs betont, haben neue Techniken und Medien nämlich nicht nur negative Auswirkungen. Stichwort ADHS: „Betroffene Kinder können in so einem digitalen Umfeld lernen, ihre Impulsivität zu kontrollieren oder sich zu entspannen. Ähnliche Ansätze zur Behandlung wollen wir auch in Hall ausprobieren.“

Das raten die Experten

Tipp Nummer 1: Kinder unter zwei Jahren sollten laut WHO noch keinen Kontakt mit Handy oder Computer haben. Aber auch danach ist die tägliche Verweildauer möglichst gering zu halten.

Tipp Nummer 2: Eltern sollten immer darüber informiert sein, womit sich ihre Kinder im Internet beschäftigen. Und sie müssen verstehen, was den Reiz ausmacht, um korrigierend einzugreifen.

Tipp Nummer 3: Auch wenn Pauschal-Empfehlungen schwierig sind: Eltern sollten vor allem bei Kindern den Handykonsum zeitlich reglementieren. Wichtig: diese Vereinbarung auch kontrollieren.

Tipp Nummer 4: Wenn Eltern ihren Kindern etwas anderes vorlebe­n, als sie von ihnen verlangen, wird es schwierig. Deshalb: Selbst einmal das Handy weglegen und sich mit dem Kind beschäftigen.


Schlagworte