„Ruhe vor dem Sturm": Regierung warnt und verschärft Maßnahmen

Die Regierungsspitze hat am Montag gewarnt, die bereits erlassenen Maßnahmen würden zwar wirken, man sei jedoch noch weit von den Zielen entfernt. Es wird nachgeschärft: In Supermärkte darf man nur noch mit Mundschutz. Dieser soll dann auch abseits der Märkte getragen werden – auch von Kindern.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).
© ROLAND SCHLAGER

Von Michael Sprenger

Wien – Wer geglaubt oder zumindest gehofft hat, der Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus war erfolgreich, wurde einmal mehr eines Besseren belehrt. Er musste aus dem Munde des Bundeskanzlers vernehmen, dass die bis jetzt gesetzten Maßnahmen zwar richtig sind, aber eine Ausweitung – und Verschärfung – nötig sei.

Sebastian Kurz (ÖVP) übte erneut Kritik an den „Verharmlosern“, er hingegen wolle „ehrlich“ sein. Deshalb warnte er mit drastischen Worten vor dem Kommenden: „Die Wahrheit ist: Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Und wie grausam dieser Sturm sein kann, merkt man, wenn man in unser Nachbarland Italien schaut“, sagte Kurz.

Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) hörte zu und wollte auch nicht besänftigen. Ganz im Gegenteil: Der von der Regierung selbst in den Raum gestellten Hoffnung, dass nach Ostern die Maßnahmen gelockert werden, wurde eine Absage erteilt: Denn sonst würden die Kapazitätsgrenzen der medizinischen Einrichtungen überschritten und dies würde dann „viel mehr Tote“ bedeuten. Er appellierte daher an die Bevölkerung, dass „möglichst viele mittun, um möglichst viele andere Menschenleben zu retten“.

Die Regierung wird also die Maßnahmen nicht nur ausdehnen, sondern auch verstärken. Denn unter der realistischen Annahme eines Replikationsfaktors von 1,7 – also eine Person steckt 1,7 Menschen an – werde das Gesundheitssystem Mitte April zusammenbrechen. Was konkret ist also geplant?

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1. Schutzmasken im Supermarkt: Ab Mittwoch werden bei den Supermärkten Mund-Nasen-Schutzmasken ausgeteilt, die – so vorhanden – auch getragen werden müssen. So weit möglich soll dieser Schutz auch überall angelegt werden, wo Menschen zusammenkommen, bat Kurz. Die Handelsunternehmen stellen laut Kanzleramt den Schutz für die Kunden zur Verfügung, falls die Kunden diesen nicht mitbringen. Dort, wo er zur Verfügung gestellt wird, ist ein Einlass in das Geschäft nur erlaubt, wenn der Mund-Nasen-Schutz getragen wird. Für die Ausgabe des Schutzes darf kein Kostenbeitrag verrechnet werden. Die Schutzmaske geht dann in das Eigentum des Kunden über und kann weiterverwendet werden.

Es gehe beim Mund-Nasen-Schutz nicht um den Eigenschutz, sondern darum, andere nicht anzuhusten oder anzuniesen, betonte Kurz. Zur verkündeten Maskenpflicht betonte Kurz, dass dies keinesfalls ein Ersatz für das Abstandhalten sei. „Ich bin mir vollkommen bewusst, dass Masken für unsere Kultur etwas Fremdes sind“, es werde eine große Umstellung sein.

Auch für Kinder und Kleinkinder sind Masken ebenfalls angeraten zu tragen, gab Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) zu verstehen. In anderen Kulturen werde das etwa auch in Volksschulen praktiziert.

Der Handelsverband, eine Vertretung der Handelsunternehmen, begrüßt zwar die angekündigte Maskenpflicht. Den Bedarf schätzt Geschäftsführer Rainer Will aber auf vier Millionen Stück pro Tag. Entsprechend rechnet der Verband noch nicht mit flächendeckender Versorgung bereits ab morgen Mittwoch.

Ab Mittwoch sollen auch alle Polizisten mit Mund- und Nasenschutz im Außendienst tätig sein. Das kündigte das Innenministerium an.

