Tiroler Ostern einmal anders: Wie Bräuche in der Krise umgesetzt werden

Die höchsten kirchlichen Feiertage stehen an. Doch die Krise verändert 2020 vieles. Liebgewonnene Bräuche und Traditionen werden nicht möglich sein. Gefeiert wird trotzdem – mit teilweise sogar mehr Gläubigen.

Auf ihre Homepage bietet die Erzdiözese Live-Streams, Informationen und Gebete für ein „Ostern, das wir nie vergessen werden.“
© Otter Wolfang

Innsbruck, Salzburg – Leer­e Kirchenbänke, weniger Gottes­dienstbesucher – die katholische Kirche kämpft schon lange mit sinkendem Interesse. Mit der Corona-Krise wurde nun auf modernere Kommunikationsmittel umgestellt. Über die Plattform www.trotzdemnah.at kommen nun kirchliche Angebote der Erzdiözese Salzburg direkt ins Wohnzimmer. Und erschließen scheinbar einen erweiterten „Kundenkreis“. Bei der Pressestelle der Erzdiözese berichtet man von steil nach oben steigenden Zugriffszahlen. So sehr, dass man sich bereits Gedanken macht, wie man nach der Krisenzeit dieses Angebot weiterverfolgen und ausbauen kann, wie zu erfahren ist.

Dabei sind nicht alle mit den Streaming-Angeboten der Messen glücklich, „weil nicht alles sehr qualitätsvoll ist – inhaltlich wie technisch“, merkt Albert Thaddäus Esterbauer-P., Vizekanzler der Ordinariatskanzlei, an. Er verweist auf die offizielle Website der Erzdiözese, wo Messen aus dem Salzburger Dom, dem Priesterseminar oder der Kardinals-Hauskapelle live mitverfolgt werden können.

„Durch Live-Übertragungen von Gottesdiensten, durch Videobotschaften, Katechesen und Gebetssammlungen werden unsere Wohnzimmer dieser Tage gleichsam zu Kirchenbänken“, betont der Salzburger Erzbischof Franz Lackner.

Für Ostern hat man die Seite www.trotzdemnah.at/­ostern eingerichtet. Ganz neu gibt es dort nun ein Online-Fürbitten-Buch. Unkompliziert können die Userinnen und User ihre Gebetsanliegen eintragen. Diese werden dann – nach Wunsch anonymisiert – veröffentlicht. Die Anliegen sollen diözesanweit in Gottesdienste aufgenommen werden. Zudem gibt es aktuell auch die Möglichkeit, sein Gebetsanliegen an den Erzbischof unter gebetsanliegen.corona@zentrale.­kirchen.net zu schicken, das er in die tägliche Messfeier mitnimmt.

Speisen über Internet geweiht

In der Pfarre Hochpustertal/Sillian ist Dekan Anno Schulte-­Herbrüggen so etwas wie ein Youtube-Star geworden. Seit 21. März überträgt er seine Messen in hoher Qualität online, mit tatkräftiger Hilfe von Pfarrjugend und Technikern, die ehrenamtlich arbeiten. Seine Messe am Palmsonntag hatte mehr als 2000 Zugriffe. „Wir erreichen Menschen weit über Osttirol hinaus“, freut sich der Geistliche. „Das zeigen Rückmeldungen aus ganz Österreich.“

Am Karsamstag wird Schulte-Herbrüggen wieder auf www.dibk.hochpustertal zu sehen sein. Er führt die traditionelle Speisenweihe zu Ostern durch. Beginn ist um 14.30 Uhr. „Es soll eine gemeinsame Zeremonie sein, auch wenn die Menschen zu Haus­e sind und nicht in der Kirche“, sagt der Dekan. „Wir werden die Osterspeisen zusammen segnen.“ (co)

Auch in der Diözese Innsbruck setzt man auf TV und Internet. Die Diözese Innsbruck hat auf ihrer Website einen eigenen Bereich für Ostern eingerichtet, der laufend aktualisiert wird: www.dibk.at/Glaube-Feiern/Karwoche-und-Ostern. Zudem gibt es Übertragungen von Gottesdiensten auf ORF 2 und ORF III sowie auf diversen Radiosendern.

Auch das Sondermagazin „inpuncto: Ostern“ wurde verteilt, das die Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen gemeinsam mit Experten aus den diözesanen Liturgiereferaten erstellt hat. Das Magazin soll helfen, die Karwoche und Ostertage daheim mit Sinn zu füllen und zu gestalten. Die Leser finden darin für jeden Tag von Gründonnerstag bis Ostersonntag einen Vorschlag, wie sie zu Hause als Erwachsene oder mit Kindern beten und Gottesdienst feiern können.

„Licht am Ende des Tunnels“

Der Abt von Stift Stams, German Erd, erinnert die Gläubigen dieser Tage an die Osterbotschaft. Es sei eine Botschaft des neuen Lebens. Der Mensch könn­e sich durch die Schönheit der Natur inspirieren lassen und somit die Größe Gottes nur erahnen. „Wir müssen versuchen, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, und lernen, darauf zu vertrauen“, lassen die Worte des Zisterzienser-Prälaten neuen Mut schöpfen. Zwar liege für viele noch der „Corona-Schleier“ über dem Land, wie der Ordensmann formuliert, doch dürf­e man nicht die Hoffnung verlieren. Die inspirierenden Worte sind in Kürze auf 
Tirol.TV zu sehen. (top)

Innsbrucks Bischof Hermann Glettler meint zur aktuelle­n Situation für die Katholike­n: „Wir feiern Ostern heuer deutlich einfacher. Ich ermutige zur Hauskirche. Sie ist der ursprüngliche Ort des Glaubens. Vielleicht fühlt es sich anfangs ungewohnt an, im eigenen Wohnzimmer zu beten und das Wort Gottes zu lesen. Aber es ist möglich. Mit der Bibel, mit etwas Kreativität und guten Behelfen wird es gelingen.“

Ostergräber müssen heuer in der Versenkung bleiben

Das Aufstellen und Besuchen von Ostergräbern ist in den letzten Jahren in Tirol immer beliebter geworden. Teils raumfüllende Kulissen in den Altarräumen der Kirchen entführen in die Welt der letzten Tage Christi.

