"Der Verrückte im Weißen Haus muss abgewählt werden": Presse zu Corona-Krise

Die Corona-Pandemie beschäftigte auch am Mittwoch die Medien europaweit. Im Zentrum des Interesses dabei auch der Auftritt des US-Präsidenten. Der Stockholmer "Expressen" schrieb plakativ: "Der Verrückte im Weißen Haus muss abgewählt werden".

US-Präsident Donald Trump sorgt derzeit für wütende Kritik. Ihm wird vorgeworfen, durch eine langsame Reaktion die Corona-Pandemie verstärkt zu haben. Er weist die Kritik zurück.
© MANDEL NGAN

Stockholm – Internationale Zeitungen kommentieren die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie am Mittwoch wie folgt:

Expressen (Stockholm):

"Selbst den abgebrühtesten Reportern fiel bei Trumps zweistündiger Pressekonferenz das Kinn herunter. Während die Covid-19-Todeszahl in den USA über 23.500 stieg, zeigte er ein Huldigungsvideo über sich selbst. Laut Trump ist sein resoluter Kampf gegen das Virus ein Erfolg. Das Problem sind die Medien, die das nicht erkennen wollten und Fake News verbreiteten, so der Präsident. Trump kämpft dabei um sein politisches Überleben. Er muss um jeden Preis seine Wählerbasis davon überzeugen, dass er in der Krise auf bestmögliche Weise hantiert hat. Der Ausfall gegen Journalisten, die kritische Fragen stellen, ist die Hauptverteidigungslinie in solch einer Strategie. Es bleibt zu hoffen, dass die Wähler diese billige Kampagne durchschauen. Sie haben so viel Besseres als dieses Unglück von einem Präsidenten verdient. Die Wahl im Herbst muss der Schlusspunkt dieser politischen Tragödie sein. Der Verrückte im Weißen Haus muss abgewählt werden."

Pravo (Prag):

"Man sollte den Verlauf der Pandemie nicht nur in den westlichen und ostasiatischen Staaten verfolgen, auch wenn diese einstweilen am meisten betroffen sind. Trotz vieler Probleme verfügen sie über Mechanismen und Ressourcen, um gegen die Krankheit anzukämpfen. Doch tickt nicht in vielen Entwicklungsländer eine Zeitbombe? Man muss nur an die Millionen-Slums in Lagos, Kinshasa, Kampala, Nairobi, Dhaka oder São Paulo denken. Heute lebt jeder sechste Mensch auf der Welt in einem Slum, in zehn Jahren könnte es jeder vierte sein. Da kommunale Infrastruktur und Hygieneeinrichtungen fehlen, werden die Elendsviertel zu idealen Brutstätten für Krankheiten. (...) Was das mit den Überlebenden macht, ist weitgehend vorhersehbar. Eine weitere Migrationswelle wäre dabei nur ein Aspekt. (...) Auch wenn der Westen mit seinen eigenen Problemen mit dem Coronavirus beschäftigt ist, darf er die Dritte Welt nicht vergessen."

Pravda (Bratislava):

"Wenn in Deutschland, Dänemark oder Norwegen, wo es weitaus mehr Covid-19-Infizierte gibt als bei uns, die Wiederaufnahme des Schulunterrichts geplant wird, sollte das auch bei uns überlegt werden. Gründe dafür gibt es mehrere. Vor allem ist die langfristige Isolation nicht gut für die kindliche Psyche. (...) Viele Kinder, vor allem aus sozial schwachen Familien, haben zu Hause keinen Computer und keinen Internetzugang, also auch keine Möglichkeit online zu lernen. Diese Kinder brauchen auch sonst mehr Aufmerksamkeit der Lehrenden in der Schule, jetzt sind sie gegenüber ihren Gleichaltrigen benachteiligt, weil sie zu Hause nicht die nötige Ausstattung haben.

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Die Wissenschaftler der deutschen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Empfehlungen für das Kabinett von Angela Merkel ausgearbeitet haben, betonen, dass eine Wiederöffnung der Schulen möglichst bald erfolgen solle, weil der Unterricht zu Hause die soziale Ungleichheit in der Bildung weiter vertiefe. (...) Natürlich hat jedes Land das Recht auf seinen eigenen Plan, wie die Schüler schrittweise wieder in die Schulbänke zurückzuführen sind (ob erst die jüngeren oder zuerst die älteren, ...). Aber das Schlimmste, was wir tun könnten, ist gar nichts zu tun."

Dziennik Gazeta Prawna (Warschau):

"In dem föderalen System der Bundesrepublik haben die Ministerpräsidenten in dieser Sache viel zu entscheiden. Deshalb war auch die Skala der Verbote und der Zeitpunkt ihrer Einführung in den Ländern unterschiedlich. Indem die Regierungschefin (Angela Merkel) klarstellte, wer hier das Sagen hat, hat sie sich für einen riskanten Bluff entschieden. Das war ein Versuch, die Ministerpräsidenten zu disziplinieren und sich ihre Kompetenzen anzueignen. Noch vor einigen Jahren wäre so ein Manöver Merkels vermutlich schiefgegangen. Doch die CDU-Politikerin, deren politische Karriere bald zu Ende geht, hat nicht mehr die gleiche Position wie früher.

