"Tag der Arbeit" stand heuer im Zeichen der Lockerungsmaßnahmen

Nach fast sieben Wochen Corona-Shutdown konnte man am 1. Mai wieder sporteln und ab Samstag öffnen wieder Einkaufszentren, Friseure sowie alle Geschäfte mit über 400 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Nach fast sieben Wochen Corona-Shutdown konnte man am 1. Mai wieder sporteln. Breitensport-Arten wie Tennis oder Golf sind wieder erlaubt.
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Wien – Am "Tag der Arbeit" ist in Österreich der nächste Schritt zur Rückkehr in den Alltag in Zeiten der Coronakrise erfolgt. Nach fast sieben Wochen Corona-Shutdown konnte man am 1. Mai wieder sporteln und ab Samstag öffnen wieder Einkaufszentren, Friseure sowie alle Geschäfte mit über 400 Quadratmetern Verkaufsfläche. Eingekauft werden muss freilich mit Mund-Nasen-Schutz und dementsprechenden Abstand.

Erst am späten Donnerstagabend wurden die "COVID-19-Lockerungsverordnung" - so der offizielle Titel - veröffentlicht. Erlaubt werden nun öffentliche Veranstaltungen mit maximal zehn Teilnehmern. Andere sind untersagt: Das gilt für kulturelle Veranstaltungen, Sportveranstaltungen, Hochzeiten, Filmvorführungen, Ausstellungen und Kongresse.

Bei Begräbnissen dürfen 30 Trauernde anwesend sein. Auch Breitensport ist grundsätzlich wieder erlaubt. Als Grundvoraussetzung gilt, dass zwischen allen Sportlern ein Abstand von mindestens zwei Metern eingehalten werden soll.

"Monat der Entscheidung"

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sieht den Mai als "Monat der Entscheidung" in der Coronakrise. Mit den größeren Öffnungsschritten mit der weitgehenden Zurücknahme der Ausgangsbeschränkungen gehe auch eine "große Aufmerksamkeit der Gesundheitsbehörden" einher, hieß es aus dem Ministerium. "Niemand in Europa hat damit Erfahrung und auch einzelne Länder Asiens hatten auf diesem Weg große Schwierigkeiten", betonte Anschober am Freitag. "Falls uns dies ohne starke Zuwächse bei den Erkrankungszahlen gelingt, dann wäre dies der vorentscheidende Fortschritt zurück zum Alltag."

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Die Anzahl an aktuell mit dem Coronavirus erkrankten Österreichern ging am Freitag auf 1850 Personen zurück (stand Freitagnachmittag). Knapp 50 Prozent der insgesamt verzeichneten Neuinfektionen (79 Fälle) betrafen allerdings Wien (39), knapp 37 Prozent Niederösterreich (29). Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) erneuerte sein Angebot an die Gesundheitsbehörden der Bundeshauptstadt, Unterstützung durch das Landeskriminalamt zu bieten.

In anderen Bundesländern haben wir gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden bereits in rund 1.000 Fällen bei der Feststellung von Infektionsketten mitgewirkt, um das Virus rasch einzudämmen
Innenminister Karl Nehammer (ÖVP)

124 Menschen lagen mit Stand Freitagfrüh auf Intensivstationen, das waren um vier weniger als am Donnerstag. Die meisten davon sind mit 37 Patienten in Niederösterreichs Spitälern zu finden, in dieser Statistik folgen Tirol (27) und Wien (22). Insgesamt 472 Österreicher sind hospitalisiert. Einen "milden Verlauf" einer Erkrankung attestierte das Innenministerium knapp 74 Prozent der Infizierten. Österreichweit sind bisher 589 Personen an oder mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Die meisten Todesopfer gab es mit 131 in Wien, gefolgt von 130 in der Steiermark. 13.092 Menschen sind indes bundesweit inzwischen wieder genesen, wie etwa der erste Covid-19-Patient in Wien. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker berichtete am Freitag, dass es dem Anwalt, der wochenlang auf der Intensivstation und nicht ansprechbar war, wieder "prächtig" gehe. Der 74-Jährige wurde Ende Februar positiv auf das Virus getestet und ins Kaiser-Franz-Josefspital verlegt.

"Wir alle bestimmen über die Rückkehr zum Alltag"

Anschober sprach von "stabilen Zahlen", meinte aber auch: "Die Krise ist leider lange noch nicht beendet." Es gelte weiter, die gefällten Grundregeln wie Mindestabstand und Hygienebestimmungen auch in der zweiten Phase der schrittweisen gesicherten Rückkehr in den Alltag einzuhalten. Der Minister appellierte an die Österreicher: "Wir alle bestimmen mit unserem Verhalten über die Rückkehr zum Alltag, jede und jeder übernimmt jetzt Eigenverantwortung."

