Medizinische Masken: Tiroler Firma startet Serienproduktion

Firma KS Kneissl & Senn Technologie in Erl plant Produktionsstart für Ende April – pro Arbeitsschicht können 5000 FFP-Masken hergestellt werden, Erweiterung möglich.

Schutzausrüstung, wie Masken für medizinisches Personal, ist Mangelware.
© iStock

Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Auf dem internationalen Markt herrscht Mangel an Schutzausrüstung für Kliniken. Viele von Covid-19 betroffene Staaten ringen um Lieferungen aus China. Der Chef des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, betonte diese Woche: „Wir brauchen die hochwertigen Masken dringend für medizinisches Personal und die Pflege.“ Nur staatliche chinesische Unternehmen dürfen Schutzmaterial exportieren, immer wieder gibt es dennoch Probleme mit der Qualität der Ware, wie Lieferungen nach Tirol zeigten – die TT berichtete.

Die Tiroler Firma KS Kneissl & Senn Technologie aus Erl macht nun den ersten großen Schritt, um medizinisches Personal von China unabhängiger zu machen. Geplant ist, bis Ende April mit der Serienproduktion von FFP-Masken zu starten. „Am 6. April wurde in Zusammenarbeit mit der Technischen Versuchs- und Forschungsanstalt der Universität Innsbruck der erste Prototyp einer FFP-Maske (CPA-Pandemie-Atemschutzmasken) mittels Hot Forming eines Filtervlieses hergestellt. Bei diesem Entwicklungsprozess war auch ein Mitarbeiter der Standortagentur Tirol aktiv eingebunden, er hat das Formwerkzeug für die Masken mitentwickelt“, erzählt der Chef der Standortagentur, Marcus Hofer.

Derzeit ist laut Hofer eine Prototypenproduktionsanlage für die Prozess­entwicklung im Aufbau. Parallel dazu werde an der Zertifizierung und der Entwicklung der Serienproduktion gearbeitet. Dass die Produktion innerhalb von Wochen starten kann, „hängt mit der erleichterten Zertifizierung von Schutzausrüstung zusammen, die seit vergangenem Freitag in Österreich gilt“, so Hofer. Dass die Standortagentur Tirol hier wertvolle Inputs geben kann, „hat damit zu tun, dass die Mitarbeiter der Cluster (Firmennetzwerke) Life Sciences und Mechatronik über Jahre hinweg Expertise zu zahlreichen Technologiebereichen aufgebaut haben. Daher konnten sie sich ab Beginn der Corona-Krise intensiv mit dem Thema Schutzausrüstung von Mund-Nasen-Masken bis FFP-Masken auseinandersetzen.“

Wie viele Masken letztendlich produziert werden, hänge insbesondere von den verfügbaren Liefermengen der Ausgangsmaterialien ab. Mit Stillstandzeiten könnten rund 5000 Masken pro Arbeitsschicht produziert werden. „Diese Menge kann gesteigert werden, weil das Produktionssystem modular erweiterbar ist.“ Ob eine Weiterführung der Produktion nach der Corona-Krise wirtschaftlich erfolgreich sein kann, sei aus jetziger Sicht nur schwer zu beantworten. Wichtig sei jetzt vor allem, „dass Betriebe aufgrund ihrer Innovationskraft ihre Produktion in kurzer Zeit umzustellen und an neue Erfordernisse anzupassen. Davon profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern in Krisenzeiten wir alle“, sagt Hofer.

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Wirtschaftsfaktor Lebenswissenschaften (Life Sciences) in Österreich

Life-Science-Branche: Life Sciences (Lebenswissenschaften) sind Forschungsrichtungen, die sich mit Prozessen oder Strukturen von Lebewesen – oder an denen Lebewesen beteiligt sind – beschäftigen. Der Life-Science-Sektor in Österreich besteht aus den Bereichen Medizintechnik, Biotechnologie und Pharma.

