Europäische Presse zur Corona-Krise: Größter Stresstest der EU-Geschichte

Wichtige Tageszeitungen in der EU beschäftigten sich am Dienstag unter anderem mit möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die EU, die USA und die Entwicklungsländer:

Die spanische Tageszeitung "El País" schöpft aus der Abflachung der Ansteckungskurve in China Hoffnung.
© LUIS ROBAYO

"Tages-Anzeiger" (Zürich): "Nach seiner Verbreitung in China ist das Coronavirus binnen weniger Wochen in Europa und den USA zu einer Bedrohung geworden, wie man sie noch vor kurzem als überhitzte Fantasie eines apokalyptisch gestimmten Hollywood-Drehbuchautors abgetan hätte. Selbst auf die Gefahr hin, sich dem Vorwurf der Panikmache auszusetzen, muss man allerdings sagen: In den sogenannten Entwicklungsländern könnten bald Szenarien eintreten, die unendlich viel schlimmer sind. Dort droht eine soziale, wirtschaftliche und medizinische Katastrophe gewaltigen Ausmaßes. (...)

Auf der Südhalbkugel bedroht das Coronavirus Millionen, die ohnehin ein geschwächtes Immunsystem haben. Wenn Covid-19 in einer der reichsten Regionen des Planeten, nämlich in der Lombardei, das Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses treibt - was droht dann in Südostasien, im Nahen Osten, in Afrika und Lateinamerika?"

Die Zukunft des Euro steht also auf dem Spiel. Und zwar in diesen Wochen. Covid-19 ist die Probe aufs Exempel für ein Projekt, das entweder jetzt richtig funktioniert - oder vielleicht nie wieder.
Corriere della Sera (Mailand)

"Neue Zürcher Zeitung": "Ein gutes Bild haben die EU-Mitgliedstaaten in dieser Krise bisher nicht abgegeben. Der Reflex der deutschen und der französischen Regierung, den Export von Atemschutzmasken und medizinischen Geräten zu beschränken, während der italienische Außenminister Luigi Di Maio einen Hilferuf an die Europäer aussandte, kam in Rom nicht gut an. In vorauseilender Panik vor Engpässen schienen sich die Staaten im Großen nicht anders zu verhalten als ihre Lebensmittel hortenden Bürger im Kleinen. (...)

Die Corona-Pandemie ist für die EU ein Stresstest, der womöglich weit über den Brexit, die Euro-Krise von 2008 oder die Migrationskrise von 2015 hinausgeht. Man muss sich nur die Fliehkräfte in Erinnerung rufen, welche die Sparmaßnahmen nach der letzten Schuldenkrise ausgelöst haben, um zu erahnen, zu welchen Verwerfungen es im Verlauf der Corona-Pandemie noch kommen kann. Sicher, es kann sein, dass die EU, die mit der Abriegelung ihrer Außengrenze nun immerhin nach außen als Einheit auftritt, aus dieser Krise gestärkt hervorgeht. Und es ist viel zu früh, der Staatengemeinschaft schon jetzt Versagen vorzuwerfen."

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"The Times" (London): "Die meisten Schulen bleiben offen, vorerst jedenfalls. Die Reduzierung von Sozialkontakten soll freiwillig bleiben, selbst für Menschen über 70. Premierminister Boris Johnson schlägt nicht vor, dass der Staat die Befugnis erhält, Menschen zu zwingen, zu Hause zu bleiben. Der Bevölkerung wird geraten, Pubs und Restaurants zu meiden, aber diese Örtlichkeiten werden nicht geschlossen. Der Premierminister hofft, dass solche weitergehenden Maßnahmen nicht erforderlich sein werden, wenngleich sie nicht ausgeschlossen werden können. (...) Die Zukunft wird zeigen, ob Johnsons Haltung ausreichend ist oder weitere Schritte notwendig sind. Klar ist aber, dass es ohne einen Durchbruch in der Medizin Monate und vielleicht sogar ein Jahr dauern wird, bevor es irgendeine Aussicht auf Rückkehr zu einem normalen Leben gibt. Falls Großbritannien überhaupt jemals zu etwas zurückkehren kann, das wir von früher kannten."

