Musik, die wie Heimkommen ist: Ein Portrait über Wenzel Beck

Kunst in Zeiten von Corona: Wir holen den Wiener Singer-Songwriter Wenzel Beck am 30. Mai um 18.30 Uhr virtuell für ein Live-Konzert nach Tirol, auf dass er unseren Lesern durch seine Musik ein bisschen Freude ins Haus bringen kann. Vorab ein Portrait.

Wenzel Beck virtuell in der Tiroler Bergwelt.
© Christina Feiersinger

Von Christina Feiersinger

Am Tag des Interviews ist es ungewöhnlich windig, ja stürmisch geradezu, sodass mir so manche Windböe beinahe meine Notizzettel entreißt. So windig in diesem sonst so ungewöhnlich warmen April, dessen wolkenloser Himmel fast täglich den Anschein erweckt, als würde das Frühlingswetter der alles beherrschenden Krise zum Trotz seine schönsten Seiten nach außen kehren. Hinter mir die Bergkulisse, sitzen wir bei mir im Garten – das heißt, ich sitze dort, mein Interviewpartner, Wenzel Beck, indes bei sich im Tonstudio in Wien, vernetzt sind wir per Videotelefonat. Interviews in Zeiten von Corona, technische Probleme und das Rauschen des Windes in meinem Mikrofon für Wenzel inklusive. Doch er erscheint mir zugleich bezeichnend, dieser Wind – war er es immerhin auch, der uns gewissermaßen verbunden hatte.

„Wenn er långsåm ångast, dånn wird’s laut, weil so is’ a, da Wind“, singt Wenzel in seinem gleichnamigen Song, den er als seine erste Single vor zwei Jahren veröffentlichte und der sich besonders in Tirol von Beginn an großer Beliebtheit erfreute. Es ist ein wunderschön unaufgeregtes Lied, entschleunigend, voller Poesie und Gefühl – kurzum: eine akustische Wohltat inmitten des nicht enden wollenden Stroms an Corona-Nachrichten. Einmal gehört, hatte mich „Der Wind“ derart berührt und für meinen aktuellen Roman inspiriert, dass ich nicht umhinkonnte, dessen Urheber bald darauf in Fangirl-Manier via Social Media zu kontaktieren. Dem „Wind“ sei Dank, gibt mir Wenzel Einblicke in sein Leben und sein künstlerisches Schaffen, wobei beiderlei in seinem Fall nahezu deckungsgleich ist.

📽 Video | „Der Wind"

„Die Musik ist mein wesentlichster Lebensinhalt, sie fühlt sich für mich wie Heimkommen an“, sagt er lächelnd – und man kann dieses Brennen für seine Kunst auch über die Entfernung deutlich spüren. Der sympathische junge Wiener weiß genau, was er will, und erfindet sich dabei unablässig neu.

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Kein Traum zu groß

„Man soll sich Ziele setzen, die so groß sind, dass man selbst kaum glaubt, sie je erreichen zu können. Aber genau diese Träume bringen einen am weitesten“, sagt Wenzel. „Und wenn sie dann wahr werden, dauert es ein wenig, bis man das realisiert.“ So war es bei ihm zum Beispiel, als er einen der begehrten Plattenverträge bei „Universal“ bekam, als er beim Donauinselfest auf einer riesigen Bühne stand und die Menschenmenge gebannt seiner Musik lauschte, als er auf seine erste eigene Tour ging oder mit seinem Mentor und Freund Willi Resetarits in der Wiener Stadthalle spielen durfte. Oder kürzlich erst, als Wenzel sein erstes Album veröffentlichte.

Vernetzt per Videotelefonat: So verlief das Interview mit dem Künstler coronabedingt.
© Feiersinger

„Endlich etwas Materielles in der Hand halten zu können nach jahrelanger Arbeit ist ein unbeschreibliches Gefühl. In anderen Berufen sieht man das handfeste Ergebnis seines Schaffens ja gleich, ein Tischler zum Beispiel seinen Tisch – als Musiker ist ein Album-Release etwas Besonderes.“

Wenzels oberstes Ziel ist es aber ohnehin, die Menschen mit seiner Musik zu berühren, sie einfach und ehrlich zu unterhalten: „Ich möchte möglichst intensive, unterschiedlichste Emotionen wecken, mit meinen Liedern Bilder malen. In weiterer Folge vielleicht sogar für seine Musik bekannt zu werden, ist wohl für jeden Musiker der größte Traum.“

Der junge Wiener lebt dabei zugleich den Idealismus eines wahren Künstlers: Er will Erfolg haben, um Musik machen zu können, nicht umgekehrt. Selbiges gelingt ihm bereits sehr gut: „Es ist ein Glück, so früh schon meinen Traum verfolgen zu dürfen.“ Für das Wort „früh“ setzt er beachtliche Maßstäbe – man vermag es anhand seiner Musik, seiner Texte und seiner Stimme kaum zu glauben, dass er erst 20 ist.

