Weiter 0,0 Prozent: EZB hält Zinsen im Euroraum auf Rekordtief

Die Europäische Zentralbank bleibt ihrem Kurs vorerst treu: Der Leitzings im Euroraum wird weiter nicht verändert. Banken müssen für geparkte Gelder 0,5 Prozent Zinsen an die EZB zahlen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
© AFP

Frankfurt – Europas Währungshüter halten die Zinsen im Euroraum auf Rekordtief. Der Leitzins bleibt bei 0,0 Prozent, Banken müssen für geparkte Gelder weiterhin 0,5 Prozent Zinsen an die Europäische Zentralbank (EZB) zahlen. Der EZB-Rat bestätigte bei seiner ersten Zinssitzung in diesem Jahr am Donnerstag in Frankfurt zudem die monatlichen Anleihenkäufe der Notenbank in Höhe von 20 Milliarden Euro.

Seit Jahren versucht die EZB, mit einer Flut billigen Geldes die Konjunktur im Euroraum anzukurbeln und die Inflation in Richtung der Zielmarke der Notenbank zu treiben. Hauptziel der Währungshüter sind stabile Preise im Euroraum. Die Notenbank strebt für den Währungsraum mit seinen 19 Ländern mittelfristig eine Jahresteuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an - weit genug entfernt von der Nullmarke.

Dauerhaft niedrige oder auf breiter Front sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher verleiten, Investitionen aufzuschieben. Das kann die Wirtschaft bremsen. Nach jüngsten Zahlen des Statistikamtes Eurostat lagen die Verbraucherpreise im Euroraum im Dezember 1,3 Prozent über dem Stand des Vorjahresmonats.

Wie viel Teuerung ist gut? EZB-Strategie auf dem Prüfstand

Christine Lagarde stellt die seit Jahren ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) auf den Prüfstand. Tabus gibt es dabei keine, wie die erste Frau an der Spitze der Notenbank am Donnerstag nach der zweiten Zinssitzung unter ihrer Leitung bekräftigte. Ein Thema der Strategiediskussion: Was ist das richtige Maß für die Inflation?

Was ist Inflation eigentlich?

Die Preise für Waren und Dienstleistungen können sich in einer Marktwirtschaft jederzeit ändern - einige steigen, andere fallen. Erhöhen sich Preise allgemein, spricht man von Inflation. Das Geld ist dann weniger wert, Verbraucher können für einen Euro weniger kaufen als zuvor. Zahlen für die 19 Staaten im Euroraum gibt es von der Behörde Eurostat.

Wieso haben Währungshüter ein Augenmerk auf die Teuerung?

Ist die Inflation zu hoch, verlieren Verbraucher an Kaufkraft und die Währung hat weniger Rückhalt. Stagnieren Preise andererseits oder fallen auf breiter Front, kann das Verbraucher und Unternehmen verleiten, Investitionen aufzuschieben. Denn es könnte ja bald noch günstiger werden. Dieses Abwarten kann die Konjunktur ausbremsen.

Was strebt die EZB an?

Hauptziel der Notenbank ist ein ausgewogenes Preisniveau - im Jargon der Währungshüter: Preisstabilität. Diese sieht die EZB am ehesten gewährleistet, wenn die Preise im Euroraum moderat steigen. Daher wurde ein Inflationsziel mit Abstand zur Nullmarke gewählt. Bei Gründung der EZB im Juni 1998 definierten die Euro-Notenbanken Preisstabilität bei einer jährlichen Teuerungsrate von "unter zwei Prozent". Im Jahr 2003 präzisierte der EZB-Rat, mittelfristig werde eine Inflation von "unter, aber nahe zwei Prozent" angestrebt. Die meisten Zentralbanken entwickelter Volkswirtschaften richten ihre Geldpolitik auf das Ziel einer Teuerungsrate von rund zwei Prozent aus.

Hat die EZB ihr Inflationsziel erreicht?

Seit 2013 lag die Teuerungsrate im Euroraum oft deutlich unter der Zwei-Prozent-Marke. Und das, obwohl die EZB viel billiges Geld in die Märkte gepumpt und die Zinsen auf Rekordtief gesenkt hat - beides in der ökonomischen Theorie probate Mittel, um für mehr Inflation zu sorgen.

Was könnte nun der Ausweg sein?

Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) fordert eine Abkehr vom bisherigen Inflationsziel. "Mit dem Inflationsziel hat sich die EZB in eine Sackgasse manövriert", argumentiert BdB-Hauptgeschäftsführer Christian Ossig. Schleichend sei das "unter, aber nahe bei 2 Prozent" auf eine Art Punktziel von 1,9 Prozent verengt worden - mit der Folge, dass sich die EZB gezwungen sah, ihre Geldschleusen immer weiter zu öffnen. "Das Inflationsziel der EZB sollte künftig als eine Art Inflations- oder Toleranzband zwischen ein und zwei Prozent ausgelegt werden", fordert der BdB in einem Positionspapier.

Ist das im EZB-Rat mehrheitsfähig?

Auch unter Notenbankern gibt es Fürsprecher für mehr Flexibilität beim Thema Inflation. "Einige Ratsmitglieder haben empfohlen, dass es ein Band um das Ziel geben könnte", wurde Estlands Notenbankchef Madis Müller im Dezember in Medienberichten zitiert. "Ich denke wir sollten das diskutieren." Ein solches Inflationsband würde der EZB mehr geldpolitischen Spielraum einräumen. Die Notenbank müsste dann nicht mehr unmittelbar reagieren, sollten die Inflationsraten zeitweilig von dem prozentualen Ziel abweichen.

Welche Folgen hätte ein flexiblerer Umgang mit Inflation für Sparer?

Je mehr Spielraum sich die EZB in Sachen Inflation gibt, umso länger könnte die Notenbank an Null- und Negativzins festhalten. Würde sich der EZB-Rat beispielsweise auf eine Spanne von ein Prozent bis drei Prozent mit einem Anker in der Mitte festlegen, wäre "der Anreiz zur Normalisierung der Geldpolitik ... vergleichsweise schwach", analysiert die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba).

Was hat sich die EZB vorgenommen?

"Der EZB-Rat wird die Wirksamkeit und die möglichen Nebenwirkungen des in den vergangenen zehn Jahren entwickelten geldpolitischen Instrumentariums überprüfen", kündigte die Notenbank am Donnerstag an. In einem umfassenden Prozess will die Notenbank unter anderem ihre Formulierung von Preisstabilität ebenso unter die Lupe nehmen wie ihr geldpolitisches Instrumentarium. Bei der Berechnung der Inflation könnten künftig möglicherweise auch die seit Jahren kräftigen Preissteigerungen bei Immobilien ein höheres Gewicht bekommen. In den Strategieprozess sollen externe Experten eingebunden werden. Abgeschlossen sein soll die Überprüfung möglichst bis zum Ende dieses Jahres.

Lagarde will Kurs bis Jahresende überprüfen

Unter der seit 1. November amtierenden EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat eine Diskussion Fahrt aufgenommen, ob es für die Handlungsfähigkeit der Notenbank nicht sinnvoller wäre, einen Korridor als Ziel für die Teuerungsrate festzulegen.

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Lagarde hatte nach der ersten EZB-Ratssitzung unter ihrer Leitung im Dezember eine strategische Überprüfung des EZB-Kurses angekündigt: "Wir werden jeden Stein umdrehen." Bis Ende dieses Jahres sollen Ergebnisse vorliegen. Details zu der Überprüfung will die EZB am Donnerstagnachmittag veröffentlichen.

Schon vor ihrem Amtsantritt in Frankfurt hatte die damalige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) zugesichert, die Nebenwirkungen der seit Jahren ultralockeren Geldpolitik genauer unter die Lupe zu nehmen. Lagarde bekräftigte im neuen Amt aber auch, sie halte eine sehr lockere Geldpolitik auf absehbare Zeit für nötig.

Sparbuch und Tagesgelkonten werfen praktisch keine Zinsen ab

Das Zinstief macht Banken und Sparern zu schaffen. Sparbuch und Tagesgeldkonten werfen im Grunde keine Zinsen mehr ab. Wer viel Geld bei der Bank hortet, dem drohen gar Negativzinsen. Kreditnehmer profitieren dagegen von vergleichsweise günstigen Konditionen.

Vor allem in Deutschland war Lagardes Vorgänger Mario Draghi mit seinem Kurs angeeckt. Lagarde hat sich daher auch vorgenommen, die Maßnahmen der Notenbank besser zu erklären. "Wir werden offen, transparent und zugänglich sein. Wir werden versuchen, eine Sprache zu sprechen, die jeder versteht. Und wir werden zuhören und ein offenes Ohr für die Sorgen und Bedenken der Bürgerinnen und Bürger haben", versprach die Französin vergangene Woche beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt. (APA, dpa)


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