Life-Science-Cluster: LISA-vienna (Wien), ecoplus (Niederösterreich), Medizintechnik-Cluster (Oberösterreich), Human Technology (Steiermark) und Standortagentur Tirol (Tirol) betreuen innovative Kooperationsprojekte, unterstützen die Entwicklung zukunftsweisender Produkte und Entwicklungen und vermitteln leichteren Zugang zu Förderungen für Unternehmen im Life-Science-Sektor.

Life-Science-Report 2018: Mit mehr als 550 Unternehmen und knapp 27.000 Mitarbeitern ist die Medizintechnik der größte Bereich der Life Sciences. Der Umsatz ist von 2014 auf 2018 um 13 Prozent auf 8,44 Milliarden Euro gewachsen. Die 127 Unternehmen der Biotechnologie beschäftigen über 18.000 Mitarbeiter, die Umsätze haben seit 2014 um 58 Prozent auf rund 313 Millionen Euro zugelegt. Im reinen Pharmasektor sind 35 Unternehmen aktiv und beschäftigen 3600 Mitarbeiter. Die Umsätze sind seit 2014 um rund 30 Prozent gestiegen und lagen 2018 bei 1,4 Milliarden Euro.

Forschungseinrichtungen: In 55 Forschungsstätten (Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) im Bereich der Life Sciences sind 21.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Coronakrise: Know-how für und von Firmen

Sie haben den Life Science Austria Covid-19 Helpchannel ins Leben gerufen. Was ist das Ziel der Initiative?

Michael Pichler: Ich bin im Team des steirischen Humantechnologie-Clusters (Netzwerk) und dort ist die Idee vor zwei Wochen entstanden. Gemeinsam mit den anderen österreichischen Life-Science-Cluster-Organisationen haben wir nun diesen speziellen Life-Science-Helpchannel auf LinkedIN eingerichtet. Wir laden hier alle Unternehmen ein, sich aktiv z. B. an der Entwicklung oder Produktion von Schutzausrüstung zu beteiligen. Aber es sind auch die Firmen angesprochen, die Know-how brauchen. Darüber hinaus informieren wir österreichische Life-Science-Unternehmen täglich über Unterstützungsmaßnahmen und Erfolgsgeschichten.

Gibt es mehr Nachfrage oder mehr Angebote?

Pichler: Im Moment sind es mehr Hilferufe, aber es kommen immer mehr Angebote hinzu. So hat etwa die Technische Universität Graz in Zusammenarbeit mit der KAGES (steirische Krankenanstalten) Gesichts-Schutzschilde im 3D-Druckverfahren entwickelt und das steirische Unternehmen Fuchshofer liefert flexible Plexiglasscheiben – das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Es könnten sich aus der Not heraus sehr innovative neue Geschäftsfelder entwickeln?

Pichler: Es entstehen viele Initiativen, die durchaus nachhaltig sind. Man sieht deutlich, welch großes Potenzial vorhanden ist. Es bilden sich interessante Netzwerke und auch das Thema der Transformation von Unternehmen in die Life-Science-Branche ist eines, das wir weiter verfolgen und unterstützen werden. Das alles zusammen trägt wesentlich dazu bei, dass wir im Fall einer nächsten Pandemie – die leider nicht ausgeschlossen ist – schneller reagieren können.

Wäre eine Art Kompetenzhandbuch, in dem alle Firmen verzeichnet sind, die ihre Produktionen umstellen könnten, die Know-how in wichtigen Bereichen haben, nicht sinnvoll?

Pichler: Das Gesundheitssystem – und wir sprechen nicht nur von Österreich – war auf eine solche Pandemie nicht vorbereitet. Dass Schutzmaterial für medizinisches Personal fehlt, möchte sicher keiner mehr erleben. Österreich hat auf alle Fälle das Potenzial, Schutzausrüstung in kurzer Zeit, hoher Qualität und ausreichender Menge zu erzeugen. Diese Daten müsste man natürlich auch schnell abrufen können. Wir werden das in dieser Richtung in den Life-Science-Clusters forcieren.

Das Interview führte
 Brigitte Warenski


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