Schleicherlaufen in Telfs: Ein berauschender Bilderreigen

Mystisch-erhabene Traditionsfiguren, verrückte Einlagen, dazu jede Menge politische Seitenhiebe: 15.000 Zuschauer erlebten das Schleicherlaufen als ein in allen Farben schillerndes Gesamtkunstwerk.

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Individualität und Gemeinschaft, aufs Erhabenste vereint: Jeder der bis zu einen Meter hohen Hüte der Schleicher ist einzigartig – zugleich lebt ihr ritueller Kreistanz von der Synchronität der Bewegungen.
© Vanessa Rachlé

Von Michael Domanig

Telfs – Es ist kurz vor neun Uhr, noch zwei Stunden bis zum Beginn des großen Schleicherlaufens. Fünf Jahre lang haben die Telfer diesem Tag, dem Höhepunkt der Fasnacht, entgegengefiebert. Vorfreude und Anspannung sind mit Händen zu greifen.

„Das Schleicherlaufen ist immer anders, immer neu, immer spannend“, schwärmt Reinhard Weiß. Eigentlich hätte er, im Zivilberuf Referatsleiter für Umwelt, Forst und Landwirtschaft bei der Marktgemeinde Telfs, in der Fasnachtsgruppe der Schleicher die Rolle eines „Außenwirts“ inne. Dass er in Kürze den prächtigen Schleicherhut mit einem Motiv der Möserer Friedensglocke überstreifen wird, liegt daran, dass der eigentlich dafür bestimmte Schleicher krankheitsbedingt ausgefallen ist. Weiß springt also ein – auch im buchstäblichen Sinn.

📸Bildergalerie zum Schleicherlaufen: Telfs im positiven Ausnahmezustand

Das Schleicherlaufen in Bildern

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Die Herolde.

Die Herolde.

© Marco Witting

© Marco Witting

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Zweimal wöchentlich haben die Schleicher seit Weihnachten ihren berühmten Kreistanz geübt. Am beeindruckendsten daran sei der „Einklang“ der schweren Schellen, der entsteht, wenn sich die gesamte Schleichergruppe synchron bewegt, glaubt Weiß. Ein besonderer, fast magischer Moment.

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Wenige Schritte weiter steht Michael Bartl. Er hat kurz seine grimmige Holzlarve abgenommen und posiert mit seiner Familie für Fotos. Als Mitglied der Wilden trägt er ein sagenhaft anmutendes Gewand aus Baumbart. Die Flechten hat er selbst gesammelt, an einem speziellen Platz im Sellrain auf 1800 Metern Seehöhe. Siebenmal hat er einen ganzen Rucksack voll mitgebracht und monatelang am Gewand gearbeitet.

📽 Video | Endlich Fasnacht!

Schauplatzwechsel zum „Meaderloch“ am nordwestlichen Ortseingang, wo sich ein mystisch-hypnotisierendes Gesamtbild bietet: Dichter Nebel und aromatische Rauchschwaden bilden die perfekte Szenerie für das Bäreneinfangen: Mit rhythmischen Trommelschlägen werden die wilden „Tiere“ gebändigt. Dazwischen tummeln sich tolldreiste Affen, würdige Orientalen, Wunderdoktoren und andere schräge Gestalten – ein bizarrer Augenschmaus.

„Auf! Auf! Juchei! Wir leben das Leben! Die Fasnacht ist frei!“

Schon in aller Herrgottsfrüh hat die Gruppe der Sonne traditionsgemäß um schönes Wetter gebeten – und tatsächlich hält es zumindest einigermaßen. Der Zuschauerandrang ist jedenfalls enorm, als nun der eigentliche Umzug beginnt:

„Auf! Auf! Juchei! Wir leben das Leben! Die Fasnacht ist frei!“ Mit diesen Worten aus dem einst von Franz Kranewitter gedichteten Prolog eröffnen die berittenen Herolde das Spektakel. Ein „Fest des blühenden Lebens“ nennt Fasnachtsexperte Hans Gapp das Schleicherlaufen. Und die folgenden Stunden machen klar, was er damit meint.

