NADA-Chef Cepic: „Jetzt fängt keiner an zu dopen“

Der Wiener Michael Cepic, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA Austria, wurde eben aus der häuslichen Isolation entlassen. Der 58-Jährige über Doping- und neuerdings Corona-Tests.

NADA-Boss Michael Cepic.
© GEPA pictures/ Michael Meindl

Hätten Sie sich das Ausmaß der Corona-Krise in der Form vorstellen können?

Cepic: Wenn ich ehrlich bin, nicht. Das kannte man ja nicht einmal aus China so, als Bilder von dort ins Fernsehen kamen.

Die NADA will sich nun in die Corona-Testungen einbringen?

Cepic: Wo unsere Mitarbeiter eingesetzt werden, obliegt den jeweiligen Krisenstäben der Länder. Die Idee entstammt den Medien. Wenn man liest, dass Sportler in den Lagern von Supermärkten am Werk sind, dann überlegt man: Was kann die NADA beitragen?

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

>>> Live-Blog: Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Sport

>>> Doping in der Corona-Krise: Die Angst vor schwarzen Schafen geht um

Lässt die Infrastruktur einer Anti-Doping-Organisation so etwas zu?

Cepic: Wir haben 100 fallweise Beschäftigte: Kontrollore, Vortragende etc. Das System wurde zuletzt deutlich heruntergefahren. Deshalb haben wir diese Idee an das Sportministerium und in weiterer Folge an das Gesundheits- und Innenministerium herangetragen.

Inwieweit konnten Sie Ihre Mitarbeiter dafür gewinnen?

Cepic: Knapp ein Viertel meldete sich freiwillig, wir übernehmen die Kosten für diese Unterstützungsleistungen.

Lässt sich das bewerkstelligen, zumal ja die Doping-Testungen – wenn auch im kleineren Rahmen – weiterlaufen?

Cepic: Das ist machbar. Wir haben den Kontrollbetrieb stark eingeschränkt: auf Risikosportarten und Verdachtsfälle, alles selbstverständlich im Rahmen der Regierungsvorgaben.

Gibt es denn von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA eine Vorgabe für den Kontrollbetrieb?

Cepic: Es gibt eine Guideline, die im Wesentlichen dazu aufruft, sich am Kodex der Politik zu orientieren, die Gesundheit der Sportler sowie des Kontrollpersonals steht im Vordergrund.

Mancher österreichische Athlet hegte zuletzt die Angst, dass Konkurrenten anderer Länder dieser Tage durch unterschiedliche Kontroll-Gepflogenheiten im Vorteil seien. Wie beurteilen Sie die Verschiebung von Olympia und EURO auf 2021?

Cepic: Aus meiner Sicht führte kein Weg daran vorbei, dass müsste auch dem Internationalen Olympischen Komitee früher klar gewesen sein. Für Mannschaftssportarten hat sich die Saison aus meiner Sicht ohnehin erledigt.

Das heißt, ein fortgesetzter Ligabetrieb im Fußball scheint für Sie heuer unvorstellbar?

Cepic: Ich kann mir vorstellen, dass es im September/Oktober wieder in einen relativ normalen Betrieb übergeht, aber nicht früher. Man stelle sich vor, dass China mit seinen rigorosen Maßnahmen zwei bis drei Monate brauchte – und wir sind nicht China. Sportlich ist die Saison ohnedies kaputt.

Könnte man diese Wochen, in der weniger Dopingtests stattfinden, als Hoch-Zeit für Doper bezeichnen?

Cepic: Manche werden das Fenster vielleicht nützen, andererseits: Jetzt wird keiner, der vorher nie daran gedacht hat, anfangen zu dopen – alleine schon aufgrund der dafür notwendigen Logistik. Und im Gegensatz zu Travis Tygart von der US-Anti-Doping-Agentur glaube ich nicht, dass Doper gerade jetzt loslegen, schon alleine deshalb, weil es keine Wettkämpfe gibt. Zudem ist Doping ja auch immer mit den entsprechenden Trainingsmethoden im Zusammenhang zu sehen, die derzeitigen Trainingsbedingungen sind äußerst eingeschränkt.

Bei den jüngsten Dopingprozessen erwies sich die gesetzliche Verankerung als Sportbetrug nicht gerade als zugkräftig. Ist der Paragraf in der Form nicht praxistauglich?

Cepic: Man kann sicher darüber diskutieren, bei Langläufer Dominik Baldauf war ich etwa selbst im Gerichtssaal. Wenn es heißt, dass alle wissen, dass alle dopen – wo ist da der Betrug? Daraus muss man lernen.

Aber die Idee an sich gefällt Ihnen?

Cepic: Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Das trifft vielleicht nicht auf Langläufer wie Max Hauke oder Dominik Baldauf zu, dafür waren die Summen, um die es bei den beiden ging, zu gering. Aber bei einem wie Radprofi Stefan Denifl wird es interessant, da geht es ja um mehr als 500.000 Euro.

Die Sportler argumentieren mit dem hohen Druck, der auf ihnen lasten würde.

Cepic: Ich sehe das nicht anders als in anderen Wirtschaftsbereichen. Ein Durchschnittsverdiener kommt vielleicht auf 30.000 Euro im Jahr – und nur weil er keinen Trainingsanzug anhat, soll das bei ihm anders gewertet werden? Wenn einer im Bankwesen Geld veruntreut, hat er ja vielleicht auch Druck. Es muss für alle dieselben Regeln geben. Druck kann im Hinblick auf das Strafmaß möglicherweise mildernd sein, aber nicht entschuldigend.

Das Gespräch führte Florian Madl


Kommentieren


Schlagworte