„Gefühl des Unbehagens und der Melancholie": Medien verabschieden Briten

Um Mitternacht sagt Großbritannien der EU Adieu. Die internationale Presse beschäftigt sich zu diesem Anlass noch einmal mit dem Brexit und seinen Auswirkungen.

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Ein Pro-Brexit-Parlamentarier weht mit der britischen Flagge, als er Brüssel verlässt.
© KENZO TRIBOUILLARD

London – Zahlreiche internationale Zeitungen schreiben am Freitag über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, der um 24 Uhr MEZ vollzogen wird:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (München):

„Das Vereinigte Königreich sucht seine Zukunft im 21. Jahrhundert als Solitär – man wird ja sehen, ob das seinen globalen Einfluss mehren wird, wie von den Brexiteers behauptet, oder ob nicht eher das Gegenteil eintritt, weil man eben nicht mehr im Verbund von 28 Ländern mit gut 500 Millionen Einwohnern auftreten kann. Die EU wiederum muss ihren Platz in der Welt gegen die Konkurrenz großer Mächte nun mit kleinerer Mannschaft behaupten. Viel zu lange hat der Brexit Energien und Aufmerksamkeit gebunden. (...) Leichter wird es allerdings nicht werden, strategische Relevanz zu erlangen. Doch auch das Königreich ist gegen Bedeutungsverlust nicht gefeit. Die Trennung jedenfalls darf nicht den Weg zu bleibend enger Partnerschaft verbauen. Daran festzuhalten liegt in aller Interesse."

Stuttgarter Zeitung:

„Die Sorge, dass all die erträumten Deals mit dem Rest der Welt den Verlust des Megamarktes vor der Haustür nicht wettmachen, hängt wie eine dunkle Wolke über dem 'Jahrzehnt des Wohlstands', das (der britische Premier Boris) Johnson versprochen hat. Das ist umso mehr ein Problem, als Johnson die kommenden Verhandlungen mit Bedingungen belastet hat, die ein Arrangement mit Brüssel erschweren."

Schwäbische Zeitung (Ravensburg):

„Die deutsch-englische Achse, sie ist Geschichte. Doch bevor man zu rührselig an Vergangenes denkt: Die deutsch-englischen Beziehungen waren nie perfekt. (Der frühere westdeutsche Bundeskanzler) Helmut Schmidt hat oft genug klargemacht, wie schwierig es mit (der früheren britischen Premierministerin) Maggie Thatcher war, die ihre Handtasche auf den Brüsseler Tisch knallte und ihr Geld zurück wollte. Nun also wird es zu einer EU ohne Großbritannien kommen.

Nach den langen Abschiedsquerelen hält sich der Schmerz in Berlin in Grenzen. Die Sichtweise, dass die Briten ohnehin nie ganz in Europa angekommen waren, ist verbreitet. Die Ingenieure Europas saßen immer schon in Paris und Berlin, hier schlug das Herz. Doch auch hier gibt es jetzt Rhythmusstörungen. Das ist weit besorgniserregender als der Weggang der Briten. Denn die sind schon kräftig dabei, ihre Fehler zu korrigieren. Aber nur, wenn die EU einen neuen Schub bekommt, nur wenn sie demokratischer wird und die Gesetzgebung reformiert wird, nur dann kann es gut sein, dass Großbritannien eines Tages zurückkommt."

Rzeczpospolita (Warschau):

„Keines der verbleibenden 27 EU-Mitgliedsländer hat die Vorteile Großbritanniens: seine Weltsprache, seinen kulturellen Einfluss, seine geografische Lage, seine Unterstützung durch Amerika. Trotzdem: Wenn Brüssel keine gründlichen Lehren aus dem Brexit zieht, kann man sich leicht vorstellen, dass auch in einem anderen Land die öffentliche Meinung zum Thema Integration ähnlich umschlagen könnte wie in Großbritannien.

Im Süden und im Osten ist die EU von verarmten und korrupten Diktaturen umgeben. Ob sich die Sicherheit des Alten Kontinents weiter auf die USA stützen kann, wird immer zweifelhafter. Das vereinte Europa hat also große Vorteile. Trotzdem schafft es die EU nicht, die wirtschaftliche Stagnation in den alten Mitgliedsländern zu durchbrechen. Die Verhandlungen über eine gemeinsame Migrations-, Umwelt- und Budgetpolitik treten auf der Stelle. Brüssel bleibt passiver Zuschauer bei internationalen Krisen, wie jetzt im Iran oder Libyen. Und obwohl die EU-Institutionen die ihnen übertragenden Aufgaben nicht erfüllen können, bemühen sie sich ständig um weitere."

The Times (London):

„Großbritannien hat eine Chance, die Dinge anders zu machen und sein Wirtschaftsmodell so anzupassen, dass es für das gesamte Land besser funktioniert. Pläne für ein neues Einwanderungssystem, das die Personenfreizügigkeit für EU-Bürger beendet, könnten längerfristig von Vorteil sein, wenn es zu höheren Löhnen führt und Arbeitgeber zwingt, in Ausrüstung und Qualifikation zu investieren. Großbritannien wird die Freiheit haben, von EU-Regeln abzuweichen, die es behindern... Großbritannien kann zudem eine Handelspolitik entwickeln, die eigenen Interessen den Vorrang gibt. Und sollte das alles schiefgehen, werden unsere Politiker niemals wieder in der Lage sein, der EU dafür die Schuld zu geben. Das ist allein schon ein Segen."

