Nach Mord an Schwester Larissa: "Das große Werkzeug ist die Trauer"

Die gebürtige Außerfernerin Katrin Biber hat im Jahr 2013 ihre Schwester Larissa durch einen grausamen Mord verloren: Das hat nicht nur beinahe ihr eigenes Leben sondern auch fast ihre Familie zerstört. Über die erste Zeit nach Larissas Tod und den schweren Weg zurück ins Leben hat Katrin nun ein Buch geschrieben.

Katrin Biber verarbeitet die Trauer um ihre ermordete Schwester Larissa in ihrem ersten Buch.
© Privat/Biber

Innsbruck – Im September 2013 bricht für Katrin Biber von einen Tag auf den anderen die ganze Welt zusammen: Ihre kleine Schwester Larissa ist tot. Ermordet und im Inn entsorgt von einem jungen Mann, mit dem die 21-Jährige erst seit wenigen Wochen zusammen war. Die Hinterbliebenen müssen nicht nur mit dem Verlust Larissas umgehen, sondern auch einen Weg durch ihre Trauer finden. In einem sehr privaten und emotionalen Buch blickt Katrin jetzt auf die ersten neun Monate nach dem Mord zurück.

Tiroler Tagezeitung: Dein Buch erscheint in einem Moment, in dem gerade alles aus den Fugen gerät. Wie geht es dir damit?

Katrin Biber: "Ja, es war ein ständiges Auf und Ab, ursprünglich waren so viele Veranstaltungen geplant. Dann wurde natürlich alles von jetzt auf gleich abgesagt. Es war schon sehr emotional und es flossen Tränen. Ich freue mich aber natürlich schon, dass die Entscheidung, das Buch doch zu veröffentlichen, gefallen ist. Es haben ja auch schon viele vorbestellt."

Du hattest ursprünglich ganz konkrete Vorstellungen ...

Biber: "Natürlich. Was wirklich weh tut, ist, dass ich mir die Veröffentlichung ja ganz genau ausgemalt habe: Ich hatte jede Nacht diesen Traum, dass ich am 6. April in die Wagner'sche Buchhandlung spaziere und da steht dann mein Buch, das ich meiner Schwester bzw. meiner Familie und meinen Freunden dann stolz präsentieren kann. Wir hätten zusammen angestoßen und wären zu Larissas Grab gegangen gemeinsam. Es ist schon enttäuschend, dass das alles so nicht stattfinden kann."

Larissas Vermächtnis - Der schreckliche Mord an meiner Schwester und mein Weg zurück ins Leben

Nach einer feucht-fröhlichen Partynacht mit ihren Freunden in Innsbruck erwacht Katrin nicht nur mit einem dicken Brummschädel und Erinnerungslücken sondern auch mit einer seltsamen SMS, die ihr der neue Freund ihrer Schwester Larissa geschickt hat: Er erkundigt sich darin, ob die 21-Jährige bei Katrin wäre, denn bei ihm sei sie in der Nacht aus der Wohnung verschwunden. Katrin ist verwirrt und sehr schnell besorgt, denn es sieht Larissa nicht ähnlich, einfach so abzuhauen. Wo soll sie auch hin? Sie ist am Abend extra aus Reutte angereist, um mit Katrin und ihrem Freund in Innsbruck auszugehen. In der Landeshauptstadt kennt sie sonst nicht viele Leute. Katrin macht sich auf die Suche, mit ihrer Familie, mit Freunden. Jeden Tag aufs Neue fragt sie sich, was mit Larissa passiert ist. Den Freund ihrer Schwester hat sie dabei nicht im Verdacht, sie glaubt seinen vermeintlich unschuldigen und besorgten Nachrichten, die er ihr ständig schickt.

Aus Stunden der Ungewissheit werden Tage - doch Larissa kommt nicht zurück. Neben der Polizei treffen sich auch Private tagein, tagaus, um nach der vermissten Tirolerin zu suchen. Bis es schließlich zwei Wochen später zur traurigen Gewissheit wird: Larissa ist tot. Die Polizei konnte den Freund des Mordes überführen - ein nichtiger Eifersuchtsgrund hatte ihn dazu gebracht.

