Medien nach Brexit: „Freuen können sich nur Putin, Xi Jingping und Trump“

Großbritannien hat den Austritt aus der Europäischen Union hinter sich gebracht und ist nach 47 Jahren kein Mitglied des Staatenbundes mehr. Die Gefühle der internationalen Presse sind gemischt.

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Der britische Premierminister Boris Johnson.
© BEN STANSALL

London – Internationale Pressekommentare befassen sich am Samstag mit dem in der Nacht vollzogenen EU-Austritt Großbritanniens.

„The Independent“ (London):

„Es wird immer wahr sein, dass Großbritannien außerhalb der EU schlechter dastehen wird als das innerhalb der EU der Fall wäre. Aber das heißt nicht, dass wirtschaftliches Wachstum unmöglich wäre oder dass Großbritannien sein Schicksal hinnehmen muss, ohne zu versuchen, das Beste daraus zu machen. EU-Anhänger mögen sich eine gewisse Zeit der Trauer gestatten, während die Austrittsbefürworter feiern. Doch dann wird es Zeit, eine andere Debatte in Gang zu bringen. Nämlich über das, was unweigerlich eine andere Art von Land werden wird.“

„La Vanguardia“ (Barcelona):

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„Weder das Vereinigte Königreich noch die Europäische Union werden irgendwelche Vorteile davon haben. Im Gegenteil, es handelt sich um eine freundschaftliche Trennung, die Kosten verursachen wird - aber die Geschichte der Welt ist eine von Fehlern ihrer Völker, vom Wiederaufleben der Demagogen, vom Wiederauftauchen solcher, die sich Feinde erfinden. Das Schlimme ist, dass die Fehler nicht am nächsten Tag bezahlt werden, sondern es ist oft die nächste Generation, die zur Kasse gebeten wird. Und das Ungerechte ist, dass die Verantwortlichen für die großen Schäden normalerweise ungeschoren davonkommen, manchmal sogar unter Applaus. Obwohl das Echo ihrer Katastrophen schon von weitem zu hören war.“

„Tages-Anzeiger“ (Zürich):

„Freuen können sich eigentlich nur Russlands Wladimir Putin, Chinas Xi Jinping und Donald Trump in Washington. Alle drei haben sie ein Interesse, Europa zu schwächen. Es geht nun darum, ob sich das autoritäre Gesellschaftsmodell weltweit durchsetzt oder ob Demokratie und Rechtsstaat sich behaupten können.

Die Versuchung der nationalen Rückbesinnung gibt es überall in Europa. Wobei Nationalismus dem Kontinent in der Geschichte nur Unglück gebracht hat. Die Idee der totalen nationalen Souveränität ist heute eine Illusion. Keine der Herausforderungen - von der Digitalisierung über den Klimawandel bis hin zur Migration - kann ein Nationalstaat allein bewältigen. Es geht also nur darum, ob man gemeinsam mit anderen demokratischen Staaten die Regeln bestimmt oder sich diese von Autokraten diktieren lässt.“

📽 Video | Stimmung in London am Tag nach dem Brexit

„Süddeutsche Zeitung“ (München):

„Europa ist ein Amalgam aus Interessen und Besonderheiten. Die Budgetverhandlungen in den nächsten Monaten werden lebhaft Zeugnis dafür ablegen. Europa wird ohne Großbritannien eben nicht automatisch zu einem Hort der Geschlossenheit, auch wenn der britische Beitrag stets besonders pfleglich behandelt werden musste. Der Austritt erscheint ja auch deshalb als distanziertes Ereignis, weil das Land vom ersten Tag an eine Sonderrolle in der EU beansprucht hat. Währung und Freizügigkeit waren in Großbritannien nie angekommen, London wahrte stets Distanz.“

„De Telegraaf“ (Amsterdam):

„Die EU befürchtet, dass die Briten europäische Regeln unterlaufen wollen, um der Union auf diese Weise hart Konkurrenz zu machen. Nur wenn das Vereinigte Königreich zusagt, sich an EU-Standards zu halten - zum Beispiel bei der Nahrungsmittelsicherheit - stellt ihm die EU einen Handelsvertrag ohne Quoten und Zölle in Aussicht. Premierminister Boris Johnson scheint hingegen eher die Idee eines ‚Singapur an der Nordsee‘ zu gefallen. Heftiger Streit ist vorprogrammiert.

Die EU beschwört, dass sie gute Beziehungen zum britischen Nachbarn unterhalten will. Aber hat sie wirklich nur das Beste für Großbritannien im Sinn? Man stelle sich einmal vor, dass die Briten einen fantastischen Deal bekommen, wodurch der Brexit zum Erfolgsmodell wird. Das könnte andere Länder schon auf Ideen bringen. Und das ist es natürlich nicht, was die EU will.“ (APA/dpa)


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