Leben nur bedingt eingeschränkt: Was Schweden in Corona-Krise anders macht

Die meisten Länder weltweit gehen mit strikten Maßnahmen bis hin zu Ausgangssperren und einem weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens gegen die Corona-Pandemie vor. Einen anderen Weg geht Schweden. Hier sind einzig Menschenansammlungen von mehr als 50 Personen verboten. Was es damit auf sich hat.

Menschen genießen in Stockholmer Cafés die Sonne – obwohl es in dem Land bislang bereits deutlich mehr Todesopfer gibt als etwa in Österreich.
© JANERIK HENRIKSSON

Von Andreas Stangl/APA

Stockholm – In Schweden sind derzeit – im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern in Europa – Kindergärten und Unterstufenschulen, ebenso wie die meisten Geschäfte geöffnet. In den Skigebieten tummeln sich immer noch viele Freizeitbegeisterte. Lediglich Ansammlungen von über 500 Menschen waren bis vor kurzem untersagt, am Freitag wurde das noch einmal auf 50 verschärft. Das Aprés-Ski muss aus Sicherheitsgründen unter freien Himmel stattfinden.

Schweden weist derzeit mit mehr als 3.000 Infizierten eine deutlich niedrigere Zahl aus, als das von der Einwohnerzahl vergleichbare Österreich. Bei den Corona-Toten liegt Schweden mit derzeit 92 Toten jedoch deutlich vor Österreich. Die Gründe, warum die gegenwärtige Situation in Schweden sich so sehr von jener in Österreich unterscheidet, sind vielfältig.

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Experten beraten Regierung in Schweden anders

Zum einen sind es die schwedischen Experten, Mediziner, Statistiker, Sozialwissenschaftler, die in der Mehrheit ihrer Regierung andere Ratschläge erteilen als ihre Kollegenschaft der österreichischen Bundesregierung. In Schweden bezweifeln Fachleute wie der Staatsepidemologe (spezielle Postenbezeichnung, Anm.) Anders Tegnell die Effektivität von harten Maßnahmen.

Tegnell erläuterte das in der täglichen, einstündigen Informationssendung im Schwedischen Fernsehen zwischen 14 Uhr und 15 Uhr anhand des Vergleichs zwischen Helsinki und Stockholm. Die finnische Hauptstadtregion wurde am Donnerstag abgeriegelt, um eine Verbreitung des Coronavirus in bisher kaum betroffene Regionen zu unterbinden. Tegnell betonte, dass Finnland sich noch in einer frühen Phase der Virus-Verbreitung befinde. In Schweden sei hingegen die weitere Verbreitung ohnehin nicht mehr zu stoppen. Zumindest in der derzeitigen Situation sieht der schwedische Chef-Epidemologe jedenfalls keinen Anlass, ähnliches für die zuletzt bei Ansteckungen und Todesfällen besonders betroffene Region Stockholm zu veranlassen.

Trotz Kritik hält Regierung an liberalem Umgang mit Krise fest

Die Mitte-Links-Regierung von Stefan Löfven hält sich bisher an die Empfehlungen ihrer Berater. Obwohl es vereinzelte Kritik aus Medien und Fachkreisen an der schwedischen Linie gibt, scheint die öffentliche Meinung der Regierung recht zu geben: Fast drei Viertel der schwedischen Bevölkerung unterstützen die liberale Corona-Politik der Regierung in Stockholm.

Statt mit gesetzliche Beschränkungen und Verboten mit teils empfindlichen Strafandrohungen zu operieren, setzt man in Schweden auf möglichst breite Information und Empfehlungen von Fachorganisationen und Instituten. Die schwedische Volksgesundheitsbehörde etwa rät unter anderem, bei verdächtigen Krankheitssymptomen unbedingt zuhause zu bleiben, keine unnötigen Reisen zu unternehmen, oder nach Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten.

Verschärfungen werden nicht ausgeschlossen

Ein Blick auf die Straßen, etwa in Stockholm, zeigt, dass sich die Schweden durchaus strikt an diese Empfehlungen halten. Eine Schwedin, die einer Risikogruppe angehört, hat dafür eine ganz einfache Erklärung: "Wir brauchen in Schweden keine Verbote. Wenn uns jemand sagt, wir sollen zuhause bleiben, dann bleiben wir auch zuhause".

Obwohl Vertreter von Volksgesundheitsbehörde, Sozialbehörden und vom Gesellschaftsschutz im Fernsehen zuversichtlich waren, dass die derzeitige Strategie zur Bewältigung der Corona-Pandemie in Schweden halten wird, wollte man Verschärfungen für die kommenden Wochen dennoch nicht ausschließen. Die Gesellschaftsschutz-Behörde MSB etwa bereitet derzeit einen Leitfaden für die Organisation der Kinderbetreuung vor, für den Fall, dass die Regierung oder auch einzelne Direktoren die Schließung von Schulen niedrigerer Altersklassen verfügen.

Und am Freitagmittag folgte bereits die erste Verschärfung: Zusammenkünfte mit mehr als 50 Teilnehmern werden verboten, wie Ministerpräsident Stefan Löfven am Freitag auf einer Pressekonferenz in Stockholm bekannt gab. Bisher lag diese Grenze bei 500 Personen. Von der neuen Maßnahme seien unter anderem Examensfeiern, Hochzeiten und Beerdigungen betroffen, fügte Sozialministerin Lena Hallengren hinzu. Laut Innenminister Mikael Damberg gilt die neue Begrenzung ab Sonntag.


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