Stichwort: Replikationsfaktor

Mit dem Replikationsfaktor (R0) wird die durchschnittliche Anzahl der Leute angegeben, die ein Infizierter ansteckt, bevor er wieder gesund wird oder stirbt. Wenn der Wert von R0 etwa zwei beträgt, steckt jeder Kranke im Schnitt zwei Personen an. Aus einem Infizierten werden also zwei, dann vier, dann acht, usw.

Passiert das in einem Rhythmus von jeweils einem Tag, hätte man nach etwas mehr als zwei Wochen 100.000 Infizierte - das ist ein sogenanntes "exponentielles Wachstum". Genau betrachtet hängt die Zahl der Personen, die ein Infizierter im Schnitt ansteckt, auch davon ab, wie viele Leute schon immun sind. Am Beginn einer Epidemie, also wenn erst wenige Prozent der Bevölkerung infiziert sind, kann man diesen Effekt vernachlässigen.

Der Basisreplikationsfaktor von Influenza liegt bei einem Wert um die zwei. Bei Masern liegt der Wert bei zwölf bis 18. In dem Expertenpapier, das Grundlage für die heutigen Entscheidungen der Bundesregierung war, wird R0 für Covid-19 mit 2,8 angegeben, "falls keine Maßnahmen ergriffen werden". In einer ersten Berechnung der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) wurde Mitte März noch ein R0 von 1,62 für Covid-19 in Österreich angegeben.

Das Wachstum der Infizierten in einer Epidemie kommt erst zum Stillstand, sobald der Anteil der Immunisierten in der Bevölkerung groß genug ist. Wie groß dieser Anteil sein muss, hängt stark vom Replikationsfaktor ab. Hat dieser einen Wert von 2,8, breitet sich die Infektion sehr weit aus und das Wachstum kommt erst bei 65 Prozent infizierten zum Erliegen. Bei einem R 0 von 1,02 stoppt das Wachstum bereits, wenn etwa zwei Prozent Bevölkerung infiziert wurden, heißt es in dem Expertenpapier. Ist der Wert kleiner als eins, stirbt die Krankheit exponentiell schnell aus.

📽 Video | Bürger (ORF) über die neuen Maßnahmen

2. Schutz für gefährdete Personen. Die Regierung wird dafür sorgen, dass durch das Coronavirus aufgrund von Vorerkrankungen gefährdete Personen nicht mehr in die Arbeit müssen. Sie können nur noch im Home-Office tätig sein, sonst müssen sie verpflichtend freigestellt werden. Den Arbeitgebern wird die Maßnahme abgegolten. „Wir sind von unserem Ziel noch weit entfernt“, sagte Anschober bei der Pressekonferenz der Regierungsspitze. Die Verdoppelungsrate bei den Erkrankungsfällen habe sich zwar von 2,5 Tagen vor drei Wochen auf aktuell 5,9 Tage erhöht. Doch auch das ist noch zu hoch. Deshalb soll den Menschen mit Vorerkrankungen nun bestmöglicher Schutz gewährt werden.

Per Erlass wird auch die touristische Nutzung von Hotels eingestellt. Tirol habe diese Maßnahme bereits mit 15. März umgesetzt.

3. Maßnahmen sicherstellen und überwachen. Die bereits gesetzten Regeln werden immer noch nicht von allen in der Bevölkerung ernst genommen, ärgert sich Kogler. Dass dies besser werde, dafür sieht sich die Polizei verantwortlich. Über 10.000 polizeiliche Anzeigen wegen Verstößen gegen das Anti-Corona-Maßnahmenpaket sind bisher bundesweit ergangen. Allein am vergangenen Wochenende hat es mehr als 2000 Anzeigen gegeben. Das verkündete Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). Er kündigte ein konsequentes Vorgehen der Polizei gegen Missetäter und entsprechende Strafen an. Das Nichteinhalten des Mindestabstands nannte der Innenminister „katastrophal gefährlich“. Wer nach polizeilicher Abmahnung sein Fehlverhalten nicht umgehend einstelle, „wird konsequent angezeigt, wenn er den Anordnungen nicht Folge leistet“.

