Regisseur Joseph Vilsmaier ist tot: Letzter Film auch in Tirol gedreht

"Der Sepp“, so war Joseph Vilsmaier in der Münchner Filmbranche bekannt. Herzlich und ohne Umschweife ging er auf die Menschen zu. Ein Filmemacher ohne Attitüden.

Regisseur Joseph Vilsmaier.
© Tobias Hase

München – Mit umständlichen Höflichkeiten wollte sich Joseph Vilsmaier nicht aufhalten. "Ich bin der Sepp“, stellte er sich gerne vor. Herzlich, bodenständig, geradeheraus, voller Energie und mitunter auch mal grantelnd - so kannten und liebten ihn Freunde und Kollegen. Am Dienstag ist der Regisseur und Produzent im Alter von 81 Jahren in München gestorben, zuhause und friedlich, wie seine erwachsenen Töchter Janina, Theresa und Josefina am Mittwoch mitteilten. "Wir vermissen unseren Vater und trauern gemeinsam mit unserer Familie und Freunden um einen ganz besonderen Menschen und einen großartigen Filmemacher.“

TV-Sender ändern Programm

Der BR und der ORF ändern anlässlich des Todes Vilsmaiers ihr Programm. Der ORF zeigt in den nächsten Tagen drei der wichtigsten Filme Vilsmaiers: Am Samstag (15.2.) ist in ORF 1 (23.35 Uhr) „Comedian Harmonists“ über das legendäre Ensemble, das Ende der zwanziger Jahre eine Weltkarriere startete und wenige Jahre später Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik wurde, zu sehen. Am 19.2. gibt es auf ORF III einen Filmabend in memoriam Joseph Vilsmaier, mit den beiden Romanverfilmungen „Herbstmilch“ (21.55 Uhr) und „Schlafes Bruder“ (23.45 Uhr).

Der BR zeigt heute, Mittwoch, Vilsmaiers Dokumentarfilm „Bayern - Sagenhaft“ (22.45 Uhr). Im Radiosender Bayern 2 ist am Donnerstag, 13. Februar, um 8.30 Uhr ein Gespräch mit dem Kameramann Gernot Roll zu hören, der den verstorbenen Weggefährten würdigt, und am Sonntag, 16. Februar um 16.05 in memoriam ein Gespräch von Achim Bogdahn mit Joseph Vilsmaier.

Seine Kindheit hatte Vilsmaier in Pfarrkirchen in Niederbayern und in München verbracht. Nach der Schule studierte er Klavier am Münchner Konservatorium. Dann kam der Film. 1961 fing er als Materialassistent an, später wurde er Kameramann. Die Freude am Inszenieren entdeckte er erst spät. Zudem gründete er seine eigene Filmproduktion in Grünwald – die Perathon Medien GmbH.

Erst mit fast 50 Jahren gab Vilsmaier sein hochgelobtes Regiedebüt mit "Herbstmilch“ nach den Lebenserinnerungen der Bäuerin Anna Wimschneider, ab 1989 im Kino. In einer Hauptrolle: Seine Ehefrau, die tschechische Sängerin und Schauspielerin Dana Vávrová, die in vielen seiner Filme mitspielte. Als sie 2009 mit nur 41 Jahren an Krebs starb, war er untröstlich.

TT-Interview mit Joseph Vilsmaier im Oktober 2019

Seine letzte Regiearbeit konnte er noch verwirklichen. Es war der Kinofilm "Der Boandlkramer und die ewige Liebe" mit Michael Bully Herbig und Hape Kerkeling. Mit den beiden drehte er auch Szenen in den Swarovski Kristallwelten. Der Film soll Anfang November ins Kino kommen. Vilsmaier hatte seine eigene Filmproduktion in Grünwald – die Perathon Medien GmbH.

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"Schlafes Bruder" für Golden Globes nominiert

Nach "Herbstmilch“ folgen viele weitere Werke: Etwa der mit Preisen überhäufte Streifen "Comedian Harmonists“ über das Vokalensemble der Weimarer Republik. Der Kriegsfilm "Stalingrad“ über die verheerende Schlacht in Russland im Winter 1942. Oder der TV-Zweiteiler "Die Gustloff“. Sein größter internationaler Erfolg war die Literaturverfilmung "Schlafes Bruder“ nach einem Roman von Robert Schneider. Das in Österreich spielende Drama wurde sogar für die Golden Globes nominiert. Die deutschen Hoffnungen auf einen Oscar im Jahr 1996 erfüllten sich nicht, dafür gab es den Österreichischen Filmpreis. Auch Niederlagen musste Vilsmaier einstecken, etwa die Kritiken an seinem Bergsteigerdrama "Nanga Parbat“.