Heuer indes werden viele aufgerichtet, kein Gebet dort gesprochen, kein Halleluja beim Auferstehungsgottesdienst dort erklingen. Spätestens dann merken viele, wie prägend diese Eindrücke sind – ob man sie nun schätzt oder als kitschig empfindet. Oberflächliches Zur-Schau-Stellen von Feiertagsfrömmigkeit oder sinnfälliger Ausdruck von Glaube? Die Meinungen dazu gehen auseinander.

Stellvertretend für die zahlreichen Heiligen Gräber im Land zwei Beispiele: Das Heilige Grab der Pfarrkirche in Galtür, ein Werk des Ischgler Malers Joseph Pfeiffer aus dem Jahr 1860, wird seit rund zehn Jahren wieder aufgestellt. Besonders ergreifend ist dabei die Gründonnerstag-Szene: Eine bewegliche Gliederpuppe zeigt Christus am Ölberg, der flehend die Arme gegen Himmel aufrichtet und während der Gründonnerstagsliturgie dreimal zu Boden sinkt und die Hände faltet. Der Beginn des 19. Jahrhunderts war eine Zeit größter Angst und Unsicherheit: Klöster wurden aufgehoben, zuvor religiöse Bräuche verboten und Napo­leon war dabei, Europa zu erobern. Das spiegelt das Heilige Grab in der Pfarrkirche von Nauders wider: ein düsteres Grab und Osterfreude voller Licht. Es wurde 1803 von einheimischen Handwerkern errichtet. Vom Fendler Maler Johann Zängerli stammt die barocke Architekturszenerie. Zu sehen ist auch ein Bild von Jona, der vom Wal ausgespien wird. Offenbar hatte der Maler nie einen Wal gesehen, denn das Tier ist eine Mischung aus Fisch und Schlange. (TT)

Das Ostergrab der Pfarrkirche in Galtür – eines von vielen, die heuer nicht besucht werden können.
© Diözese Innsbruck

St. Antoner klappern trotz der Quarantäne

„Wir zeigen dem Coronavirus, dass wir noch da sind.“ Edi Alber wünscht sich ein lautstarkes Lebenszeichen. In seiner Heimatgemeinde, die derzeit noch unter Quarantäne steht, soll es ordentlich „klappern“, schmunzelt er.

Der St. Antoner hat vor einigen Jahren den alten Brauch des Ratschens im Stanzertal wiederbelebt. Als „Ratschenbruder“ zieht er von Schule zu Schule, bastelt mit den Kindern den hölzernen Glockenersatz, der traditionell am Karfreitag und Karsamstag zum Einsatz kommt und veranstaltet – unterstützt vom Sozialverein SoViSta – Umzüge. „1800 Ratschen habe ich ehrenamtlich gebaut“, betont Alber. Wenn alle gleichzeitig betätigt werden, „dann hebt es im Ort die Dächer“.

Heuer ist alles anders. Weil aber Kultur nur leben könne, wenn man sie lebt, will er Balkonkonzerte der anderen Art veranstalten – und hat sich dafür auch den Segen der Bezirkshauptmannschaft Landeck geholt.

Um gemeinsam klappern zu dürfen, sollen die Kinder morgen und übermorgen jeweils um 12, 15 und 18 Uhr daheim auf ihre Balkone und in ihre Gärten kommen. „Bitte holt eure Ratschen aus den Rumpelkammern und ratscht mit“, fordert Alber derzeit alle auf mitzutun, die das Instrument daheim haben. „Der Brauch ist immaterielles Kulturerbe der Unesco – also schua a bissli wichtig“, erklärt er im breiten Dialekt. Auch wenn alles derzeit aufgrund der Maßnahmen ruhiger abläuft, die Ratschen werden nicht schweigen. (mr)

Das Ratschen hat im Stanzertal lange Tradition.
© Alber

Osternacht-Film als Lebenszeichen

„Dahoambleiben“ und trotzdem Ostern feiern. Um das zu vereinbaren, hat sich die Gemeinschaft der Christuskirche in Innsbruck etwas Besonders einfallen lassen: Mit über 30 Beteiligten wird derzeit die Osternacht als Film produziert. Am Ostersonntag um Punkt fünf Uhr Früh kann der Gottesdienst auf der Homepage www.innsbruck-christuskirche.at gestartet werden. Pfarrer Werner Geißelbrecht ist gespannt, wie das Experiment ankommt und der Gottesdienst als Film wirkt. Derzeit werden die Aufnahmen der einzelnen Beteiligten zusammengeschnitten. „Das Besondere ist, dass so viele Menschen mitwirken“, erklärt Geißelbrecht. Man habe versucht, einen „echten“ Gottesdienst zu drehen.

Geißelbrecht sieht den Film vor allem auch als ein Lebenszeichen der Kirche. Das sei angesichts der aktuellen Situation besonders wichtig.

Allen Spätaufstehern steht der Link freilich auch nach fünf Uhr morgens zur Verfügung. (dd)

Unter dem Titel „osternacht@home“ dreht die Christuskirche für den Ostersonntag einen Gottesdienst. Foto: Christuskirche
© Christuskirche

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