Katrin und ihre Familie fallen in ein tiefes Loch aus Trauer, mit der jedes einzelne Familienmitglied anders umgeht. Während Katrin in Innsbruck den Schmerz mit Alkohol bekämpft, zieht sich ihre Mutter emotional völlig von der Familie zurück und geht auf Distanz. Mara, die Jüngste, unterdrückt ihre Trauer zunächst mit starken Medikamenten, lässt sich aber aufgrund suizidaler Tendenzen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck einweisen. Anna, die dritte Schwester im Bund, reagiert vor allem mit Wut auf das Verbrechen an Larissa und kann das emotionale Tief Katrins nicht nachvollziehen. Es kommt zu Reibungen, die die Familie fast auseinander brechen lassen. Doch die Bibers kämpfen sich zurück – zuerst jeder für sich, dann auch gemeinsam. Mit Larissa im Herzen bieten sie dem schwersten Schicksalsschlag in ihrem Leben die Stirn.

Katrin Biber: Larissas Vermächtnis. Der schreckliche Mord an meiner Schwester und mein Weg zurück ins Leben. Piper-Verlag, 2020.

Apropos Familie: In dem Buch lässt du den Leser sehr nahe an deine Familie heran und schilderst auch sehr intime Unterhaltungen, die ihr in der Zeit nach Larissas Tod geführt habt. Wie ging deine Familie damit um, dass du dieses Buch geschrieben hast?

Biber: "Als die Entscheidung fiel, dass ich ein Buch schreiben will, habe ich natürlich als erstes meine Familie verständigt und ihnen auch beschrieben, was ich vorhabe und dass dieses Buch anderen Menschen dabei helfen soll, mit ihrer Trauer umzugehen. Alle haben durchwegs begeistert reagiert, wenn sie auch nervös waren. Sie haben sich natürlich gefragt, wie sie rüberkommen werden und was ich über sie schreiben werde. Als ich ihnen dann letztes Jahr im Juli die erste Fassung zu lesen gab, war dann aber ich nervös." (lacht)

Am Ostermontag um 20.15 Uhr liest Katrin Biber aus dem Buch - live zu sehen auf der Facebook-Seite des Piper Verlags.
© Privat/Biber

Wie war dann die Reaktion? Immerhin hast du die Zeit in deinem Buch ungeschönt und schonungslos Revue passieren lassen.

Biber: "Mein Vater hat mich dann angerufen. Er hat es in einem Tag durchgelesen und dabei durchgehend geweint. Das Buch hat meiner Familie auch gezeigt, wie schlecht es mir in Innsbruck ging, sie wohnen ja in Reutte und haben vieles so nicht mitbekommen. Auch meine Mama, die ich zum Teil sehr kalt und distanziert beschreibe, war schon schockiert zum Teil, weil sie das nicht so mitbekommen hat, wie ich es erlebt habe. Sie wollte aber auch nichts gestrichen haben: Sie hat gesagt, dass sie selbst weiß, dass sie in der Zeit viele Fehler begangen hat und wenn es anderen hilft, diese dadurch vielleicht zu vermeiden oder zu erkennen, dann soll es so sein."

Wie war das mit deinen Schwestern? Deine jüngste Schwester Mara hat sich ja nach einigen Monaten selbst in die psychiatrische Kinder- und Jugendklinik einweisen lassen, die Beziehung mit deiner Schwester Anna stand immer wieder auf der Kippe, weil ihr völlig unterschiedlich um Larissa getrauert habt.

Biber: "Mara hat mein Leiden damals gar nicht so stark empfunden, sie hat ja auch starke Medikamente bekommen und war irgendwie in einer Blase. Es war ihr gar nicht so bewusst, wie schwierig es für mich war, sie so zu sehen. Anna steht dahinter, dass sie nach Larissas Tod einfach mehr Wut empfunden hat, was wieder zeigt, wie unterschiedlich Trauer ist: Durch das Buch haben wir viel mehr darüber geredet, was in diesen neun Monaten passiert ist. Es ist uns aber auch bewusst geworden, was wir da geschafft haben."

In dem Buch schilderst du eine sehr emotionale Szene während einer gemeinsamen Familietherapie, bei der euch der Therapeut fragt, warum bislang noch keiner von euch die Art, auf die Larissa ums Leben gekommen ist, angesprochen hat. Also dass sie erwürgt wurde vom Täter und er ihre Leiche dann in den Inn geworfen hat. Deine Mutter hat zu ihrer Emotionslage geäußert, dass sie Mitleid mit der Mutter des Täters hat. Damals warst du sehr entsetzt über diese Aussage.

Biber: "Das stimmt, damals war mir das unverständlich. Es ging ja um uns, wir haben Larissa verloren. Heute kann ich schon nachvollziehen, was sie gesagt hat: Ich denke mir, die Familie leidet ja auch. Man kann nicht die Mama für etwas verturteilen, was ihr Sohn gemacht hat. Auf eine gewisse Art hat sie auch ihr Kind verloren."