"Corriere della Sera" (Mailand): "Vor allem die deutsche Weigerung, den Euro wie eine wirklich gemeinsame Währung zu steuern, legt den Grundstein für eine neue Krise in der Union. Bei dieser Konstellation wäre eine Rettungsaktion für Italien mit von außen diktierten Bedingungen aus moralischer Sicht Gift und würde politisch destabilisierend wirken. Die öffentliche Meinung würde so etwas als feindlichen Akt einstufen und könnte bei nächster Gelegenheit eine nationalistische, anti-europäische Regierung wählen, die bereit ist, die gemeinsame Währung zu verlassen. Die Zukunft des Euro steht also auf dem Spiel. Und zwar in diesen Wochen. Covid-19 ist die Probe aufs Exempel für ein Projekt, das entweder jetzt richtig funktioniert - oder vielleicht nie wieder."

"La Croix" (Paris): "Die Zeit ist gekommen, sich auf ein einziges Ziel zu konzentrieren: die Coronavirus-Epidemie schnellstmöglich besiegen. Alles andere soll erst einmal ruhen. Auch die beiden Reformen, die in den vergangenen Monaten auf heftigen Widerstand gestoßen sind: die Reform der Arbeitslosenversicherung und die Rentenreform. (...) Emmanuel Macron hat auf diese Weise in einem beispiellosen Augenblick seinen Willen bewiesen, die Kräfte des Landes zu bündeln. (...) Niemals zuvor wurde in Zeiten ohne militärischen Konflikt ein solches Maßnahmenarsenal aufgelegt. "

"El País" (Madrid): "Die Ansteckungs- und die Sterblichkeitskurve flachen sich in China bereits ab. Das öffentliche Gesundheitssystem des asiatischen Giganten, vor allem seine hervorragenden und aufopferungsvoll arbeitenden Profis, haben dort die Pandemie in die Knie gezwungen und damit den Beginn einer langsamen Rückkehr zur Normalität ermöglicht. Dazu haben auch die disziplinierten Bürger und - das darf man auch nicht verschweigen - ein alles andere als beneidens-und nachahmenswertes autoritäres System beigetragen (...) Der Sieg über die Krankheit, den das Land sicher auch zu propagandistischen Zwecken benutzen wird, erfolgt zu einer Zeit, in der die USA sich sehr zurückhaltend zeigen, was ihrer Verantwortung hinsichtlich der Geschicke der Welt angeht (...) China übernimmt derzeit jene Rolle des globalen, verantwortungsbewussten Partners, die man früher immer von Washington gefordert hatte."

"De Telegraaf" (Amsterdam): "Indem das Kabinett das Land nicht einsperrt, geht es ein Risiko ein. Denn wenn sich diese Maßnahme in anderen Ländern als effektiv erweisen und es dadurch weniger Opfer geben sollte, dann hätten wir ein echtes Problem.

Wenn ein Haus brennt, soll die Feuerwehr zum Löschen kommen. Ministerpräsident Rutte sagt jedoch, es sei besser, das Haus kontrolliert abbrennen zu lassen. Von einer Regierung wird in Krisenzeiten Ruhe und Entschlossenheit erwartet. Der eingeschlagene Weg ist jedoch holprig. Ausländischen Experten zufolge wissen wir zu wenig über das Virus, um davon ausgehen zu können, dass Gruppenimmunität und eine allmähliche Ausbreitung wirklich funktionieren werden. Diese Kritik steht in scharfem Kontrast zu den zustimmenden Reaktionen im eigenen Land. Eines ist aber sicher: Die Niederlande gehen sehr unsicheren Zeiten entgegen." (APA/dpa)

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