Weniger ansteckend als Influenza: Tiroler Experte zu neuem Coronavirus

Infektiologe Günter Weiss hält es für nicht unwahrscheinlich, dass es auch bei uns Coronavirus-Patienten geben kann. Panik sei fehl am Platz. Häufiges Händewaschen hilft. Land und Klinik treffen Vorbereitungen.

In der Millionenstadt Wuhan brach die neue Lungenkrankheit aus.
© ANTHONY WALLACE

Peking, Innsbruck – Die Feierlichkeiten in China zum chinesischen Neujahr fallen heuer kleiner aus, oder sie entfallen ganz. Das Regime versucht, Menschenansammlungen zu verringern. Mit dem Erreger 2019-nCoV haben sich nach offiziellen Angaben mehr als 600 Menschen in China infiziert, 17 von ihnen starben.

Vier Städte, darunter Millionen-Metropolen wie Wuhan, wurden abgeriegelt, Flüge, Züge, Busse und Fähren am Donnerstag gestoppt. In der Öffentlichkeit müssen Schutzmasken getragen werden, wer sich nicht daran hält, wird bestraft. 20 Millionen Menschen sind von den Maßnahmen betroffen. Alle Städte liegen in der Provinz Hubei. Die Region ist damit von dem auch schon in anderen Teilen des Landes und Ländern wie Thailand oder den USA vom neuen Virus besonders stark betroffen.

Video: China riegelt Millionenstädte ab

Der Virus kann zwar von Mensch zu Mensch übertragen werden, ist aber ein kaum ansteckender Erreger. Es habe sich kaum Krankenhauspersonal angesteckt und auch bei den Fällen in den USA oder Thailand habe es bisher keine Übertragung auf weitere Menschen gegeben, erklärten Experten.

Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober erklärte, er sehe keinen Grund zur Aufregung. Aber es brauche größte Aufmerksamkeit und internationale Abstimmung. Dies sei gewährleistet.

In Tirol haben sowohl die Landessanitätsdirektion als auch die Tirol Kliniken Vorkehrungen getroffen. Keine Sonderkontrollen gibt es am Innsbrucker Flughafen. Alle Informationen des Sozialministeriums würden umgehend an alle Systempartner weitergeleitet, heißt es aus der Landessanitätsdirektion. Sollte ein Fall in Österreich auftreten, sind entsprechend alle Stellen informiert. Ärzte seien informiert worden, wie man das Coronavirus diagnostiziere. Die Ansteckungsgefahr stuft die Landessanitätsdirektion als moderat ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Europa und damit auch in Tirol zu ausgedehnten Infektketten kommen könnte, sei als gering zu bewerten.

An der Innsbrucker Klinik wurden bereits Handlungsanweisungen für die Mitarbeiter herausgegeben. Spezialist auf dem Gebiet ist der Direktor der Infektiologie, Univ.-Prof. Günter Weiss. Auch er sagt im TT-Interview, dass die Gefahr, sich anzustecken, weniger hoch sei als bei einer Influenza.

1 Herr Professor Weiss, wie gefährlich ist das Virus? Es verursacht Atemwegsinfektionen mit Lungenentzündungen. Die Patienten müssen länger im Krankenhaus bleiben, glücklicherweise führt es nur zu einem Prozent letztendlich zum Tod. Von der Todesrate ist es vergleichbar mit einer Influenz­a, aber das Coronavirus ist deutlich weniger ansteckend.

2 Wie kann man sich schützen? Coronaviren kommen bei allen Tieren, zum Beispiel bei Fischen oder Katzen vor. Die meisten Erstinfizierten waren am Fischmarkt in Wuhan. Von Menschen zu Menschen ist es übertragbar, aber nicht leicht. Das liegt daran, dass das Virus im Atemwegstrakt und nicht in der Nase sitzt, wo es durch Niesen weiterverbreitet werden könnte. Schützen kann man sich durch häufigeres Händewaschen und durch das Tragen eines Mundschutzes in betroffenen Gebieten. Von der Influenza wissen wir, dass die Viren auch über die Augen übertragen werden können, daher raten wir, Brillen zu waschen, um das zu verhindern. Es braucht schon intensiven Kontakt mit einem Infizierten, um das Coronavirus zu bekommen.

3 Wie stark ist Europa, respektive Tirol, betroffen? Wir leben in einer Welt, in der man innerhalb von 24 Stunden von einem Ende zum anderen kommt, und wir haben hier in Tirol sehr viele Touristen aus China. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein Erkrankter bei uns einreist und bei uns Symptome entwickelt. Weniger wahrscheinlich ist wohl, dass jemand von uns nach China in diese Region fährt und dann diese Infektion bekommt.

4 Wie bereitet sich die Klinik vor? Wir haben die wesentlichen Informationen zusammengefasst, wie man sich als Mitarbeiter verhalten soll, wenn ein Verdachtsfall auftaucht, und wie man das abklärt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass so ein Patient aufpoppt. Oder es kommt ein chinesischer Tourist nach Innsbruck, der Fieber hat. Wir sind in der Grippesaison, wo viele Fieber haben, dann muss der Arzt ausschließen, dass es sich um das neue Coronavirus handelt. Die Isolationsmaßnahmen sind dieselben wie bei einer klassischen Influenza.