Kurz verspricht "Kampf um jeden Arbeitsplatz"

Am "anderen 1. Mai" gab es keine großen Aufmärsche oder Veranstaltungen. Alle Parteien verzichteten auf die üblichen Aktivitäten - und richteten stattdessen in Online-Events den Blick Richtung Krisenbewältigung. Wichtigstes "Tag der Arbeit"-Thema war dabei die Rekord-Arbeitslosigkeit.

Die Regierung selbst übte heuer Zurückhaltung: ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz verzichtete auf einen 1. Mai-Auftritt, und versicherte nur via Facebook, "dass wir in Österreich weiterhin um jeden Arbeitsplatz kämpfen werden!"

Vizekanzler Werner Kogler erinnerte via Aussendung daran, dass die Grünen mit dem jetzt nötigen "Comeback für Arbeit und Beschäftigung" gleichzeitig auch die Lösung der Klimakrise angehen wollen.

Minister bedankten sich bei Feiertags-Werktätigen

Mehrere Mitglieder der türkis-grünen Regierungsmannschaft schwärmten in Betriebe und Organisationen - von Bäckereien über Flughafen bis zu Gerichten und Polizeistellen - aus, um den dort auch am Feiertag Werktätigen nicht nur dafür, sondern auch für ihre Leistungen im Corona-Einsatz zu danken.

Innenminister Karl Nehammer dankte den Polizeibeamten für ihren Einsatz, Justizministerin Alma Zadic (Grüne) der Justizwache und der Strafjustiz. Die Krise sei noch nicht ausgestanden, das Virus noch nicht besiegt, "aber wir können es schaffen, wenn wir auf allen Ebenen zusammenarbeiten", meinte Zadic.

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) bedankte sich bei den Lebensmittelproduzenten. Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) würdigte den "außerordentlichen Einsatz" der - vorwiegend weiblichen - in der Pflege Tätigen.

SPÖ will "darauf achten, dass nicht Bevölkerung Zeche zahlt"

Auch die größte Mai-Veranstaltung, der Mai-Aufmarsch der SPÖ in Wien, entfiel. Also fanden sich die Partei-, Arbeiterkammer- und ÖGB-Spitzen nicht am Rathausplatz ein, sondern unterstrichen in einer 90-minütigen Fernseh-Dokumentation den Stellenwert einer starken Sozialdemokratie bei der Krisenbewältigung. "Gemeinsam mit den Sozialpartnern und dem Gewerkschaften werden wir darauf achten, dass nicht die Bevölkerung die Zeche zahlt", betonte Wiens Bürgermeister Michael Ludwig.

Bundesparteichefin Pamela Rendi-Wagner hatte sich für die Doku in der Villa des früheren SP-Kanzlers Bruno Kreisky aufnehmen lassen - und unterstrich dann in einer Pressekonferenz, was aus ihrer Sicht für den in Österreich und Europa nötigen Neustart wichtig ist: "Sozialstaat ausbauen und stärken, Wachstum und Beschäftigung fördern und eine gerechte Verteilung der Krisenkosten".

📽 Video | SPÖ begeht 1. Mai virtuell

Das Arbeitslosengeld müsse erhöht werden, forderte Rendi-Wagner einmal mehr, und stellte sich auch hinter die Forderung nach Arbeitszeitreduktion auf 30 Wochenstunden. Die Regierung sei zwar gut durch die Gesundheitskrise gekommen, habe aber im Kampf gegen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu spät und zu zögerlich reagiert.

FPÖ kritisiert Regierungsmaßnahmen

Ganz der Kritik an der Regierung und ihren Maßnahmen gewidmet war auch die 1. Mai-Aktion der FPÖ - für die sich Parteichef Norbert Hofer, Klubobmann Herbert Kickl und Generalsekretär Michael Schnedlitz heuer nur zu Dritt, ganz ohne Fans und Bierzelt-Stimmung in einer Druckerei in Himberg bei Wien einfanden.

Via FPÖ-Youtube-Kanal warben sie, unterstützt durch Video-Telefonate der Landesparteichefs, um Stimmen für ihre Petition gegen die Regierungs-Maßnahmen. Denn die Regierung habe, befand Hofer, "anfangs zu spät, dann aber umso überzogener" auf die Corona-Bedrohung reagiert, die Wirtschaft habe dadurch "schwersten Schaden gelitten".

NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger zeigte per Aussendung - anstelle der üblichen pinken "Tag der Bildung"-Aktion - Optimismus: Die Coronakrise biete die "enorme Chance", lernend aus den gemeisterten großen Herausforderungen "in vielen Bereichen, aber vor allem in der Bildung, besser zu werden". (TT.com, APA)


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