Regierung will Gefährdete über Medikamente identifizieren, Ärztekammer warnt

Die Regierung will besonders gefährdete Menschen verpflichtend ins Home Office schicken oder von der Arbeit freistellen. Nun stellt sich die Frage, wie diese Menschen identifziert werden sollen. Das Gesundheitsministerium will Medikamentendaten heranziehen, die Ärztekammer fordert ein Einbeziehen der Ärzte.

Bernhard Benka (Coronavirus-Taskforce) neben Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Franz Allerberger (AGES) (v.l.n.r.).
© HANS PUNZ

Wien – Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat am Donnerstag bekanntgegeben, dass Corona-Risikogruppen über ihre Medikamentierung identifiziert und verpflichtend in Home Office geschickt oder bezahlt dienstfrei gestellt werden sollen. Es solle keine Vorgangsweise "ohne den Datenschutz abzuklären" erfolgen. Ärzte und Krankenkassen warnten davor, sich nur auf die Medikamentendaten zu verlassen.

In einer Pressekonferenz sagte Anschober, es handle sich bei der Identifizierung der gefährdeten Gruppen um einen "schwierigen Prozess". In erster Linie gehe es dabei um Personen mit einer "drastischen Verringerung des Immunabwehrsystems". Das könne eine Krebserkrankung oder schwere Diabetes sein, "das wird jetzt im Augenblick abgegrenzt". Betroffene sollen dann von den Sozialversicherungsträgern Empfehlungen erhalten. Wer tatsächlich freigestellt oder verpflichtet ins Home Office wechseln muss, "ist am Ende auch eine Frage der medizinischen Bewertung des niedergelassenen Arztes vor Ort".

Ärztekammer bezweifelt Treffsicherheit ohne Einbezug der Ärzte

Genau auf diese Bewertung pochte auch die Ärztekammer. In einer Aussendung warnte sie ausdrücklich vor der Identifizierung über die Medikationslisten der Krankenkassen. Weder verfüge die Sozialversicherung über alle notwendigen Daten noch sei die Treffsicherheit bei den vorhandenen Daten gegeben. Dazu kämen auch noch datenschutzrechtliche Bedenken. Letztlich könnten nur die behandelnden Ärzte im direkten Kontakt mit ihren Patienten einstufen, wer als Risikopatient anzusehen sei, unterstrich Präsident Thomas Szekeres.

Dass Ärzte in die Entscheidung eingebunden werden müssen, betonte auch Peter Lehner, Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger. "Um die tatsächliche Risikogruppe treffsicher zu identifizieren und zu informieren, braucht es das Wissen und das Know-how der Ärzte. Der Hausarzt kennt seine Patienten am besten und weiß über seinen Gesundheitszustand Bescheid. Die Medikation allein hat hier zu geringe Aussagekraft", meinte er.

24,13 Prozent der Bevölkerung Teil der Risikogruppe

Nach der reinen statistischen Auswertung würden 24,13 Prozent der österreichischen Bevölkerung in die definierte Risikogruppe fallen, so Lehner: "Es gilt, besonders gefährdete Personen zu identifizieren und zu schützen. Diese Auswahl funktioniert nicht über die Statistik. Sie kann nur ein Bestandteil sein. Neben dem Arzt müssen wir auch an die Eigenverantwortung der Menschen appellieren. Eine sinnvolle Umsetzung funktioniert im Teamplay: Gesundheitsministerium, Sozialversicherung, Arzt und Patient." Außerdem müsse eine vom Ministerium im Rahmen der Epidemie-Bekämpfung angeordnete Leistung der Ärzte vom Ministerium auch entsprechend abgegolten werden. (APA)


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