5 Wie wird das ausgeschlossen? Wenn sich der Verdacht erhärtet, dann schicken wir eine Probe nach Wien, wo ein Molekularbiologe das innerhalb eines Tages untersucht.

6 Am Flughafen Innsbruck gibt es keine verstärkten Kontrollen. Man verweist auf Kontrollen in Frankfurt. Reicht das? Das Virus hat eine Inkubationszeit von ungefähr einer Woche. Wenn jemand hierher fliegt und die Krankheit sich erst entwickelt, dann fällt der durch die Sondierung durch. Wenn man sich chinesische Reisegruppen ansieht, die machen Europa in zehn Tagen. Die können in Frankfurt, Rom oder wo auch immer landen. Das Screening am Flughafen ist ein Punkt, aber darauf kann man sich nicht hundertprozentig verlassen. Eine Reise tritt man oft an, auch wenn man sich nicht so fit fühlt. Das ist menschlich, aber dadurch könnte das Virus verschleppt werden.

7 Soll man nun einen Bogen um chinesische Reisegruppen machen? Nein. Einfach das machen, was man in der kalten Jahreszeit macht, um Virusinfektionen zu verhindern. Händewaschen, aber nicht mit Mundschutz durch die Gegend laufen oder eine Panikaktion starten.

8 Orten Sie eine Panikmache ähnlich wie bei der Vogelgripp­e, die ganz von der Bildfläch­e verschwunden ist? Die Vogel­grippe gibt es natürlic­h nach wie vor in verschiedenen Regionen der Welt. Die kann in 30 bis 50 Prozent der Fälle tödlich ausgehen. Allerdings ist die Übertragun­g von Mensch zu Mensch nicht aufgekommen. Damit verschwand die Vogelgrippe aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Coronaviru­s ist schwer zu übertragen. (aheu, APA)

Tödliche Infektionskrankheiten

SARS: Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom (Coronavirus)

Wirt: Hufeisennasen-Fledermäuse

Entdeckung: November 2002; es wird vermutet, dass ein bekanntes Coronavirus entweder mutiert oder dass eine Virusart, die bisher nur Tiere befallen hat, 
auf den Menschen „übergesprungen“ ist.

Übertragung: Überlebt bis zu 24 Stunden an der Luft, überwiegend durch Tröpfcheninfektion und durch infizierte Tiere (z. B. Kakerlaken).

SARS-Pandemie 2002/2003: Von Südchina ausgehend verbreitete es sich nahezu über alle Kontinente.

Betroffene Länder: 27; 8096 Fälle mit 774 Toten

Ebola: Viren, die hämorrhagisches Fieber verursachen.

Wirt: bisher unbekannt.

Entdeckung: 1976 in der Demokratischen Republik Kongo

Übertragung: Der Erreger kann von erkrankten Menschen (durch Körperflüssigkeiten), von Tieren und von kontaminierten Gegenständen auf den Menschen übertragen werden. 90-prozentige Letalitätsrate.

Ebola-Epidemie 2014 bis 2016: in 6 westafrikanischen Ländern mit 28.639 Erkrankungsfällen und 11.315 Todesfällen. Dazu gab es noch 7 Erkrankungen in den USA, Italien, Spanien und Großbritannien mit einem Todesfall. 
Ebola-Epidemie seit 2018 in der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda mit bislang 2070 Toten

Vogelgrippe (Geflügelpest): Sie ist eine durch Influenzaviren hervorgerufene anzeigepflichtige Tierseuche, von der Hühner, Puten, Gänse, Enten, wildlebende Wasservögel und andere Vögel betroffen sein können.

Entdeckung: 1878 in Italien

Übertragung: Die Geflügelpest kann alle Vogelarten infizieren. Als natürliches Reservoir für das Virus gelten wildlebende Enten und andere Wasservögel, die jedoch in der Regel nicht schwer erkranken, denn das Virus hat sich ihnen angepasst.

Epidemie: Vermutlich nach Kontak­t mit infiziertem Geflügel kam es u. a. 2013 erstmals auch zu Infektionen von Menschen durch die so genannte Vogelgrippe und als deren Folge zu Todesfällen bei Menschen durch das Influenza-A-Virus H7N9 in China.

Schweinegrippe: Influenzavirus-Variante des Subtyps A H1N1.

Entdeckung: 2009 in den USA. Die erste wissenschaftliche Veröffentlichung beschreibt die neue Virus-Variante als eine genetische Neukombination aus zwei Virus-Linien der Schweine-Influenza. Von Amerika und Mexiko breitete sich das Virus weltweit auf alle Kontinente aus – nur in wenigen Ländern kam es zu keinem Krankheitsfall.

Österreich: In Österreich gab es 964 bestätigte Fälle.

Schweinegrippe-Pandemie 2009/10: über 18.449 Tote


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