5/8erl in Ehr’n: „Kultur muss weiterhin passieren“

Die Wiener Combo „5/8erl in Ehr’n“ veröffentlicht mit „Yeah Yeah Yeah“ ihr sechstes Album, das sie im Herbst in Tirol vorstellen wird. Akkordeonist Clemens Wenger über Krise, Messages und Experimentierlust.

Eigentlich wollte die Band nächste Woche ihre LP vorstellen, Tiroler Fans müssen sich bis 13., 14. November (Treibhaus, Innsbruck) gedulden.
© Astrid Knie

Eingangs eine obligatorische Frage in Corona-Zeiten: Wie sehr hat es euch erwischt?

Clemens Wenger: Uns als Band geht es relativ gut, aber wie für alle war Corona auch für uns ein großer Schock. Das neue Album stand in den Startlöchern und eine Releasetour war bereits durchgeplant. Inzwischen sind wir leider auf Abstand.

Das Album erschien gestern trotz Krise. Stand der Release zunächst auf der Kippe?

Wenger: Die Frage, ob wir das Ganze auf den Herbst verschieben, stand bereits am Anfang der Krise im Raum. Wir haben uns aber entschieden, dass wir das Album veröffentlichen wollen. Kultur muss schließlich weiter passieren und es kann nicht alles stillstehen. Sobald wir dürfen, geht bei uns der ganz normale Betrieb wieder los. Wann, ist aktuell die große Unbekannte. Dennoch, auf den Albumrelease haben wir zwei Jahre hingearbeitet.

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Sind digitale Auftritte derzeit sinnvolle Ablenkung?

Wenger: Für Musiker, die solo arbeiten können, ist es eine Möglichkeit, sich eine Plattform für mehr Aufmerksamkeit zu schaffen. Das gibt Mut und sorgt für Ablenkung. Bei uns ist das nicht möglich, wir sind eine Band, unsere Musik lebt vom Zusammenspiel, von den kleinen Details. Auch wenn wir versuchen, hier technisch zu tricksen, das wäre nicht mehr die Musik, die wir machen wollen. Außerdem sind solche Maßnahmen eher Beschäftigungstherapie als eine Fortführung des Berufs, Geld gibt es schließlich keines. Für uns gilt, wir brauchen das Publikum, den direkten Kontakt. Wir sprechen lieber direkt an.

Auf der aktuellen Platte „Yeah Yeah Yeah“ überrascht ihr die Hörer gleich mehrmals. Gleich am Anfang mit einem Kunstlied.

Wenger: Der Auftakt zum Album ist tatsächlich sehr romantisch. Ein sich langsam entwickelndes Kunstlied aus dem 19. Jahrhundert war der größte Kontrast zum Thema des Songs. In „Oe24“ geht es um den Boulevard, der ja so viel wie möglich verkürzt und simplifiziert. Und damit so viele Leute anspricht. Leider! Aber wie immer bei uns ist auch „Oe24“ keine Antihymne, sondern unsere Art, ein Thema künstlerisch zu verarbeiten.

Experimente zum Schmunzeln

Das sechste Album von 5/8erl in Ehr’n zeigt, wie bunt Akustiksound sein kann: Ein Kunstlied („Oe24“) hat ebenso Platz wie funky „Jessica“ oder das lässige „Vaporizer“. Das genaue Hinhören zahlt sich aus, technische Präzision trifft auf Schmäh. Schmunzeln garantiert! Die ernsthafte Message wird man deshalb nicht überhören. (bunt)

Jazz, Weltmusik 5/8erl in Ehr’n: Yeah Yeah Yeah Viennese Soulfood Records.

„This is a political message“ ist ein Song ohne Message. 5/8erln in Ehr’n bleiben dennoch politisch, oder?

Wenger: Wir werden sehr oft als politische Band bezeichnet. Und wir sind alle fünf politische Subjekte, weil wir teilnehmen an der Musikkultur. Insofern bleibt unser Sound politisch. Wir heften es uns deshalb aber nicht auf die Fahnen. Auch wenn man die Österreicherinnen in der Hymne nicht singen will, sich bewusst nicht politisch gibt, ist man erst recht politisch. Nur in eine andere Richtung.

Das neue Album entstand erstmals im eigenen Studio, hört man der Platte deshalb eine gewisse Gelassenheit an?

Wenger: Gelassenheit würde ich nicht sagen, jede Probe ist bei uns hochkonzentriert. Aber ja, man ist entspannter, wenn man nicht, wie in professionellen Studios, an die Uhr denken muss, die tickt. Jede Minute kostet. Diesmal konnten wir in Ruhe arbeiten. Ich würde das Album deshalb experimenteller bezeichnen, man hört, dass wir mehr ausprobieren konnten, mit Songideen oder Instrumenten. Das Album ist verspielter, vielleicht jugendlicher.

Experimente gab’s auch in puncto Stil. Trifft da eure Genrebezeichnung „Wiener Soul“ noch zu?

Wenger: Ich würde schon sagen. Es ist schließlich weiterhin Musik, die mit viel Soul gespielt und gesungen wird – im Wiener Dialekt oder einer Art Kunstsprache. Vielfalt entsteht, weil es bei uns keinen Mastermind gibt, jeder bringt die eigenen Interessen mit ein. Bei uns ist es wie im Parlament, man muss sich zusammenraufen. Und ich glaube, wir arbeiten sogar ein bisschen besser zusammen.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner


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