Österreichs Fußball setzt auf Kurzarbeit in der Pressing-Pause

Der österreichische Profifußball steht wegen des Coronavirus still. Kurzarbeitsmodelle sind in Ausarbeitung,
 der Kollektivvertrag hilft rund um die Spielergewerkschaft (VdF) weiter. Es geht um die Existenzen der Klubs.

Die österreichische Bundesliga bietet rund um den Coronavirus derzeit eine verzerrte Perspektive – die WSG-Kicker wie Lukas Grgic sind angehalten, sich zuhause fit zu halten.
© gepa

Von Alex Gruber

Innsbruck – „Mich hat gerad­e ein Spieler angerufen, dass er zur Kurzarbeit bereit wäre. Das ist sehr lobenswert, aber wir müssen das erst alles abklären“, türmen sich nicht nur vor Stefan Köck, Sportmanager der WSG Tirol, arbeitsrechtliche und wirtschaftliche Fragen auf, die derzeit nur von Fachleuten zu beantworten sind. „Wir sind mit Experten im Austausch. Das Modell ist sehr interessant seitens der Regierung, um Arbeitsplätze zu sichern. Wir sind in einem Prüfungsprozess und schauen, welche Varianten wir unseren Mitarbeitern zur Verfügung stellen können“, hält Daniel Bierent, WSG-Geschäftsführer Wirtschaft, fest. Bei Sturm, Altac­h und WAC wird daran gedacht, im gesamten Unternehmen auf Kurzarbeit umstellen. Das sei auch bei Austri­a und Rapid ein Thema.

Bei Zweitligist FC Wacke­r Innsbruck will man laut Präsident Gerhard Stocker „den März gut hinüberbringen“: „Man muss sich weiter­hangeln. Wir geben uns jetzt zwei bis drei Wochen Zeit. Natürlich werden wir mit allen sprechen. Und natürlich appellieren wir an jeden Einzelnen, solidarisch zu sein und seinen Beitrag zu leisten“, weiß auch Stocker, dass das Überleben der Klubs über Einzelinteressen stehen muss.

Nicht so viele Schwerverdiener in Österreich

Im Gegensatz zum internationalen Profifußball, wo weit höhere Summen bezahlt werden, haben die (kleineren) heimischen Klubs den „Vorteil“, dass Gehälter gedeckt werden würden. „Wir wissen auch laut unseren Studien und Mittelwerten, dass wir nicht so viele Schwerverdiener im österreichischen Fußball haben“, führt Gernot Zirngast, Vorsitzender der Fußballergewerkschaft (VdF), aus: „Es gibt das Instrumentarium der Kurzarbeit, und wir raten den Spielern, es zu machen, um die Klubs in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Entscheiden muss das natürlich jeder für sich selbst.“

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Bei manch einem läuft ja in zwei Monaten der Vertrag aus, andere Profis über der Höchstbeitragsgrundlage (vermutlich bei Salzburg) fallen ohnedies nicht in diesen Bereich. Der Kollektivvertrag zwischen Gewerkschaft und Liga garantiert darunter den Anspruch auf staatliche Leistungen.

Vereine, die den Mustervertrag der Gewerkschaft nutzen, haben auch kein Problem, sollten die Arbeitspapiere nur bis 31. Mai 2020 datiert sein und sollte die Saison jetzt bis Ende Juni darüber hinaus laufen – denn eine Klausel sieht vor, dass bei einer etwaigen Saisonverlängerung die getroffene Vereinbarung zu den bestehenden Konditionen bis nach dem letzten Pflichtspiel gilt. „Das kann ich bestätigen“, nickt Köck.

Erklärungen der Begrifflichkeiten

Kollektivvertrag: Die Bundesliga ist kollektivvertragsfähig. Die Möglichkeit, Kurzarbeit anzunehmen, gibt es im österreichischen Sport nur für in den höchsten beiden Ligen engagierte Fußballer, weil zwischen Gewerkschaft (VdF) und Bundesliga ein Kollektivvertrag abgeschlossen wurde.

AMS: Das AMS ersetzt dem Arbeitgeber ausschließlich die entstandenen Kosten für Einkommen bis zur Höchstbeitragsgrundlage (5370 Euro brutto). Clubs können aber natürlich einvernehmlich höhere Summen zahlen.

Stufen: Die Kurzarbeitsbeihilfe des AMS sieht bei bis zu 1700 Euro Nettoeinkommen ein Entgelt von 90 Prozent des bisherigen Gehalts vor, bei bis zu 2685 Euro sind es 85 Prozent und ab 2686 Euro sind es 80 Prozent.

Freiwilligkeit: Keinem Spieler mit laufendem Vertrag kann Kurzarbeit aufgezwungen werden. Da Klubs über keinen Betriebsrat verfügen, ist seitens des Vereins mit jedem Arbeitnehmer einzeln zu sprechen.

Trainerstab: Mitglieder des Trainerstabs können auf freiwilliger Basis in die Kurzarbeit wechseln und sind, sofern sie befristete Verträge besitzen, ebenfalls unkündbar.

„Wir haben im Fußball gegenüber anderen Sportarten den Vorteil des Kollektivvertrages. Wir leisten unsere Abgaben über das ganze Jahr“, will Zirngast den Fußball nicht als Nutznießer verstanden wissen, denn hart wurde über die Jahre mit Vereinen und Liga das Recht auf ein Mindesteinkommen eines Profispielers erkämpft, das derzeit gerade einmal 1500 Euro brutto monatlich beträgt.

Lizenzierungsunterlagen ohne Bestand

Bierent („Natürlich sind wir angesichts der aktuellen Lage nur eine Randnotiz“) spielt dennoch darauf an, wie viel­e Menschen der Fußball abseits des Rasens beschäftigt, ob in der Geschäftsstelle, bei Behörden­gängen, Spieltagsabwicklungen oder der Sponsoren­akquise. Vor allem Letzteres ist ein brennender Punkt: Welche Leistungen treffen noch ein, welche bleiben aus? Wer trägt die Verantwortung? Darüber sind sich auch Sportjuristen in der Bezahlung der Spieler (siehe Kommentar) derzeit nicht einig.

Fix ist, dass die vor Kurzem abgegebenen Lizenzierungsunterlagen unter den neuen Bedingungen kaum oder keinen Bestand haben. Alle sitzen im selben (Corona-)Boot, jeder rudert nach Kräften. Und Kurzarbeit ist in der Pressing-Pause ein womöglich lohnender Faktor.


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