Coronavirus in Europa: Drei weitere Fälle in Bayern bestätigt

Befürchtet wurde es schon seit Tagen, nun ist der Nachweis da: Das in China kursierende neue Coronavirus ist auch in Deutschland angekommen. Und es bleibt nicht bei einem infizierten Patienten. In Wien und Kärnten haben sich Verdachtsfälle als negativ herausgestellt. Unterdessen meldet China immer mehr Todesfälle.

Am Dienstag sind die ersten Mensch-zu-Mensch-Ansteckung außerhalb der Ursprunglandes China verzeichnet worden. Neben Vietnam sind auch Fälle in Deutschland und Japan nachgewiesen worden.
© Christophe Gateau

München, Wien – Das neue Coronavirus aus China ist nun auch in Deutschland angekommen. Die bayerischen Gesundheitsbehörden bestätigten am Dienstag die vier ersten Fälle in der Bundesrepublik.

Zunächst war die neue Lungenkrankheit bei einem 33 Jahre alten Mann aus dem Landkreis Landsberg am Lech nachgewiesen worden. Er hatte sich in seiner Firma in einem Vorort von München bei einer Kollegin aus China infiziert. Am Dienstagabend teilte das bayerische Gesundheitsministerium mit, dass sich drei weitere Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben. „Auch diese Patienten sind Mitarbeiter der Firma aus dem Landkreis Starnberg“, hieß es weiter.

Die vier Betroffenen wurden in der München Klinik Schwabing stationär aufgenommen und dort medizinisch überwacht und isoliert, wie das Ministerium mitteilte. „Bei einigen weiteren Kontaktpersonen läuft derzeit ein Test, ob auch hier eine Infizierung mit dem Coronavirus vorliegt.“ Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sagte: „Es wurden insgesamt rund 40 Mitarbeiter der Firma ermittelt, die als enge Kontaktpersonen in Frage kommen. Die Betroffenen sollen am Mittwoch vorsichtshalber getestet werden.“ Dann will das Ministerium auch per Pressemitteilung über den aktuellen Sachstand informieren.

Der 33-Jährige hatte sich nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) bei einer Kollegin aus China angesteckt, die in der vergangenen Woche zu einer Schulung zum Autozulieferer Webasto in den Gautinger Ortsteil Stockdorf im oberbayerischen Landkreis Starnberg gekommen war. Die Frau hatte ihre Infektion erst am 23. Januar auf dem Rückflug nach China bemerkt.

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40 Kontaktpersonen in Firma und Familie werden überprüft

Der erste Coronavirus-Patient war am Montag positiv auf das Virus getestet worden - da war er schon wieder zur Arbeit gegangen. „Es geht ihm recht gut, gestern Vormittag hat er noch gearbeitet“, sagte LGL-Präsident Andreas Zapf. „Er ist fieberfrei, hat auch derzeit keine Atemwegssymptomatik mehr“, fügte der behandelnde Chefarzt Clemens Wendtner vom Klinikum Schwabing hinzu. Der Mann befinde sich in einem Isolierzimmer, für andere Patienten bestehe keine Gefahr.

Die Menschen, die mit der chinesischen und dem zuerst erkrankten deutschen Webasto-Mitarbeiter Kontakt hatten, stehen nach LGL-Angaben unter Beobachtung und sind aufgerufen, ihr Zuhause nicht zu verlassen. Der 33-jährige Patient ist Familienvater, sein Kind geht nach Angaben des Gesundheitsministeriums in eine Krippe im Landkreis Landsberg am Lech. Auch diese stehe nun unter Beobachtung, sagte LGL-Präsident Zapf. Über den Familienstand der drei weiteren Patienten wurde zunächst nichts bekannt. Der Leiter der Taskforce Infektiologie, Martin Hoch, betonte: „Die Zahl kann noch steigen.“

Das neuartige Coronavirus 2019-nCoV kann eine Lungenkrankheit auslösen, an der im Hauptverbreitungsland China bereits mehr als 100 Menschen gestorben sind – die meisten davon waren ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen. Übertragungen, bevor Symptome auftreten, gelten als sehr selten.

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Übertragungen vor den ersten Symptomen gelten als sehr selten. So liefert der erste bestätigte Coronavirus-Fall in Deutschland womöglich auch neue Erkenntnisse über die Ansteckungswege der Lungenkrankheit. Denn der Mann habe sich nach ersten Erkenntnissen bei der Chinesin angesteckt, obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch keine Symptome der Krankheit zeigte.

Die Behörden wollen nun nach und nach weitere Maßnahmen in Bayern einleiten. Eine offizielle Hotline der bayerischen Behörden wurde geschaltet, einige Krankenkassen taten das auch. Am Münchner Flughafen werden die Passagiere nach Angaben des Landesamtes mit Plakaten in drei Sprachen aufgefordert, bei Verdacht einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus einen Arzt aufzusuchen. Weitere Eskalationsstufen des Alarmplans sind möglich: Derzeit werde gemeinsam mit dem Bund beraten, „ob es sinnvoll sein kann, an Flughäfen Fieber zu messen“, sagte Ministerin Huml. Die weltgrößte Spielwarenmesse in Nürnberg erwartet angesichts des Coronavirus-Ausbruchs in diesem Jahr weniger Besucher aus China.