Akrobatik, Kraftmeierei und orientalische Eleganz: Die beliebte Gruppe der Bären und Exoten sorgte auch diesmal wieder für ein atemberaubendes Spektakel irgendwo zwischen Zirkus, Menagerie und Kuriositätenkabinett.
© Vanessa Rachlé

Nachdem die Musibanda im schwungvollen Blues-Brothers-Stil aufgespielt hat, halten die majestätischen Vier Jahreszeiten hoch zu Ross Einzug. Ein stummer, aber umso eindrucksvollerer Auftritt, der Pferd und Reiter alles abverlangt. Bei den zotteligen Wilden mit ihrem kehligen Brüllen und dem diabolischen, tschinellenschlagenden „Pånznåff“ wird das dämonische Element der Fasnacht sichtbar. Erhaben und gemessen präsentieren sich im Kontrast dazu die Schleicher. Jeder der bis zu ein Meter hohen Hüte, den sie zur Schau tragen, ist ein individuell gestaltetes Kunstwerk. Die Zuschauer freuen sich auch über die köstlichen Schleicherbrezen, ein beliebtes Glückssymbol.

Bei den Bären und Exoten wähnt man sich dann im Zirkus, an allen Ecken und Enden passiert etwas Verrücktes: Eine ganze Menagerie – vom Vogel Strauß auf Stelzen über eine riesige Giraffe bis hin zu Lama und Schildkröte – sorgt ebenso für offene Münder wie Feuerschlucker, Akrobaten und Kraftmenschen.

Von Tempo 40 bis zum „Kuhurteil“

Die fröhlichen Laninger, inspiriert von den fahrenden „Karrnern“ früherer Zeiten, haben hernach nicht nur den Naz mitgebracht, die saufende, rauchende und „speibende“ Symbolfigur der Fasnacht, sondern gleich das ganze (von Schließung bedrohte) Bezirksgericht Telfs: Von Tempo 40 in Telfs bis zum „Kuhurteil“: In der „Gerichtsverhandlung“ mangelt es nicht an brisanten lokalen und regionalen Themen.

Der Naz, „liabster Bua“ der Laninger und Symbolfigur der Fasnacht (hier in den Armen seiner Kindsdirn), ignorierte wie immer das Rauchverbot.
© Vanessa Rachlé

Bei den karnevalistischen Gruppen mit ihren aufwändigen Fasnachtswagen, die auf die Traditionsgruppen folgen, geht es in derselben Tonart weiter: Die sangesfreudigen Vogler lassen etwa Ex-Innenminister Kickl auf einem Polizeisteckenpferd einreiten und fragen sich, ob unter den seltsamen Frisuren von Johnson und Trump noch „a bissl Hirn z’ finden“ sei.

Und so kommt niemand ungeschoren davon: weder HC Strache mit Ibiza noch Georg Dornauer mit seinem Gewehr, weder iPhone-fixierte Jugendliche noch „Greta-Thunberg-Jünger“. Die Gruppe „’s Galtmahd“ lässt gar das Raumschiff Enterprise in Telfs landen – wobei Mr. Spock ob seiner markanten Ohren prompt für Sebastian Kurz gehalten wird. An anderer Stelle wird gemutmaßt, die Telfer Gemeindeführung habe angesichts von Millionenprojekten wohl in FPÖ-Manier „Goldbarren auf der Seite“. Und die SPÖ habe sich angesichts ihres Zustands offenbar „als Erste mit dem Coronavirus infiziert“.

Begeisterung bei den Zuschauern

Die rund 15.000 Zuschauer reagieren begeistert – ebenso wie Fasnachtsobmann BM Christian Härting und die prall gefüllte Ehrentribüne mit LH Günther Platter, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Gregor Bloéb und Nina Proll, Gery Keszler, Elisabeth Gürtler und zahllosen anderen Prominenten. Sie alle erleben die Fasnacht an diesem Tag als das, was sie im Kern ist: als einen Spiegel des ganzen Lebens.


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