Zuletzt hatte der Münchner mit Michael Bully Herbig und Hape Kerkeling gedreht – die Komödie "Der Boandlkramer und die ewige Liebe“, die im November ins Kino kommen soll. Herbig spielt darin den personifizierten Tod, der sich verliebt, Kerkeling ist als Teufel zu sehen. Gedreht wurde auch in den Swarovski Kristallwelten in Watens. "Joseph, mein lieber Freund, ich werde Dich so sehr vermissen! Dein mitreißendes Lachen, Dein herrliches Schimpfen, Deine einzigartigen Geschichten, Deine schier endlose Energie, Deine Spitzbübigkeit, Dein großes Herz, einfach Alles!“, verabschiedete sich Herbig auf Instagram und Facebook.

🕯 Michael "Bully" Herbig trauert um "lieben Freund"

Kerkeling ließ eine Nachricht verbreiten: "Lieber Sepp, wir vermissen dich als lieben Freund und aufrichtigen Menschen. Du fehlst uns als genialer Künstler und humoriger Querkopf Wir sind so dankbar, dass wir Teil deiner großen Familie sein durften. Mein Mann und ich sind sehr traurig.“

"Schalfes Bruder"-Hauptdarsteller Eisermann würdigt Vilsmaier

Schauspieler André Eisermann (52) hat Joseph Vilsmaier als imposante Persönlichkeit gewürdigt. "Von allen Naturereignissen, die mir in meinem Leben begegnet sind, war keines so gewaltig, so unvorhersehbar und von brodelnder Energie geladen wie Joseph Vilsmaier es war", sagte Eisermann am Mittwoch in Worms. "Er scheute weder Feuer noch Eis. Kein Berg war ihm zu hoch, keine Wolke zu weit entfernt, um sie nicht mit seiner Kamera einzufangen.“

Eisermann hat mit Vilsmaier die vielfach preisgekrönte Literaturverfilmung „Schlafes Bruder“ (1995) gedreht. "Die Dreharbeiten waren immer auch existenzbedrohliche Dreharbeiten, denn sein Streben nach Authentizität kannte wenig Grenzen - eigentlich gar keine“, meinte er. Vilsmaier habe seine Schauspieler immer mitgenommen, auch in die menschenfeindlichsten Regionen der Erde. "Es war immer auch ein Abenteuer. Er wird mir fehlen“, sagte Eisermann.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte Vilsmaier ein Ausnahmetalent und erinnerte an Auszeichnungen wie den Bayerischen Filmpreis oder den Bayerischen Verdienstorden. "Millionen Kino- und Fernsehzuschauer waren begeistert von seinen Regiearbeiten. Besonders beeindruckend war die neue Richtung, die er dem Heimatfilm gab“, sagte Söder. Der Freistaat werde ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte: "Mit Joseph Vilsmaier verliert die deutsche Film- und Fernsehlandschaft einen leidenschaftlichen Künstler und äußerst erfolgreichen Regisseur. Mit seinen deftig-sinnlichen, wirklichkeitsnahen Geschichten hat er sie alle gekriegt – die ganze Breite des Publikums hat er beeindruckt.“ Trauer auch beim FilmFernsehFonds Bayern (FFF): "Er hat bayerische Lebenskunst in seinen Filmen ausgedrückt und mit Kinofilmen wie "Comedian Harmonists“ und "Marlene“ Denkmäler gesetzt und Klassiker geschaffen“, erklärte Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein.

📽 Video | Am Set von Joseph Vilsmaiers "Der Boandlkramer und die ewige Liebe"

Vilsmaier und sein Bayern – in der Tat hing der Filmemacher mit Leib und Seele an seiner Heimat. Ein glühender Liebesbeweis: Der Dokumentarfilm "Bavaria – Traumreise durch Bayern“, der allerdings streckenweise wie ein Image-Film für den Freistaat daherkommt. Auch in Filmen wie "Herbstmilch“, "Rama Dama“ oder "Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ versuchte er, das bayerische Lebensgefühl auf die Leinwand zu bringen, nicht heimattümelnd, sondern oft aus einer leicht ironischen Distanz heraus.

Besonders am Herzen lag ihm "Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ von 2008, Vorläufer des neuen "Boandlkramer“-Films. Franz Xaver Kroetz als Brandner Kaspar verführt darin den Tod (Herbig) zu Kartenspiel und Kirschgeist, um noch ein paar Lebensjahre herauszuschinden. Fast 59 Jahre habe er darauf gewartet, den Film zu drehen, sagte Vilsmaier damals. Auch einen Erfolg außerhalb Bayerns hatte er im Blick: "Der bayerische Himmel ist eine Mentalitätssache“, meint er. "Die Menschen sind wortkarg und haben das Herz am rechten Fleck, sie sind manchmal grantig, manchmal nett, die haben alles drauf – daran haben die Leute auch im Norden Gefallen!“ (dpa)


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