De Standaard (Brüssel):

„Die Tatsache, dass die Briten freiwillig aus diesem großen freien Markt aussteigen und gleichzeitig versuchen müssen, wieder Zugang zu ihm zu erhalten, zeigt, wie absurd die ganze Brexit-Idee ist. Und doch herrscht beim Weggang der Briten auch in Europa ein Gefühl des Unbehagens und der Melancholie, obwohl sie seit ihrem Beitritt 1973 immer den Stempel des Unruhestifters hatten.

Die Frage ist sogar, ob man noch von einer 'Europäischen' Union sprechen kann, wenn das Land, das die Identität und Kultur des alten Kontinents über Jahrhunderte geprägt hat, nicht mehr dazugehören will. Natürlich wird dieser Einfluss nicht plötzlich verschwinden. (...) Aber eine EU ohne Großbritannien wird in vielen Bereichen zu einer 'ärmeren' Union werden."

Lidove noviny (Prag):

„Der Austritt Großbritanniens aus der EU hat in seinen Konsequenzen einen definitiveren Charakter als der Zerfall der Tschechoslowakei. Als Tschechien und die Slowakei später der Europäischen Union und dem Schengenraum beitraten, war es, als sei der gemeinsame Staat in praktischen Angelegenheiten wie der Freizügigkeit für Arbeitnehmer und Reisende wiederhergestellt. Für Großbritannien und die EU gilt das nicht. Es ist kein 'Auf Wiedersehen', sondern ein 'Adieu'. Ohne Großbritannien wird es in Brüssel weniger Komplikationen geben, aber auch weniger Vielfalt und Debattenkultur. Dafür mehr Geschlossenheit und Herdenmentalität. Schade, dass das die Spitzen der EU noch nicht begriffen haben."

Liberation (Paris):

„Wir lieben sie einfach, die Briten, selbst wenn sie gehen. Aber wir werfen ihnen auch vor, dass sie dieser antieuropäischen populistischen Welle, auf der (der britische Premier Minister) Boris Johnson geritten ist, nachgegeben haben. (...) Ihre Anhänglichkeit an Königin Elisabeth II. wird auch nach dem Brexit ein unergründliches Geheimnis bleiben. Und doch lieben wir sie. Also suchen wir Ausreden für sie. Trägt Europa nicht eine gewisse Verantwortung? Doch. (...) (Der Europäischen Union) ist es nicht gelungen, den (europäischen) Traum zu erneuern. (...) Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass das gemeinsame Projekt auf dem ganzen Kontinent ins Wanken geraten ist."

Le Parisien (Paris):

„Wenn die Wirtschaft des 'unabhängigen' Großbritannien zusammenbricht, ist das der Beweis, dass die Europäische Union eine Wohltat für alle Mitgliedsstaaten ist. Sollte die britische Ökonomie aber aufblühen, werden die Antieuropäer ein gewichtiges Argument haben, um ihre Spaltungsreden zu begründen. In beiden Fällen sollten die Schockwellen nicht auf die leichte Schulter genommen werden."

Dagens Nyheter (Stockholm):

„Der Brexit ist ein harter Schlag für die Globalisierung und das Projekt Europa. Eine enge Zusammenarbeit zwischen der EU und Großbritannien ist das Beste, um die Schäden zu begrenzen. Die Verhandlungen über das künftige Verhältnis werden schwer und harte Kompromisse erfordern - auf beiden Seiten. Aber umso stärker die dabei herauskommenden Verbindungen sein werden, umso größer ist die Chance, dass der Brexit nur ein einmaliges Beispiel der Entglobalisierung sein wird - ein vorübergehender Rückschlag statt ein unglückseliger Wendepunkt."

Diena (Riga):

„Europa steht vor einer großen geopolitischen Wende des 21. Jahrhunderts. Nach 47 Jahren verlässt das Vereinigte Königreich um 23.00 Uhr Greenwich Mean Time die Europäische Union. Die Trennung wird drei Jahre und sieben Monate nach dem Referendum stattfinden, bei dem sich 52 Prozent der Wähler für den EU-Austritt ausgesprochen haben. Zwischen der Abstimmung und dem Brexit wechselten in Großbritannien drei Regierungen, und London und Brüssel waren in chaotische Verhandlungen über die Austrittsbedingungen verwickelt.

Mit dem formellen EU-Austritt Großbritanniens wird der Brexit-Prozess jedoch nicht abgeschlossen sein. Es beginnt dann eine Übergangsfrist von elf Monaten, in der sich die britische Regierung und die EU über die zukünftige Beziehung und ein neues Freihandelsabkommen einigen müssen. Premierminister Boris Johnson ist fest entschlossen, keine Verlängerung der Übergangszeit zu fordern. Deshalb bleibt die Möglichkeit eines sogenannten harten Brexits weiterhin real."

El Pais (Madrid):

„Es ist unnötig zu wiederholen, was bereits geschrieben wurde: Das Vereinigte Königreich hat das Recht, diesen von ihm gewählten falschen Weg einzuschlagen, auch wenn die Unterstützung dafür beim Referendum gering war. Es ist seine Entscheidung. Aber die Europäer haben nun auch das Recht, Entscheidungen zu treffen, die ihre eigenen Interessen vertreten. (...) Es ist sogar angebracht, das Interesse der europäischen Bürger über alles andere zu stellen."

Rossijskaja Gaseta (Moskau):

„Dreieinhalb Jahre Qual gehen zu Ende. In seiner Gesamtheit ist das Drama als Katastrophe zu sehen, das auf die Briten niederging, als würde es aus der genialen Feder des großen Shakespeare stammen. 'In der Europäischen Union sein oder nicht sein?' - so lautete die entscheidende Frage für das Land. Die Antwort darauf erwies sich als die vielleicht schwierigste in der gesamten stürmischen und facettenreichen Geschichte des Vereinigten Königreichs."


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