4. Stichprobentests. Mittels repräsentativer Stichprobentests will sich die Regierung einen besseren Überblick über die Infektion der Gesamtbevölkerung verschaffen. Dazu sollen 2000 Testungen vorgenommen werden, Ende der Woche soll das Ergebnis vorliegen. Darüber hinaus werden Stichprobenkontrollen bei bestimmten Gruppen durchgeführt, etwa bei medizinischem Personal, Polizisten oder Supermarkt-Angestellten. Auch hier soll in einigen Tagen ein Ergebnis vorliegen.

5. Ausblick. Eine Rückkehr zum Alltagsleben zeichnet sich vorerst nicht ab. Trotzdem wagte Kurz einen Blick in die Zukunft. Die Normalität soll stufenweise – wohl frühestens ab Frühsommer – eingeläutet werden. Als Erstes würden die Maßnahmen aus volkswirtschaftlicher Überlegung beim Handel gelockert werden, noch nicht bei den Lokalen. Schulen und Universitäten kämen demnach nach dem Handel dran.

📽 Video | Ausschnitte aus der Pressekonferenz: Kurz nennt Eckpunkte

Ärztekammer fordert Tragen von Masken in Ordinationen

Die von der Regierung am Montag verkündeten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus wird von der Ärztekammer begrüßt. Sie fordert jedoch, dass das Tragen von Schutzmasken, das ab Mittwoch in Supermärkten vorgesehen ist, auch für Arztordinationen festgeschrieben werden muss.

Zwar habe das Infektionsrisiko in Praxen durch den Appell, diese nur in dringenden Fällen aufzusuchen, bereits reduziert werden können. Ein Restrisiko lässt sich aber nicht gänzlich ausschließen. "Das Tragen von Masken schützt nicht vor einer Ansteckung, verhindert aber das Anstecken anderer Personen. Wenn nun aber alle in einer Ordination anwesenden Personen eine Maske verwenden, ist ein optimaler Schutz für alle gesichert", forderte Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Er sieht nunmehr auch alle Verantwortlichen in der Pflicht, "für eine ausreichende Anzahl von Schutzmasken zu sorgen", betonte er in einer Aussendung.

Selbst gemachte Schutzmasken: sinnvoll oder nicht?

In der Öffentlichkeit eine selbst gemachte Schutzmaske tragen – wie sinnvoll ist das? Grob zusammengefasst: Für den eigenen Schutz bringt es kaum etwas. Doch das Risiko, andere Menschen anzustecken, wird leicht verringert.

Beim Sprechen, Husten oder Niesen setzen wir Tröpfchen frei. Wenn man etwa ein Stück Tuch vor dem Mund habe, würden die großen Tröpfchen abgefangen, erklärte der Chef-Virologe der Berliner Charite, Christian Drosten. "Je näher dran an der Quelle, desto besser. Deswegen muss die Maske an der Quelle sein und nicht am Empfänger", sagte Drosten in einem NDR-Podcast.

Eine von ihm erwähnte aktuelle Stellungnahme von Wissenschaftern weist darauf hin, dass durch Masken der Übertragung des Coronavirus von denjenigen, die keine oder noch keine Symptome hätten, auf andere vorgebeugt werden könne. "Man geht nicht mit Symptomen in den Supermarkt, aber man erkennt an, dass man nicht weiß, ob man morgen Symptome kriegt", brachte Drosten es auf den Punkt. Er wertet das Tragen in der Öffentlichkeit als "Geste, Signal, als Höflichkeit".

Das Robert Koch-Institut schreibt ebenfalls, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sinnvoll sein kann – um das Risiko einer Übertragung der Erreger von Atemwegserkrankungen auf andere Menschen zu verringern. Gleichzeitig warnt es eindringlich davor, die wichtigsten Maßnahmen gegen die Verbreitung der Erregers Sars-CoV-2 zu vernachlässigen: Abstand halten, regelmäßiges gründliches Händewaschen, Husten und Niesen in die Armbeuge.


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