Armin Laschets Vorstoß ist nicht nur dadurch motiviert, dass dieser seine Vorrechte innerhalb des deutschen Systems eines Wettstreits zwischen der Bundesregierung und den Länderregierungen verteidigt. Laschet macht de facto Wahlkampf: Er ist einer der Anwärter auf den Posten des CDU-Vorsitzenden. Und er hat Ambitionen, Kanzlerkandidat seiner Partei zu werden. Auf diesem Feld hat er allerdings einen mächtigen Rivalen - Bayerns Ministerpräsidenten und CSU-Chef Markus Söder."

Duma (Sofia):

"Es ist kein Geheimnis, dass unter den europäischen Ländern Italien von der Coronavirus-Pandemie am schwersten betroffen ist. Das Volk auf dem Stiefel erlaubte es aber trotz der vielen Toten nicht, den menschlichen Geist zu opfern. Einige Aktionen werden zur Tradition - wie etwa die auf Balkonen wehenden, selbst gemachten Nationalfahnen (...) und die optimistischen Aufrufe 'Andra tutto bene' (Alles wird gut). Das sind nur ein Teil der für uns alle sehr notwendigen Zeichen, dass dies (die Corona-Krise) vorbeigehen wird, das Leben weitergehen und schrittweise zum gewohnten Rhythmus zurückkehren wird."

de Volkskrant (Amsterdam):

"Manche Bürger verbinden ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Behörden mit der Bereitschaft, ohne jegliche Beweise verrückte Geschichten zu glauben. Vorige Woche wurde an einigen Sendemasten Feuer gelegt. Das Motiv ist unbekannt, scheint aber mit der Fabel zusammenzuhängen, dass das 5G-Netz das Coronavirus verursacht habe. (...)

Die erfundenen Geschichten über 5G als Ursache der Pandemie sind noch gefährlicher als Fake News über eine Wunderdiät oder andere Formen von Quacksalberei. Diese Sendemasten werden auch zur Übertragung von Notsignalen an die Rettungsdienste verwendet. Es ist daher kriminell, die Masten während der größten Gesundheitskrise seit Menschengedenken zu zerstören, in der es lebenswichtig ist, dass die Rettungsdienste ihre Arbeit tun können. Wenn die Täter gefasst werden, müssen sie streng bestraft werden. Wie jeder andere auch, der es den Rettungsdiensten unmöglich macht, ihre Arbeit zu tun."

Financial Times (London):

"Nie zuvor war der Weltwirtschaftsausblick des IWF eine so düstere Lektüre. Der plötzliche Stopp der Wirtschaftstätigkeit, der die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen soll, habe zur schärfsten Kehrtwende im globalen Wachstum seit der Großen Depression geführt. Nachdem im Jänner für 2020 noch ein Wachstum von rund drei Prozent prognostiziert worden war, wird nun ein Rückgang der Produktion um drei Prozent vorausgesagt - ein weitaus schlimmerer Einbruch als während der Finanzkrise. (...) Ein länger andauernder Lockdown oder gar eine zweite Infektionswelle würde die Weltwirtschaft in eine noch tiefere Schrumpfung stürzen. Der IWF schätzt, dass unter solchen Umständen die Weltwirtschaftsleistung um zusätzliche zwei Prozent sinken würde, beziehungsweise um fünf Prozent im Jahr 2021. Derart extreme Situationen hätten schwerwiegende Auswirkungen auf die Finanzstabilität: Selbst das Basis-Szenario des IWF ist nun schlechter als die üblicherweise für Stresstests verwendeten Annahmen, die modellieren, wie Banken mit einem Abschwung zurechtkommen würden."

The Times (London):

"Im Ergebnis der staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus schrumpft Großbritanniens Wirtschaft in einem in der Nachkriegszeit beispiellosen Tempo. Um es ganz offen zu sagen: Die Aufgabe der politischen Entscheidungsträger besteht nicht darin, alle Forderungen zu erfüllen, sondern zu gewährleisten, dass Privathaushalte und Unternehmen ihre Rechnungen bezahlen können, bis es sicher genug ist, mit der Aufhebung des Lockdowns zu beginnen. Wenn Unternehmen und Privathaushalte auf sich allein gestellt sind und finanzielle Not, Schließung und Bankrott erleiden, wird die wirtschaftliche Katastrophe eine weitere Generation lang andauern. Entsprechend groß ist die Herausforderung, es jetzt richtig anzugehen."

El Periódico (Barcelona):

"Der Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) über die wirtschaftlichen Aussichten ist düster. Er prognostiziert, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um drei Prozent schrumpfen wird, während er im Jänner noch auf ein Wachstum von 3,3 Prozent setzte. Eine totale Umkehr.