Von den ersten 300 Songs

Wer sich mit Wenzel Beck unterhält, kommt irgendwann zwangsläufig auf sein Alter zu sprechen, obwohl selbiges laut ihm in der Kunst keine Rolle spielen sollte: „Es ist eigentlich egal, ob du 15, 20, 40 oder 90 bist – entweder, du hast etwas zu sagen, etwas auszudrücken, oder eben nicht.“ Tiefgang ist eben keine Frage des Alters. Seit er denken kann, hatte Wenzel ein schier unersättliches Interesse an der Musik, schon als Kind suchte er stets die Nähe zu ihr und zum Rhythmus. Mit drei Jahren ertrotzte er sich sein erstes Schlagzeug, indem er so lange auf Küchenutensilien schlug, bis er von seinen Eltern eines geschenkt bekam. Später folgte die Gitarre, die Liebe zum Rhythmus aber ist geblieben.

Wenzel Beck möchte mit seinen Liedern Bilder malen und dabei Emotionen wecken.
© Feiersinger

Mit etwa vier machte er seine ersten Kompositionen, die er auf VHS aufnahm. Ab 14 schrieb er seine ersten eigenen Lieder, darunter bereits einige seiner Hits wie „Der Wind“ und das berührende Lied „Immer wieder“, in dem er auf kritische und gleichsam hoffnungsvolle Weise die Flüchtlingskrise von 2015 thematisierte. „Mit den ersten 300 Songs ist es so wie mit einer alten Wasserleitung in einem verlassenen Haus: Du drehst auf und es kommt viel Dreck heraus und zwischendurch einmal ein bisschen klares Wasser, dann wieder Dreck. Das klare Wasser sind die paar guten Lieder, die du in dieser Anfangsphase schreibst.“

Mittlerweile sind es – je nach Definition, was als Song zu werten gilt, – schon in etwa 400. Keine Entbehrung, keine Stunde Arbeit ist ihm zu viel, die Musik gibt einem alles zurück, sagt er. „Sie trägt auch viel zur Persönlichkeitsbildung bei“ – wenn man Wenzel so zuhört, seiner rhetorisch sehr gewandten, klaren Art zu sprechen und seinen klugen, durchdachten Worten folgt, glaubt man ihm gerne.

Sag bloß nicht „Wunderkind“

Als Sohn einer Geigenlehrerin und eines Fotografen mag ihm die künstlerische Veranlagung durchaus in die Wiege gelegt sein, doch was er mit unermüdlichem Üben, Fleiß und Ausdauer schließlich aus seinem Ausnahmetalent machte, hat für ihn nichts mit Fügung zu tun: „Ich glaube eher an das Glück der Tüchtigen und an Zufall als wesentliche Komponente. Meine Überzeugung ist, dass man ganz viel beeinflussen kann, durch harte Arbeit etwa.“

Schon früh spielte er auch in Musicals mit, immer in der Hauptrolle, immer war er es, der zum Schluss das Mädchen küssen durfte. In der Schule tat er sich stets leicht, maturierte bereits mit 17 – und das, obwohl er der Musik wegen jedes Jahr hunderte Fehlstunden anhäufte. Neben der Musik interessierte er sich für Naturwissenschaften wie Astronomie und Mathematik – Letzteres studiert er nun im sechsten Semester. Assoziativ drängt sich bei seinen Erzählungen schnell das Wort „Wunderkind“ auf, doch Wenzel möchte sich nicht in dieses Klischee pressen lassen, viel zu wertvoll sind ihm seine eigene Schaffenskraft, seine ambitionierte Arbeit, seine Individualität. All das einfach nur auf sein Talent zu reduzieren, wäre zu einfach und würde zu kurz greifen.

Mit seinen Songs „ein wenig die Welt zu retten" ist für Wenzel Beck ein Anliegen.
© Franziska Kreis

Kontrastprogramm

Trotz seines – unter normalen Umständen – musikalisch übervollen Terminkalenders hätte Wenzel sein Studium der Technischen Mathematik an der TU Wien wohl in Mindeststudiendauer abgeschlossen, wäre da nicht die Corona-Krise dazwischengekommen. Auf die naheliegendste Frage hin, wie er ausgerechnet auf Mathe gekommen sei, überlegt Wenzel kurz, fährt sich dabei mit der Hand durch seine schon „viel zu lange Quarantäne-Frisur“, wie er sie an anderer Stelle bezeichnet hatte, und antwortet schließlich schmunzelnd: „Das Ausloten der Limits gehört zu mir, ich will sehen, was möglich ist.“

Das ganze Studium beschreibt er als „endlosen IQ-Test“; sein dadurch erworbenes logisches, analytisches Denken kommt ihm in anderen Bereichen des Lebens und so natürlich auch in der Musik zugute. Im Mathestudium – dem Stoff, aus dem wohl die Albträume der meisten Menschen gemacht sein dürften – findet Wenzel einen willkommenen Ausgleich zu seiner Haupttätigkeit. Schließlich birgt das Musikerleben viel mehr Verantwortung gegenüber dem gesamten Team, gegenüber Wenzels Band. „Wenn du im Studium danebenhaust, bekommst du schlimmstenfalls einen Fetzen – in der Musik hängt viel mehr dran als nur du selber.“