Mit dem Abstand der letzten Jahre: Gibt es etwas, das du aus heutiger Sicht anders in der Phase der Trauer machen würdest?

Biber: "Phu, das ist keine leichte Frage. Ich glaube, ich würde nichts anders machen. Weil das, was ich gemacht habe, immer auch zu etwas geführt hat – auch meine Fehler. Wie ich im Buch geschrieben habe, habe ich ja übermäßig viel Alkohol getrunken. Das hat aber dazu geführt zu verstehen, wie stark der Körper dadurch Schaden nimmt. Jede Handlung hat dazu geführt, dass ich heute stehe, wo ich stehe. Wer weiß, wenn ich etwas anders gemacht hätte, hätte ich das vielleicht gar nicht so erlebt. Der Weg hat so sein müssen."

Katrin Biber ist nach dem Tod ihrer Schwester zur Unternehmerin geworden: Sie hat das Sport- und Trauerkonzept "Seelensport" gegründet, mit dem sie anderen Trauernden hilft.
© Privat/Biber

In der aktuellen Situation hört man immer wieder, dass diese Krise eine Chance ist. Wie siehst du das angesichts der Tatsache, dass du die schlimmste Krise deines Lebens überlebt hast?

Biber: "Es stimmt schon, dass es in jeder Krise eine Chance gibt. Was mich aber an der aktuellen Situation stört ist, dass man sofort von Chance spricht. Zuerst darf und muss eine Schwere da sein, bevor man von einer Chance spricht. Man darf doch zuerst einmal sagen, dass man etwas betrauert, dass es gerade richtig scheiße ist und im Herz weh tut. Das große Werkzeug ist die Trauer. Wenn wir das nicht beweinen dürfen, dann werden wir um die eigene Trauer betrogen. Ich bin der Meinung, dass man erst betrauern muss und sollte, dann kann man eine Chance sehen. Und für die Zeit des Trauerns hat jeder seine eigene Zeit: der eine braucht zwei Wochen, der andere braucht zwei Monate."

Zur Person

Die gebürtige Außerfernerin Katrin Biber lebt und arbeitet in Innsbruck. Sie wuchs als älteste von vier Schwestern in Reutte auf. Im September 2013 wurde ihre damals 21-jährige Schwester Larissa von ihrem damaligen Lebensgefährten ermordet. Nach einer langen Trauerphase fand Katrin vor allem mit Sport zurück ins Leben. Um anderen Trauernden zu helfen, hat sie ihr eigenes Unternehmen gegründet: Als Sport- und Trauerbegleiterin ist sie heute mit "Seelensport" erfolgreich. Biber engagiert sich außerdem im Bereich Gewalt gegen Frauen. Seit drei Jahren veranstaltet sie zudem am Geburtstag ihrer Schwester Larissa (20. Juni) einen "Seelenlauf".

▶️▶️▶️ Wichtige Adressen & Termine:

🔵 Seelensport

🔵 Katrin Biber auf Instagram

🔵 Katrin Biber auf Facebook

🔵 Katrin Biber Autorenseite

🔵 Aufgrund der Coronovirus-Krise wurden zwar alle offiziellen Lesungen vorerst abgesagt, Fans müssen aber trotzdem nicht traurig sein: Auf der Piper Verlagsseite wird Katrin Biber am Ostermontag, 13. April, um 20.15 Uhr eine Live-Lesung geben.

🔵 Eine Leseprobe findet sich hier. Das Buch kann überall online bestellt werden, auch als E-Book.

Wie geht es weiter?

Biber: "Für mich persönlich sind – wenn die Coronavirus-Krise wieder vorbei ist – Lesungen geplant, außerdem gibt es wieder Ausbildungen für Seelensport, ich schreibe auch gerade an meinem zweiten Buch. Für die Gesellschaft bin ich mir sicher, dass der Tod nach dieser Krise mehr ins Leben rücken darf. Jetzt ist dieses Thema allgegenwärtig in allen Köpfen. Trauer wird demnach ein großes Thema nach der Krise sein. Ein guter, konstruktiver Umgang mit Trauer ist in unserer Gesellschaft bislang noch nicht wirklich vorhanden. Wir können aber lernen, damit umzugehen. Jede Krise ist schaffbar, wenn man bereit ist hindurchzugehen, das weiß ich aus eigener Erfahrung."

Das Gespräch führte Renate Perktold.


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