Gut zu wissen: Nur so kann das Klima noch gerettet werden

Um das Klima zu schützen, müsste eigentlich bis spätestens 2050 der gesamte globale Treibhausgasausstoß auf Null reduziert sein. Welche gesellschaftlichen Maßnahmen dazu notwendig wären, zeigt ein internationales Forscherteam mit Tiroler Beteiligung.

Symbolfoto.
© EPA/XAVIER BERTRAL

Innsbruck, Potsdam – Der Klimawandel ist nicht zu leugnen. Laut einem Report der Umweltorganisation Greenpeace bekommt Österreich die Auswirkungen der Erderwärmung besonders deutlich zu spüren.

Während die globale Durchschnittstemperatur seit dem Jahr 1880 um knapp ein Grad Celsius angestiegen sei, ist der Anstieg in Österreich mit rund zwei Grad doppelt so hoch. Auch der weitere Ausblick ist düster. Besonders Tirols Gletscher und Permafrostböden verschwinden mit rasantem Tempo.

Um die Folgen der Erderwärmung einzudämmen, müsste bis spätestens 2050 der gesamte globale Treibhausgasausstoß auf Null reduziert werden. Um das zu erreichen, braucht es konkrete und echte gesellschaftliche Trendwenden. Ein internationales Forscherteam mit Tiroler Beteiligung hat nun im Fachjournal Pnas sechs Bereiche wie Energie, Finanzwelt und Bildung als "gesellschaftliche Kippmechanismen" aufgezeigt, die Auslöser für die notwendigen Veränderungen sein könnten.

„Unsere Gesellschaft ist derzeit in einem nicht-nachhaltigen Zustand gefangen, in dem wir sehr stark von der Verbrennung fossiler Energieträger abhängig sind. Machen wir weiter so wie bisher, wird es ziemlich ungemütlich", erklärte Studien-Koautorin Franziska Allerberger von der Universität Innsbruck. Da inzwischen die Zeit davonlaufe, müsse sich ziemlich schnell und drastisch etwas verändern. "Die von uns identifizierten gesellschaftlichen Kippmechanismen können Auslöser für diese erforderlichen raschen, tiefgreifenden Veränderungen sein", so Allerberger.

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Die Vorschläge des Forscherteams:

Die Wissenschafter um den ehemaligen Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, haben für die Studie weltweit Wissenschafter befragt und aus deren Vorschlägen die aus ihrer Sicht aussichtreichsten Kandidaten ausgewählt:

ENERGIEERZEUGUNG: Hier müsste der Trend weg von fossilen Brennstoffen gehen. Dabei ist vor allem die Politik gefordert: 2015 waren die Subventionen für Kohle, Erdöl und Erdgas noch mehr als doppelt so hoch wie die Subventionen für erneuerbare Energien. Außerdem empfehlen die Forscher einen Umbau der Energieversorgung von zentralen Kraftwerken hin zu dezentraler Energiegewinnung, etwa durch Solar- und Windkraft.

STÄDTE: Direkte und indirekte Emissionen von Gebäuden summieren sich weltweit zu 20 Prozent des Treibhausgasausstoßes. Die Wissenschafter schlagen große Demonstrationsprojekte vor, in denen auch klimafreundliches Bauen gezeigt werden könnte. So könne ein großes Gebäude, das zu 80 Prozent aus laminiertem Holz errichtet werde, Tausende Tonnen Kohlendioxid (CO2) vermeiden. Auch in der öffentlichen Infrastruktur von Städten besteht den Forschern zufolge ein großes CO2-Einsparpotenzial.

FINANZSYSTEM: Wenn Investoren befürchten müssten, dass sich ihr Engagement bei fossilen Brennstoffen nicht mehr rentiert, könnten sie ihre Gelder aus dieser Branche abziehen. „Simulationen zeigen, dass nur neun Prozent der Investoren das System kippen könnten, was andere Investoren dazu veranlasst, dem zu folgen“, schrieben die Forscher. Es gebe bereits Anzeichen für einen Wendepunkt, nämlich Kürzungen bei der finanziellen und versicherungstechnischen Unterstützung von Kohleprojekten.

NORMEN UND WERTE: Die Gewinnung und Nutzung fossiler Brennstoffe, die nicht im Einklang mit dem Ziel des Pariser Klimaabkommens sei, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ist den Forschern zufolge „wohl unmoralisch“. Denn solches Handeln verursache weitestgehend schwerwiegende und unnötige Schäden. „Das Bewusstsein für die globale Erwärmung ist hoch, aber die gesellschaftlichen Normen zur grundlegenden Veränderung des Verhaltens sind es nicht“, wird Ko-Autor und PIK-Direktor Johan Rockström in einer Mitteilung seines Instituts zitiert. Dies gelte es zu ändern. „...längerfristig ist wohl ein neues soziales Gleichgewicht erforderlich, in dem der Klimaschutz als soziale Norm anerkannt wird.“

BILDUNGSSYSTEM: „Nachhaltigkeit kann nicht auferlegt werden, sie muss gelernt werden“, schrieben die Studienautoren. Deshalb plädieren sie dafür, in deutlich höherem Maße als heute eine umwelt-und klimabewusste Lebensweise in den Schulunterricht einzubeziehen. Qualitativ hochwertige Bildung unterstütze und erweitere Normen und Werte und könne schnell zu Verhaltensänderungen bei Einzelpersonen und ihren Kohorten führen, betonen die Wissenschafter.

VERBRAUCHERINFORMATIONEN: Wichtig für einen gesellschaftlichen Wandel sind nach der Einschätzung der Forscher auch Informationen für die Verbraucher. Unter den analysierten Vorschläge waren auch Angaben über den Ausstoß von Treibhausgasen zur Herstellung eines Produkts auf jeder Packung, ähnlich wie die Nährwertangaben bei Lebensmitteln. „Es sollte den Menschen einfach gemacht werden, einen klimaneutralen Lebensstil zu führen“, sagt Rockström.

Die Tiroler Forscherin Allerberger betont, dass man diese Kippmechanismen nicht einzeln betrachten könne. Sie würden sich gegenseitig beeinflussen und könnten sich in ihrer Wirkung verstärken. Damit werde es wahrscheinlicher, rasch aus dem nicht-nachhaltigen Zustand herauszukommen. Entscheidend sei jetzt, dass Wissenschafter aus den unterschiedlichsten Disziplinen gemeinsam mit Politikern, Vertretern von NGOs und der Wirtschaft sowie vor allem auch mit jungen Menschen konkrete Wege erarbeiten, wie eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung konkret und sozial gerecht gestaltet werden kann. "Letztendlich zählen aber Handlungen und nicht die bloße Beschreibung von Möglichkeiten." (TT.com, APA/dpa)

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