Lehre: Gewerkschaften sehen weiter Handlungsbedarf

70 Prozent der Lehrlinge sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Trotzdem sehen die Arbeitnehmervertreter bei der Lehrlingsausbildung noch viel Handlungsbedarf.

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Wien - Der Großteil der heimischen Lehrlinge ist mit der Ausbildung zufrieden. Dabei werden in diesem Bereich arbeitsrechtliche Vorgaben oft nicht umgesetzt. Das zeigt eine bundesweiten Online-Befragung von Lehrlingen, durchgeführt vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) im Auftrag von Arbeiterkammer und Gewerkschaft.

Im Rahmen des dritten "Österreichischen Lehrlingsmonitors" wurden 5253 Lehrlinge im letzten Lehrjahr zwischen September 2018 und Mai 2019 befragt. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch, von Wolfgang Katzian, Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl, ÖGJ-Vorsitzender Susanne Hofer und Studienautor Norbert Lachmayr in Wien präsentiert.

Hohe Anteile nicht bezahlter Überstunden in Hotel- und Gastgewerbe

Der Großteil der Befragten ist demnach mit der Ausbildung sehr zufrieden (35 Prozent) oder zufrieden (36 Prozent), rund jeder achte Lehrling (12 Prozent) jedoch (eher) nicht. Dieser Anteil hat sich, verglichen mit den Erhebungen aus den Jahren zuvor, wenig geändert. Obwohl der Großteil der Befragten mit der Ausbildung zufrieden ist, sehen die Arbeitnehmervertreter bei der Lehrlingsausbildung viel Handlungsbedarf. So gab rund ein Drittel (30 Prozent) der Befragten an, in der Lehre (sehr) häufig für ausbildungsfremde Tätigkeiten herangezogen zu werden. Im Vergleich zur letzten Erhebung aus dem Jahr 2017 hat sich dieser Anteil nur geringfügig geändert.

Zudem leistet rund ein Drittel der Lehrlinge regelmäßig Überstunden, etwa ein Zehntel davon nicht immer freiwillig. Laut Gesetz sind allerdings Überstunden für Jugendliche unter 18 Jahren verboten. Die Überstundenmuster unterscheiden sich dabei deutlich nach Branchen: vor allem im Tourismus und Gewerbe absolvieren Lehrlinge laut Umfrage überdurchschnittlich häufig Überstunden (67 Prozent im Tourismus und 40 Prozent in Gewerbe und Handwerk). Je fünf Prozent der Lehrlinge gaben zudem an, die Überstunden gar nicht oder nur manchmal bezahlt zu bekommen. Hohe Anteile nicht bezahlter Überstunden verzeichnen laut Umfrage vor allem die Gastronomie sowie das Hotel- und Gastgewerbe.

Aufwertung der Lehre notwendig

"Wenn die erste Erfahrung eines jungen Menschen in der Arbeitswelt ist, dass er mehr arbeiten muss und dies nicht bezahlt bekommt, dann ist das kein guter Start in ein zukünftiges Berufsleben", kommentierte ÖGB-Präsident Katzian diese Ergebnisse. Zudem hätten Lehrlinge oft Angst, ihren Lehrplatz zu verlieren, wenn sie Überstunden nicht zustimmen, so der ÖGB-Präsident.

Viel zu tun gibt es aus Sicht der Gewerkschafter vor allem für die Aufwertung der Lehre. Diese sei zwar im aktuellen Regierungsprogramm enthalten, so AK-Präsidentin Anderl. "Aber nur immer darüber zu reden, ist der falsche Weg. Wir müssen endlich handeln", betonte sie. Auch Katzian begrüßte die Pläne der Regierung, stellte aber fest, dass es vor allem bei den Lehrplätzen einiges nachzuholen gebe. Anstatt den Fachkräftemangel über Fachkräfte aus Drittstaaten zu kompensieren, wäre es laut Katzian zielführender, diese hierzulande auszubilden.

Image aufpolieren zu wenig

"Sehr viele Betriebe bieten eine hervorragende Ausbildung und gute Rahmenbedingungen für ihre Lehrlinge an", betonte AK-Präsidentin Anderl. Trotzdem zeige der dritte Lehrlingsmonitor nicht wirklich Verbesserungen. "Wir hätten uns in vielen Punkten eine Verbesserung erwartet. Es reicht nicht, das Image immer wieder aufzupolieren", kritisierte sie.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck reagierte prompt auf die Vorwürfe der Gewerkschafter. "Ich lasse mir unsere Lehrlingsausbildung und unsere engagierten Lehrlinge und Betriebe nicht madig reden", so die Ministerin in einer Aussendung. Eine Steigerung der Lehrlingseinkommen um bis zu 46 Prozent in einigen Branchen zeige, dass die enorme Bedeutung von Lehrlingen in den Betrieben angekommen sei. "Wenn wir der Lehre mehr Stellenwert beimessen und ihr Image aufwerten wollen, müssen wir auf politischer Ebene von einer Negativdebatte zu einer Chancendebatte kommen", erklärte Schramböck. (APA)


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