Auch Norwegen warnte frühzeitig vor Hotspot Ischgl

Island, Dänemark und Norwegen schlugen beim Frühwarnsystem der EU schon ab dem 4. März Alarm. Laut Gesundheitsminister Anschober wurden alle Warnungen ernst genommen.

Über die Vorgänge in Ischgl wird mittlerweile international diskutiert.
© EXPA/JOHANN GRODER

Innsbruck – Spätestens am 14. März war klar, dass sich Hunderte Skandinavier bei ihrem Skiurlaub in Ischgl mit dem Coronavirus infiziert haben. Diese Meldungen rauschten damals durch den Blätterwald sowie die digitalen Medien. Denn tags zuvor wurden das Paznaun und St. Anton am Arlberg als Corona-Hotspots unter Quarantäne gestellt. Haben die Behörden sowie die Krisenstäbe in Wien und Innsbruck die Warnungen aus Island, Dänemark oder Norwegen ignoriert und zu spät darauf reagiert?

Auf Basis von Recherchen des Bloggers Kurt Krickler berichtet der Standard jetzt von Warnungen der dänischen Gesundheitsbehörden über das Frühwarn- und Reaktionssystem EWRS an Österreich ab dem 8. März. Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) erklärt hingegen in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der SPÖ, dass die EWRS-Meldungen sowohl vom Gesundheitsministerium als auch von den Tiroler Behörden ernst genommen wurden. „Den Informationen wurde unverzüglich nachgegangen und der Austausch mit den EWRS-Staaten fand regelmäßig statt.“

Für das Land Tirol bestätigt der Mailverkehr zwischen Dänemark, der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit AGES und den Tiroler Gesundheitsbehörden, in dem auf vier Corona-Fälle, die nach ihrer Rückkehr in die Heimat positiv getestet wurden, eingegangen wird, dass die Tiroler Behörden umgehend weitere Nachforschungen über die AGES bzw. Dänemark angestellt haben. Doch Warnungen gab es nicht nur aus Dänemark. Island machte den Anfang.

Laut Anschober gab es am 4. März um 21.35 Uhr die ersten Informationen über das EWRS aus Island. Auf Nachfragen erhielt man am 5. und 6. März nähere Angaben über die infizierten Isländer und ihre seinerzeitigen Urlaubsdomizile in Ischgl. Das Land Tirol versuchte seinerseits über Polizei und Tourismusverband diese Angaben zu ermitteln, die Gesundheitsbehörde ließ danach bei allen betroffenen Hotels den Gesundheitszustand aller Mitarbeiter erheben.

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Zeitgleich mit Dänemark schlug auch Norwegen Alarm. Von den am 8. März bestätigten 1198 Coronavirus-Infektionen im Land seien fast 500 auf Österreich zurückzuführen, die meisten Patienten verbrachten zuvor ihren Skiurlaub im Paznaun, hieß es. Wie ein Rechercheteam des deutschen Spiegel erläutert, informierte die norwegische Gesundheitsbehörde FHI daraufhin das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) im schwedischen Solna.

Am nächsten Tag (9. März) erfolgte dann ein eindringlicher Hinweis der norwegischen Behörden über die Corona-Gefahren, die von ­Ischgl ausgehen würden. Der Barkeeper vom Kitzloch war bekanntlich zwei Tage zuvor positiv getestet worden, 16 weitere Mitarbeiter sollten folgen. Die Bar wurde daraufhin geschlossen, zudem stuften Finnland und Schweden Tirol ebenfalls als Hochrisikogebiet ein.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Wochen über die Vorgänge rund um das Tiroler Krisenmanagement, eine vom Landtag eingesetzte Untersuchungskommission unter Vorsitz von Ronald Rohrer wird die Abläufe unter dem Gesichtspunkt der politischen Verantwortung bewerten. Politisch betont Minister Rudolf Anschober, dass auf Basis der Erlässe des Gesundheitsministeriums sowie des Epidemiegesetzes die Tiroler Behörden ab 6. März die Testung von symptomatischen Personen, die Kategorisierung der Kontaktpersonen sowie deren Absonderung in Ischgl veranlasst hätten. Die erste besondere Information zur Situation sei bei einem zufälligen Treffen mit Landeshauptmann Günther Platter am Flughafen Wien-Schwechat am 5. März erfolgt.

Generell berichtet Anschober von einer intensiven Zusammenarbeit der Krisenstäbe im Bund und im Land Tirol. „Die Situation in Tirol wurde anhand der EWRS-Meldungen, der Berichte der Tiroler Behörden sowie der regionalen und internationalen epidemiologischen Entwicklung evaluiert.“ Außerdem habe das Gesundheitsministerium die anderen Staaten regelmäßig ab 9. März über die besagte EWRS-Datenbank von der Situation in Tirol informiert.

Enttäuscht über Anschober ist die SPÖ-Abgeordnete Julia Herr: Denn die Anfragebeantwortung entbehre jeglicher Kritik am Vorgehen der Tiroler Behörden, Herr zweifelt am Interesse der Bundesregierung an einer sauberen Aufarbeitung. (pn)


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