Lösch im Interview: „Es ist okay, wenn man Angst hat“

Ex-ÖSV-Behindertenskifahrerin Claudia Lösch (31) erzählt über die Auswirkungen des Coronavirus auf die Sportwelt, mangelnde Fairness bei der Olympia-Qualifikation und was man aus der Krise lernen kann.

Die Innsbruckerin Claudia Lösch trainiert auf der Terrasse: Auch eineinhalb Jahre nach dem Karriereende gehört Sport zum Tagesablauf dazu.
© Lösch

Tirol ist in Quarantäne. Das heißt, Sie dürfen derzeit auch nicht Ihre Familie im Waldviertel besuchen.

Claudia Lösch: Eigentlich wollte ich zu Ostern hinfahren. Mal schauen, ob es bis dahin möglich und sinnvoll ist. Meine Mutter ist über 65 und gehört zur Risikogruppe.

Für die Sportwelt bedeutet die Corona-Krise Rieseneinschnitte. Praktisch alle Sportevents sind abgesagt. Was schmerzt Sie da am meisten?

Lösch: Dass die Ski-Weltcupsaison so früh vorbei war, weil ich das natürlich am liebsten anschaue. Nichtsdestotrotz bin ich mir bewusst, dass es absolut notwendig war. Ich habe viele Kollegen in der Sportwelt, die um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio zittern. Eigentlich fühle ich am meisten mit denen mit. Man muss sich vorstellen: Die Leute trainieren vier Jahre auf ein Großereignis hin, und dann wissen sie vier Monate vorher nicht, ob es stattfindet.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

>>> Olympische Spiele um jeden Preis? „Eine Absage wird es sehr spät geben“

>>> Live-Blog: Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Sport

Ist die Olympia-Qualifikation überhaupt noch fair?

Lösch: Die Chancengleichheit leidet. Es sind nicht nur die Wettkämpfe betroffen. In Tirol darf man nirgends mehr sinnvoll trainieren. Da haben es Athleten aus weniger vom Coronavirus betroffenen Ländern einfacher. Was mir auch zu denken gibt, ist: Es haben zahllose Dopingkontrollen in den letzten Wochen nicht mehr stattgefunden. Das ist ein Aspekt, wo ich mir denke, so richtig fair wird das heuer nicht mehr.

Die Fußball-EM wurde auf 2021 verschoben. Nun werden auch Stimmen laut, die für eine Verlegung der Sommerspiele sind.

Lösch: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Vom gesundheitlichen Standpunkt aus wäre es klug, wenn man die Spiele verschiebt und die Entscheidung möglichst bald trifft, damit sich die Athleten darauf einstellen können. Noch schlimmer wäre, wochenlang zuzuwarten und dann erst abzusagen. Als aktiver Athlet ist es so: Wenn man auf ein Ereignis hinarbeitet und der Zeitplan einfach so verändert wird, ist das mit hohen Kosten verbunden. Da wäre es für viele besser, wenn man die Spiele nicht verschiebt.

Sie sprechen die Kosten an. Hat die Krise unmittelbare Auswirkungen auf den Behindertensport?

Lösch: Das wird davon abhängen, wie arg die Wirtschaftskrise wird. Wenn man das halbwegs abfedern kann, wird es wohl auch für den Behindertensport weitergehen wie bisher. Wenn die Wirtschaft eine extreme Delle erleidet, wird es natürlich auch den Behindertensport treffen.

Wie hat sich für Sie das Arbeitsleben durch die Corona-Krise verändert?

Lösch: Mein Arbeitgeber Olympiaworld hat mich ins Home-Office geschickt. Anstatt dass wir Hochbetrieb haben mit Auftritten der Shaolin-Mönche und einem Konzert von James Blunt, werden wir von Anfragen überhäuft, wie die Leute ihr Geld für die Tickets zurückbekommen.

Wie ist die Stimmung?

Lösch: Wir sind als Kollegen enger zusammengewachsen. Normalerweise arbeitet jeder in seiner Abteilung vor sich hin, jetzt ist doch mehr Austausch untereinander da. Wir schauen aufeinander.

Claudia Lösch hält sich mit Jonglieren und Quizzen bei Laune.
© Lösch

Was machen Sie mit der gewonnenen Zeit zuhause?

Lösch: In der Mittagspause habe ich meine Trainingsmatte auf der Terrasse ausgerollt und habe Stabilisationsübungen gemacht. Meine große Leidenschaft ist das Pub-Quiz, das geht derzeit leider nicht mehr. Kürzlich haben wir online gespielt, das war auch sehr lustig. Aber es ist halt nicht dasselbe, weil die soziale Komponente fehlt.

Sie hatten als Kind einen schweren Schicksalsschlag. Seit einem Autounfall sitzen Sie im Rollstuhl. Hilft so eine Erfahrung in irgendeiner Weise bei der Bewältigung dieser Krise?

Lösch: Bedingt. Das ist eine Frage der Persönlichkeit und Resilienz. Ich war immer schon eine Kämpferin. Ich werde mich sicher nicht von dieser Krise unterkriegen lassen und habe großes Durchhaltevermögen.

Verstehen Sie die Sorgen der Menschen, die derzeit um ihren Job bangen?

Lösch: Natürlich, wenn man vor den Trümmern der Existenz steht, kann das extrem bedrohlich wirken. Es ist okay, wenn man Angst hat. Ich möchte den Leuten sagen: Lasst euch nicht unterkriegen, macht das Beste aus der Situation. Es ist noch für niemanden absehbar, wie sich die Krise auswirken wird.

Welche Lehren kann man jetzt schon aus der Krise ziehen?

Lösch: Aus europäischer Sicht wäre es sinnvoll, besser zusammenzuarbeiten. Derzeit kocht jedes Land sein eigenes Süppchen. Mir wäre es ein Anliegen, dass man den Leuten, die in Gesundheitsberufen, in der Pflege und im Einzelhandel arbeiten, viel mehr Wertschätzung – auch finanziell – entgegenbringt. Sie sind unsere Krisen-Kämpfer. Sie halten das Land derzeit am Laufen. Ausgerechnet diese Berufsgruppen sind massiv unterbezahlt.

Das Gespräch führte Benjamin Kiechl


Kommentieren


Schlagworte