Einen Grund zur Panik gebe es trotz allem nicht, betonte Huml - ebenso wie ihr Amtskollege, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der Fall zeige, „dass wir gut vorbereitet sind“, sagte er. Die Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Deutschland bleibe auch nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts weiterhin gering.

📽 Video | Coronavirus in Bayern bestätigt

Drei bekannte Ansteckungen außerhalb Chinas

Besonders an dem Fall in Bayern ist auch, dass es einer von bisher erst drei bekannten Nachweisen weltweit ist, bei denen die Ansteckung außerhalb Chinas geschah. Bisher handelte es sich bei fast allen der rund 50 erfassten Infektionen in Frankreich, den USA, Thailand und anderen asiatischen Ländern um importierte Fälle. Die Betroffenen hatten sich bei einer Reise nach China infiziert.

In Vietnam gab es den Behörden des Landes zufolge eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung außerhalb Chinas zwischen Vater und Sohn. In Japan wurde am Dienstag ein erster Fall einer Übertragung im Land gemeldet. Der Busfahrer in seinen 60ern habe Anfang des Monats zwei Gruppen chinesischer Touristen aus Wuhan gefahren, gab Gesundheitsminister Katsunobu Kato bekannt.

Verdachtsfälle in Wien und Kärnten negativ

In Österreich gibt es bislang mehrere Verdachtsfälle, zuletzt zwei in Wien und einen in Kärnten. Die Verdachtsfälle in Wien haben sich als negativ herausgestellt. Wie es aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) hieß, haben sich weder der behandelte Mann noch die Frau mit dem neuen Virus infiziert. Derzeit gibt es keinen weiteren Verdachtsfall in der Bundeshauptstadt.

Die Frau und der Mann wiesen nach einer China-Reise grippeähnliche Symptome auf und begaben sich unabhängig voneinander und selbstständig ins Spital. Dann sie wurden auf die 4. Medizinische Abteilung im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital überstellt, die auf Diagnose und Behandlung derartiger Virenerkrankungen spezialisiert sind. Dort wurde von den Ärzten schließlich Entwarnung gegeben.

In Kärnten ist im Coronavirus-Verdachtsfall in Klagenfurt am Dienstagabend Entwarnung gegeben worden. Das Ergebnis der Untersuchung verlief negativ, wie die Presseabteilung des Klagenfurter Magistrats auf APA-Anfrage mitteilte. Ein Klagenfurter, der unter Schnupfen und Husten litt, hatte sich nach einer Chinareise in eine betroffene Region bei den Behörden gemeldet.

In Wien gab es aber auch einen neuen Verdachtsfall. Bei der betroffenen Person wurden eine milde Symptomatik festgestellt, wie es am Dienstagnachmittag aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) hieß. Die chinesische Staatsbürgerin, eine Touristin, wurde erst an der Rudolfstiftung in der Notfallaufnahme behandelt und dann in der Medizinischen Abteilung des KFJ aufgenommen.

Die Frau stammt aus der südchinesischen Provinz Guangdong und klagte über Halsschmerzen. Die beiden vorherigen Coronavirus-Verdachtsfälle in Wien haben sich indes als negativ herausgestellt. Es haben sich weder der behandelte Mann noch die Frau mit dem neuen Virus infiziert. Auch sie wurden auf die 4. Medizinische Abteilung im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital überstellt, die auf Diagnose und Behandlung derartiger Virenerkrankungen spezialisiert sind. Dort wurde von den Ärzten schließlich Entwarnung gegeben.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagte am Montagabend nach einer Sitzung des Einsatzstabs im Innenministeriums, die Ankunft des Virus in Europa sei „kein Grund für Panik". Österreich könne „nicht besser vorbereitet sein", betonte er.

Mit strikten Kontrollen an Flughäfen bei Aus- und Einreise soll die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden.
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Erster Todesfall in Peking

Die chinesische Hauptstadt Peking meldete am Montagabend den ersten Todesfall. Wie die Behörden mitteilten, handelte es sich um einen 50-jährigen Mann, der sich in der Millionenstadt Wuhan aufgehalten hatte, wo das Virus ursprünglich ausgebrochen war – wahrscheinlich auf einem Tiermarkt. Am Dienstagvormittag wurden wieder neue Zahlen veröffentlicht. Demnach stieg die Zahl der Toten innerhalb eines Tages landesweit um 26, die Gesamtzahl der Erkrankungen betrug 4515. Waren am Sonntag 700 neue Infektionen gezählt worden, waren es am Montag bereits 1700.