Der IWF glaubt, dass wir uns der schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 gegenübersehen, schlimmer noch als im Jahr 2008, das so viele Wunden hinterlassen hat. (...) Der Zusammenbruch wird in der Eurozone (7,5 Prozent) größer sein als in den Vereinigten Staaten (5,9 Prozent). Und dies trotz der beispiellosen Maßnahmen zur Verringerung der Rezession. Die führenden Politiker in Spanien - ein Mittelstaat, der stark vom Tourismus abhängig ist und einen Überschuss an kleinen und mittleren Betrieben und an Zeitarbeit hat - müssen sich bewusst sein, dass wir einem Tsunami gegenüberstehen, der unser politisches und soziales Gleichgewicht zerstören kann."

La Repubblica (Rom):

"Frankreich und Deutschland streben eine Annäherung zwischen Nachbarn – den beiden wichtigsten Nachbarn Europas – für einen Neuanfang an. Sie versuchen es zunächst mit einer App, die sie gemeinsam für ein mögliches Tracking-Programm entwickeln. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron ist jedoch auch besorgt, dass Deutschland dank der 1,2 Billionen Euro, die Berlin in die Wirtschaft pumpt, einen viel schnelleren Neustart hinbekommt als die anderen. Das ist auch einer der Gründe, warum Macron weiter die Forderung Italiens nach mehr europäischen Hilfen unterstützt."

Le Figaro (Paris):

"Vor einem Jahr erlitt Notre-Dame unter den verblüfften Blicken der Welt die Gewalt der Flammen. Ein Funke hatte gereicht, um ein fast tausend Jahre altes Gebälk in die Knie zu zwingen. Die Bauarbeiten begannen: Verwaltungsaufwand, (...), Sicherheitsvorkehrungen (...): Der Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame würde nicht binnen eines Tages erfolgen können. Vor einem Monat reichte ein bisher unbekanntes Virus aus, um das globale Dorf lahmzulegen (...). Die Entscheidung, sich zu isolieren, Homeoffice einzurichten und die Kinder zuhause zu unterrichten - kurz gesagt, den Lauf der Zeit zu verlangsamen, ähnelt sinngemäß dem Einsturz des Gebälks von Notre-Dame. (...) Wie der Wiederaufbau eines Gebäudes wird die Umgestaltung der Gesellschaft zeitaufwendig, komplex und von Unvorhersehbarem begleitet sein. (...) Der 11. Mai wird kein Ende einleiten, dafür aber einen Neuanfang."

De Standaard (Brüssel):

"Natürlich haben die Gesundheit und der Schutz der Arbeitnehmer Vorrang. Und natürlich haben Arbeitnehmer, vor allem die älteren, zu Recht Angst vor einer Ansteckung. Doch während sie in einigen Unternehmen - etwa beim Textilmaschinenbauer Picanol und beim Bahntechnikhersteller Bombardier - mit nach kreativen Lösungen suchen, scheinen sie in anderen Betrieben oder Branchen eher zu bremsen als mitzuwirken. Es gibt, wie auch immer, keine Aufforderung der nationalen Gewerkschaftsführungen, kräftig mit an der Wirtschaftskarre zu ziehen. (...) Niemandem ist gedient, wenn die Wirtschaft nicht nur in eine Rezession, sondern sogar in eine Depression abgleitet. Es wären die Arbeitnehmer, die den Preis dafür bezahlen. Das kann doch nicht die Zukunft sein, zu der die Gewerkschaften beitragen wollen."

Tages-Anzeiger (Zürich):

"Die USA haben in großen Krisen oft über charismatische Führungspersönlichkeiten verfügt, George Washington während der Revolution oder Abraham Lincoln im Bürgerkrieg. Und in der Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs regierte Franklin D. Roosevelt, dessen Todestag sich an Ostern zum 75. Mal jährte. Trump ist leider nicht annähernd mit einem dieser Präsidenten vergleichbar. Dabei hätte er jetzt die Gelegenheit, sich zu profilieren und in die Geschichtsbücher einzugehen als jener amerikanische Held, der er gerne wäre. 'Große Krisen bringen große Männer hervor', hatte John F. Kennedy gesagt. Donald Trump scheint unfähig, seine historische Chance zu nutzen. Noch bedenklicher ist, dass er sie offenbar nicht nutzen will."

Neue Zürcher Zeitung:

"Frankreich schiebt die Option einer schrittweisen Rückkehr zur Normalität auch im Vergleich mit seinen europäischen Nachbarn weit nach hinten. Doch Emmanuel Macrons Elan für Europa und der noch Ende Februar geäußerte Wunsch nach europäischen Antworten auf das Virus, "das keinen Pass besitzt", haben arg gelitten. Zwar lobt er die europäische Solidarität, die sich durch die Versorgung französischer Patienten im Ausland zeige. Französische Solidarität investiert er allerdings vor allem noch in sein Werben für Corona-Bonds. Sonst blickt der Präsident nach innen.(...)

Mit der Entscheidung für weitere vier Wochen Stillstand hat Macron einen risikoreichen Weg gewählt. Die wirtschaftlichen Prognosen haben sich damit weiter verschlechtert, die Sofortmaßnahmen werden auf rund 110 Milliarden Euro erhöht. Die gesellschaftlichen Folgen werden erst später absehbar sein. Kritik an der Strategie der Regierung gab es für das debattenfreudige Frankreich in den letzten vier Wochen allerdings erstaunlich wenig." (APA, dpa)


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