Sterbebegleitung statt Beatmung für Patienten im Elsass

Im französischen Elsass können, wie schon in Norditalien und Spanien, nicht mehr alle Covid-19-Intensivpatienten beatmet werden. Sie erhalten nur noch Opiate und Schlafmittel.

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20 Covid-19-Intensivpatienten wurden gestern im Hochgeschwindigkeitszug TGV von Straßburg in den Westen Frankreichs gebracht, um dort behandelt zu werden.
© AFP/Florin

Straßburg – Katastrophenmediziner berichten angesichts der Corona-Pandemie über dramatische Zustände im Elsass. Demnach arbeiten Mediziner an der Universitätsklinik Straßburg auch dann weiter mit Corona-Patienten, wenn sie selbst infiziert sind. Zudem würden über 80-jährige Patienten nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge „Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln“, schreiben Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen in einem Bericht an die baden-württembergische Landesregierung.

Das Elsass gilt als Frankreichs Epizentrum der Krise. Die deutschen Katastrophenmediziner besuchten die Universitätsklinik in Straßburg am Montag – und schlagen angesichts der Zustände Alarm. Sie berichten in dem Papier von einer „greifbaren Gefahr“ durch das Virus. Da sich diese Entwicklung bald auch in Deutschland einstellen könne, sei eine optimale Vorbereitung von „allerhöchster Dringlichkeit“.

Nadelöhr seien die zu beatmenden Patienten, heißt es in dem Papier. Seit dem Wochenende würden Patienten, die älter sind als 80 Jahre, an der Straßburger Klinik nicht mehr beatmet. So werde auch mit Patienten in Pflegeheimen in dem Alter verfahren, die beatmet werden müssten. Sie sollen durch den Rettungsdienst eine „schnelle Sterbebegleitung“ erhalten. Die Ethikkommission gebe diese Vorgehensweise vor.

Triage: Entscheidung, wer behandelt wird

Wenn medizinische Ressourcen knapp werden, können sie im Extremfall, wie das jetzt auch im Elsass der Fall ist, nicht mehr allen Patienten zur Verfügung gestellt werden. Dann muss nach festgelegten Kriterien ausgesucht werden, wer die Behandlung bekommt bzw. in welcher Reihenfolge sie vorgenommen wird. Das wird Triage genannt, was vom französischen Verb „trier (sortieren, aussuchen)“ abstammt.

Das System kommt aus der Militärmedizin. Unter Napoleon I. entwickelte der Militärchirurg Dominique Jean Larrey „fliegende Lazarette“: Die Verwundeten wurden auf dem Schlachtfeld nach der Schwere ihrer Verletzungen sortiert und, wenn nötig, vor Ort behandelt.

Bei der Einteilung kommt es keinesfalls nur auf das Alter an. Auf jeden Fall aber sind derartige Entscheidungen auch für die Ärzte extrem belastend. Deshalb sollte auch nicht von einer Einzelperson entschieden werden, sondern immer im Team.

Die Klinik nahm am Montag dem Bericht zufolge stündlich einen Patienten auf, der beatmet werden muss. 90 Beatmungsbetten standen zu dem Zeitpunkt zur Verfügung. Die Klinik baut ihre Kapazitäten derzeit aus. Patienten zwischen 19 und 80 Jahren werden dort beatmet, wobei nur 3 der 90 Patienten jünger als 50 waren und keine Vorerkrankungen hatten. Am Universitätsklinikum wird pro Tag nur noch eine lebenswichtige Bypass-Operation durchgeführt, es gibt keine Tumor-Chirurgie mehr und keine ambulanten Operationen. Alle Patienten, die gehen können und bei denen es gesundheitlich vertretbar ist, wurden entlassen. Im Elsass ist bereits die Armee im Einsatz. Dort hat sie ein Lazarett mit 30 Intensivbetten aufgebaut, das Macron am Mittwoch erstmals besuchte. Das Lazarett soll die überfüllten Krankenhäuser in dem Grenzgebiet zu Deutschland entlasten, insbesondere in den Städten Mülhausen und Straßburg. Aus dem Elsass hatte die Armee zuvor auch Kranke in Kliniken in Südfrankreich ausgeflogen.

Ein TGV-Hochgeschwindigkeitszug ist am Donnerstagvormittag in Straßburg mit Corona-Patienten an Bord nach Westfrankreich gestartet. Der Sonderzug bringt 20 Patientinnen und Patienten mit Covid-19 aus Ostfrankreich in die westfranzösische Region Pays de la Loire. In dem TGV würden jeweils vier Patienten in einem Waggon mit medizinischem Personal transportiert, hieß es aus dem Gesundheitsministerium. Durch diese Maßnahme sollen die Intensivstationen vor allem in Haut-Rhin sowie dem angrenzenden Département Bas-Rhin entlastet werden.

Die gesamte französische Region Grand Est – dazu gehört neben dem Elsass und Lothringen auch die Gegend Champagne-Ardenne – ist einer der Coronavirus-Brennpunkte in Frankreich. Nach Angaben der regionalen Gesundheitsbehörde waren bis Mittwoch 3068 Menschen mit einer SARS-CoV-2-Infektion in Krankenhäusern untergebracht. Fast 651 davon sind Patienten auf Intensivstationen. Seit Beginn der Pandemie wurden in der gesamten Region mehr als 500 Todesfälle verzeichnet. (TT, dpa)


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