Die chinesischen Behörden griffen wegen der Ausbreitung zu drastischen Maßnahmen. Nachdem die hauptbetroffene Provinz Hubei bereits seit dem Wochenende praktisch von der Außenwelt abgeschnitten ist, gibt es auch in der Provinz Hebei bei Peking Restriktionen. So wurde am Dienstag der komplette öffentliche Verkehr in der von zwei Millionen Menschen bewohnten Stadt Tangshan eingestellt. Zudem wurde der Fernverkehr zwischen Peking und der Provinz Hebei weitgehend stillgelegt.

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Tausende Ärzte und Pfleger nach Hubei entsandt

Zur Behandlung der Lungenkranken in Zentralchina sind fast 6000 Ärzte und Pfleger aus ganz China in die schwer betroffene Provinz Hubei entsandt worden. Wie die Gesundheitskommission nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag in Peking berichtete, seien mehr als 4100 bereits vor Ort und hätten die Arbeit aufgenommen. Weitere 1800 dürften demnach bis zum Abend eintreffen, um die völlig überforderten Krankenhäuser zu unterstützen.

Mehr als 2700 Infektionen sind allein in der 58 Millionen Einwohner zählenden Provinz bestätigt, deren Hauptstadt die schwer heimgesuchte Elf-Millionen-Metropole Wuhan ist. 100 Menschen seien allein in Hubei gestorben. Wie die lokalen Gesundheitsbehörden ferner berichteten, lägen 2567 Patienten mit dem neuen Coronavirus in Krankenhäusern. In den Hospitälern der Provinz hätten sich allein am Montag fast 32 000 Fieberpatienten gemeldet.

Viele Außenministerien raten ihren Bürgern vor Reisen nach China, speziell in die Region Wuhan, ab. Dort geht der Alltag weiter – wenn auch großteils mit Mundschutz.
© Wallace/AFP

Das US-Außenministerium riet seinen Bürgern von Reisen nach China ab. Bereits geplante Reisen sollten erneut auf den Prüfstand gestellt werden, erklärte das Ministerium am Montag. China könnte zu einem späteren Zeitpunkt auch Ausreisesperren für US-Bürger verhängen, warnte das Ministerium.

Für die besonders von dem Ausbruch des Coronavirus betroffene Provinz Hubei und die Stadt Wuhan warnte das Ministerium ausdrücklich vor jeglichen Reisen. Auch Kanada riet seinen Bürgern von allen Reisen in die Provinz ab und nannte die Auferlegung von massiven Reisebeschränkungen als Begründung.

Leichte Infektionen klingen nach einer Woche ab

Zur Genesung von leichten Coronavirus-Symptomen ist nach Expertenangaben eine Woche ausreichend. Milde Verläufe der Infektion würden sich nicht als Lungenentzündung, sondern nur leichtes Fieber darstellen, sagte der chinesischen Experte der Gesundheitskommission (NHC), Li Xingwang.

Bisher führten Infektionen nur in seltenen Fällen zum Tod. Stellt man die Zahl der Todesopfer in Beziehung mit der Zahl der Infektionen, ergibt sich eine Letalität (Todesrate) von weniger als drei Prozent. Betroffen sind bisherigen Berichten vor allem Risikogruppen wie ältere Personen.

© APA

📽 Video | Weltweit sind Forscher dem Coronavirus auf der Spur

Reisehinweis des Außenministeriums

Das österreichische Außenministerium sieht indes weiterhin einen „guten Sicherheitsstandard" (Stufe 1) für Reisen nach China und warnt lediglich vor Kleinkriminalität. Hingegen wird seit Freitag vor Reisen in die Provinz Hubei abgeraten, wo aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus ein „hohes Sicherheitsrisiko" (Stufe 3) bestehe. „Von nicht notwendigen Reisen wird abgeraten", heißt es in den Reisehinweisen des Außenministeriums.

Wie das Außenamt am Montag mitteilte, befinden sich zwei Österreicher in Hubei. Sie wollten nach Österreich zurück und würden von der Botschaft in Peking bei ihrem Ausreisewunsch unterstützt. Die deutsche Regierung bereitete indes die Evakuierung von rund 90 Deutschen vor, die in Wuhan festsitzen. Sie sollten laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel von der Luftwaffe ausgeflogen werden.

An den Flughäfen hängen Warnhinweise aus.
© APA/dpa/Andreas Gora

US-Forscher arbeiten an Impfstoff

US-Forscher haben mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen den Coronavirus begonnen. Der Direktor des NIH-Instituts für Allergien und Infektionserkrankungen, Anthony Fauci, sagte am Dienstag, der Forschungsprozess werde voraussichtlich langwierig und ungewiss sein, "aber wir gehen vor, als müssten wir einen Impfstoff einsetzen".

Fauci fügte hinzu: "In anderen Worten: Wir gehen vom schlimmsten Szenario aus - dass es zu einem größeren Ausbruch kommt." (TT.com, APA/dpa/AFP/Reuters)


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