Verantwortung sieht er auch in Hinblick auf sein Publikum. Als er und Willi Resetarits Wenzels Lied „Immer wieder“ gemeinsam performten, erklärten sie in Hinblick auf die politische Botschaft – halb im Scherz, halb ernst –, dass sie mit ihrer Musik ja ein wenig die Welt retten wollten, nicht gleich heute vielleicht, aber zumindest nächste Woche. „Es erscheint mir als wichtiger Beitrag für die Gesellschaft, wenn man für seine Meinung einsteht, auch in der Musik“, sagt Wenzel.

Warum Wenzel Mathe studiert? „Das Ausloten der Limits gehört zu mir, ich will sehen, was möglich ist.“
© Feiersinger

Inspiration im Alltag

„Ich schreibe einfach über alles, was mich beschäftigt und hatte bisher das Glück, dass es den Leuten gefällt. Wie ein Staubsauger nehme ich alles auf. Um es dann aber zu Papier zu bringen, muss ich reduzieren, denn ich möchte mit möglichst wenigen Worten möglichst viel ausdrücken.“ Auf Deutsch gelingt ihm das am besten, sagt er, die Texte sind dann nicht so „vollgestopft“ wie sie es auf Englisch wären, er kann mit ihnen mehr Bilder malen und in die Tiefe gehen.

Dann kommt er auf seine Inspirationsquellen zu sprechen, die er im Alltag und in der Natur findet, weil jene omnipräsent ist: „Obwohl wir Menschen uns gerne auf ein Podest stellen, sind wir doch ein Teil der Natur und diese Untrennbarkeit spiegelt sich in meinen Texten wider. Ein Liebessong kann von der Natur handeln, ein Lied über die Natur von der Liebe.“ Darauf angesprochen, wen er bei seinem Hit „Wunderschön“ besingt, meint der Musiker nur vielsagend lächelnd: „Die Natur.“ Wichtig ist ihm auch, dass sich jeder Zuhörer genau das aus seinen Liedern herausnehmen kann, was ihm gefällt oder was er in diesem Moment womöglich gerade braucht.

📽 Video | „Wunderschön"

Der (Um)Weg ist das Ziel

Wie in seinem Studium möchte Wenzel es sich genauso beim Schreiben zugestehen, die Grenzen des Möglichen auszuloten: „Man muss auch einmal Umwege gehen und ein bisschen Blödsinn machen, um sich auszuprobieren. Meine Schwachsinnigkeiten machen mich aus und Eigenwert ist ja das Wichtigste, was man hat“, sagt Wenzel. Was ihn dabei antreibt, ist sein kompromissloser Wille zum Abwechslungsreichtum, dazu, sich ständig neu zu erfinden.

Deshalb werden Wenzels nächste Projekte ganz anders sein als das Debütalbum, welches sich durch seinen Mut zum musikalischen Minimalismus auszeichnete. In einer Zeit, in der die Grenzen der Genres verschwimmen, darf man es sich als Musiker leisten, zu experimentieren. „Die Schubladen, die gibt es nicht mehr“, meint er. Auch in Bezug auf die gesamte Musikszene sieht er Vielfalt als das Um und Auf. „Es kann nicht nur David Bowies geben, das wäre langweilig. Es braucht genauso Justin Biebers.“ Für meinen Geschmack ordnet sich Wenzel Beck eher am zuerst genannten Ende der Skala ein.

Immer höher, immer weiter, immer wieder neu und anders, nur nicht stehen bleiben, nur nicht ausruhen, auf dem, was bereits erreicht ist – das sind seine Grundsätze. Stillstand würde die Kunst ersticken, Weiterentwicklung ist für Wenzel das, was zählt. Zu Beginn des Interviews fragte ich ihn, wie er sich mit nur einem Wort beschreiben würde. „Neugierig“, antwortete er schlicht. „Aber wenn du mich in einer Stunde noch einmal fragst, sage ich dir wahrscheinlich etwas anderes.“ Seine spontane Antwort erscheint jedenfalls sehr treffend, zumal dieses Wort die Begierde auf etwas Neues impliziert.

Unverschämt glücklich

„Ich bin einfach ein unverschämt glücklicher Mensch“, sagt Wenzel dann noch und strahlt in die Kamera. Er hat zudem die Gabe, dieses Glück direkt auf den Hörer überspringen zu lassen – nicht nur in Zeiten der Krise ein Geschenk. Am Ende ist es aber dennoch wieder der Wind, der das Schlusswort hat, indem er mir droht, meinen Tisch samt Laptop umzuwerfen, und so unser Gespräch vorläufig beendet. Ich denke an Wenzels Textpassage „weil so is’ a, da Wind“ und kann es kaum erwarten, zu hören, wohin ihn dieser Wind in Zukunft tragen wird.


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