Weltmeister Lambiel im Interview: Zufriedenheit durch Verantwortung

Vom Weltmeister zum Choreographen und Coach: Eiskunstläufer Stéphane Lambiel schaffte den Sprung und trainierte in Telfs mit Star Uno. Dabei plauderte der Schweizer auch über die heute beginnende EM in Graz.

Spéphane Lambiel trainierte mit seinem Schützling Shoma Uno (2.v.l.) in Telfs und traf dort u.a. auf Nathalie Klotz, Maurizio Zandron und Claudia Houdek.
© Foto TT/Rudy De Moor

Sie liefen als Doppel-Weltmeister und Olympia-Zweiter 2006 in Arenen, waren aber jetzt mit Ihrem Team in der Telfer Eishalle zu Gast. Warum?

Stéphane Lambiel: Aufgrund der Jugendspiele in Lausanne suchten wir nach einem Ort, um in Ruhe trainieren zu können. Dass wir für rund drei Wochen nach Telfs kamen, hatte mehrere Gründe: Die Infrastruktur hier ist toll, ebenso wie die Beziehung zu den Leuten, mit denen wir in Kontakt sind. Sie helfen und unterstützen uns in allem, was wir brauchen. Es war perfekt, auch dass wir zu Fuß in die Halle sowie zum Essen gehen konnten. Und die Landschaft ist wunderschön.

Beim Training haben Sie Österreichs EM-Hoffnung Maurizio Zandron gesehen. Wie viel Potenzial sehen Sie in ihm für Graz?

Lambiel: Er hat sicher Potenzial. Er hat eine sehr schöne Persönlichkeit, er ist technisch gut und stark. Ich wünsche ihm alles Gute für Graz. Zuhause zu laufen, ist immer sehr schön. Ich kenne diese Gefühle selbst und ich hoffe, dass er es auch genießen und die Energie des Publikums für sich nutzen kann.

Sie arbeiten nicht nur als Trainer, sondern auch als Choreograph. Welche Rolle spielt die Gestaltung eines Programms auf dem Eis?

Lambiel: Diese Arbeit findet hauptsächlich in der Zeit zwischen den Saisonen statt – von April bis Ende Juli. Ich mache für viele Läufer Programme. Es ist wichtig, weil es ein gutes Zusammenspiel mit der technischen Seite braucht. Der Unterschied ist, dass du als Choreograph ein Programm machst, das dann eigentlich abgeschlossen ist. Du kannst während der Saison mit Videos schon noch etwas ändern, aber als Trainer hast du eine größere Verantwortung. Du erlebst auch die weniger guten Tage, an denen etwas nicht funktioniert. Als Choreograph ist es, wie wenn du eine Nichte hast. Die ist sehr schön, aber dann auch wieder weg. Als Trainer musst du Schlüssel finden, um Probleme zu lösen. Aber diese Arbeit gefällt mir sehr. Je mehr Verantwortung du hast, desto mehr Zufriedenheit entsteht.

Wen sehen Sie als Favoriten für die EM in Graz?

Lambiel: Für mich sind es die Russin Aliona Kostornaia im Einzel, im Paarlauf die Russen Jewgenija Tarassowa/Wladimir Morosow und bei den Eistänzern Gabriella Papadakis/Guillaume Cizeron aus Frankreich.

Eiskunstlauf-EM in Graz - Programm

Montag und Dienstag: Training


Mittwoch: 11.30 Uhr Kurzprogramm der Herren, 18.30 Uhr Eröffnungszeremonie; 19.15 Paarlauf Kurzprogramm.


Donnerstag: 12.00 Uhr Eistanz Rhythmustanz; 18.30 Kür der Herren.


Freitag: 11.30 Uhr Kurzprogramm der Damen, 19.00 Paarlauf Kür.


Samstag: 13.25 Uhr Eistanz, Kürtanz, 18.30 Uhr Kür der Damen.


Sonntag: 14.30 Uhr Schaulaufen/Gala.

Ihr lettischer Schützling Deniss Vasilijev, EM-Vierter und WM-Sechster 2018, verletzte sich in Telfs. Kann er in Graz starten?

Lambiel: Er hat sich bei der Landung nach einem Sprung den linken Knöchel verdreht, war aber bereits wieder auf dem Eis, um sich auf die EM vorzubereiten. Sein Start in Graz ist nicht in Gefahr.

Seit Kurzem trainieren Sie auch Japans Superstar Shoma Uno. Wie läuft die Zusammenarbeit? Er spricht ja kaum Englisch.

Lambiel: Es läuft sehr gut. Wir arbeiten seit Anfang November enger zusammen. Ich kenne ihn schon, seit er 15 Jahre alt ist, wegen der Zusammenarbeit mit Japans Nationalteam. Ein paar Worte Japanisch kann ich, so etwa 20 werden es sein, aber Shoma braucht nicht viel, um zu verstehen. Oft genügt eine Geste oder eben ein Wort. Wir haben einen guten Draht zueinander. Shoma ist ein super Talent. Was ich ihm gebe, kann er benutzen, und er gibt auch mir sehr viel.

Uno kann zu Ihnen aufschauen. Sie sind ihm zwei WM-Titel voraus.

Lambiel: Ja (lacht). Wir haben auch beide Olympia-Silber. Ich wünsche ihm aber mehr. Er kann sicher mehr, es gibt keine Grenze für ihn. Es sieht alles so leicht bei ihm aus, obwohl es das nicht ist. Jedes Mal, wenn er auf dem Eis ist, versucht er, noch Schwereres zu machen als beim letzten Mal. Manchmal ist es sogar für meine anderen Läufer nicht leicht, sich auf sich zu konzentrieren, weil er so viel macht. Er ist ein Vorbild für alle.

Reizt es Sie nicht, jetzt vor der EM in Graz etwa, noch einmal anzutreten?

Lambiel: Mich? Mit fast 35 Jahren ist das nicht möglich. Ich habe diese Schnelligkeit nicht mehr. Es reicht vielleicht für ein, zwei Sprünge, aber nicht für eine Kür. Die Schnelligkeit ist Vergangenheit (lacht). Leider. Aber ich liebe es, auf dem Eis zu sein und laufe auch noch Shows.

Das Gespräch führte
 Sabine Hochschwarzer

Eiskunstlauf-EM - Titelverteidiger, Starter, Infos

Die EM-Titelverteidiger: Damen: Sofja Samodurowa (RUS/nicht am Start), Herren: Javier Fernandéz (ESP/beendete seine Karriere); Paarlauf: Vanessa James/Morgan Ciprès (FRA); Eistanzen: Gabriella Papadakis/Guillaume Cizeron (FRA).

Für Österreich in Graz am Start: Herren: Maurizio Zandron (27 Jahre/Tirol); Damen: Olga Mikutina (Vlbg./16 Jahre); Paare: Miriam Ziegler (Bgld./25 Jahre) und Severin Kiefer (Sbg./29 Jahre).

Alle Infos unter: https://www.graz2020.com/


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