Clubs am Abgrund: Betreiber von p.m.k, Dachsbau und Jimmy's im TT-Gespräch

Die nächtliche Gastronomie- und Kulturszene ist ein vergessener Bereich in der Coronakrise – obwohl sie mit am schwersten betroffen ist. In einer TT-Videokonferenz äußern die Betreiber von drei seit Jahren in Innsbruck verankerten Betrieben Verständnis für die Maßnahmen. Doch Hilfe und Perspektiven gebe es so gut wie keine.

Von oben links im Uhrzeigersinn: David Prieth (Geschäftsführer p.m.k), TT-Redakteur Simon Hackspiel, Matthias Ullrich (Geschäftsführer Jimmy's), Konrad Wolfgang und Fred Lordick (beide Geschäftsführer im Club Dachsbau).
© Screenshot/Hackspiel

Von Simon Hackspiel

Innsbruck – Die Tausenden Nachtlokale und Clubs in Österreich sind ohne Zweifel ein bedeutender Teil der Kultur- und Gastronomielandschaft. Sie sind gleichzeitig eine der am schwersten betroffenen Wirtschaftsbranchen in der Corona-Krise und kämpfen jetzt vielfach ums Überleben. Zahlreiche Mitarbeiter wurden gekündigt oder in Kurzarbeit geschickt.

Dennoch wird die Branche von der Regierung nicht, oder nur am Rande erwähnt. Während bestuhlte Indoor-Veranstaltungen ab Ende Mai schrittweise wieder möglich werden, sind Nachtlokale und Clubs noch sehr weit von einem Normalbetrieb entfernt. Schließlich leben sie von vielen Menschen auf engem Raum.

In einer am 17. Mai abgehaltenen Videokonferenz sprachen die Betreiber der Innsbrucker Kulturinstitution p.m.k, des Clubs Dachsbau und des Nachtlokals Jimmy‘s mit der Tiroler Tageszeitung über ihre prekäre Lage, die unzureichenden Entschädigungen und fehlenden Perspektiven. Alle drei sind seit Jahren fest in der Szene verankert und müssen nun plötzlich um ihre Existenz bangen.

📽 Ausschnitt aus der 45-minütigen Videokonferenz mit den Innsbrucker Nachtlokal- und Clubbetreibern:

Wie ist eure aktuelle Lage und was bedeuten die Lockerungsschritte im Kultur- und Veranstaltungsbereich ab dem 29. Mai für euch?

David Prieth, p.m.k: Unser Bereich musste als erster schließen und wird wohl auch als letzter wieder in den Normalbetrieb finden. Die schrittweise Öffnung bringt uns nur teilweise was. Wir werden die p.m.k über den Sommer komplett anders nutzen – etwa von Künstlern durch Klang- oder Videoinstallationen bespielen lassen. Wir haben 38 Mitgliedsvereine mit insgesamt 160 Personen, die die p.m.k bilden – das Vereinsleben werden wir so gut es geht weiterführen. Die Bands, die bei uns hauptsächlich auftreten, passen nicht in ein bestuhltes Konzept. Und es wäre überhaupt nicht wirtschaftlich. Vielleicht gibt es hin und wieder mal Diskussionsrunden oder ein bestuhltes Konzert bei uns, aber das ist nicht unsere Kernaufgabe.

Fred Lordick, Dachsbau: Wenn wir bestuhlen, ist es unmöglich rentabel zu sein. Das ist weit entfernt von dem, was wirtschaftlich ist. Die Fixkosten sind sehr hoch in Innsbruck und waren für uns schon vor der Krise am Limit.

Konrad Wolfgang, Dachsbau: Die Clubs leben von einem Gedränge. Wir müssten also unser ganzes Konzept über den Haufen werfen und ein komplett anderes Publikum anziehen für bestuhlte Veranstaltungen. Aber das würde wohl auch kaum funktionieren.

Am Dienstagabend teilte das Jimmy's seiner Community mit, dass man es nun doch versuchen wolle – jedoch im Minimalbetrieb.
© Screenshot/Facebook

Matthias Ullrich, Jimmy‘s: Wir diskutieren viel, ob es ein Szenario gibt, das ein Aufsperren rentabel macht. Aber wir stoßen hier als Nachtlokal auf die gleichen Probleme, wie die Clubs. Solange es Abstandsregeln gibt, ist eine Öffnung schwer umzusetzen. Weil unabhängig davon, ob die Leute auch in ein bestuhltes Jimmy‘s kommen würden, wären dann automatisch alle Stundungen von Lieferanten, Steuern und so weiter wieder zu begleichen. Geschweige denn die Pacht. Es fehlt uns einfach die Planungssicherheit und es fehlen Informationen, wie man jetzt weitermachen könnte. Es fühlt sich alles wie ein großes Risiko an. (Update: Am Dienstag erklärte Ullrich, dass es das Jimmy‘s nun doch versucht und am 29. Mai im Minimalbetrieb wieder öffnet. Wegen der Sicherheitsbestimmungen sind aber bauliche Maßnahmen nötig.)

Fred Lordick, Dachsbau: Das ist das Gefährliche! Wenn man wieder öffnet, entsteht das Bild auch gegenüber der Politik, dass man wieder was machen kann und verliert Hilfsansprüche. Die sagen dann: ‘Ihr habt ja eh wieder Betrieb‘. Wenn wir aufmachen verlieren wir aber deutlich mehr Geld, als jetzt. Für uns ist die einzige Chance, so lange geschlossen zu halten, wie nur möglich – bis quasi Normalität herrscht. Wenn man eine Öffnung probiert, ist man womöglich in zwei Monaten am Ende.

David Prieth, p.m.k: Bei uns ist die Situation eine andere, dadurch dass wir eine geförderte Kultureinrichtung sind. Die Miete bricht uns also nicht das Genick. Für Bar und Konzertraum haben wir einen Mieterlass erwirkt.

Zahlreiche betroffene Mitarbeiter

Dachsbau: 20 geringfügig Beschäftigte entlassen, zwei Vollzeitkräfte in Kurzarbeit, zehn Resident-DJs und Artists verloren fixe Einnahmequelle.

Jimmy's: Elf geringfügig Beschäftigte entlassen.

p.m.k: Sechs Mitarbeiter betroffen, zwei davon in Kurzarbeit.

Wie sieht es in punkto Entschädigungen bzw. Hilfszusagen aus?

Matthias Ullrich, Jimmy‘s: 1000 Euro aus dem Härtefallfonds haben wir jeweils persönlich bekommen, wir sind ja zu zweit als Betreiber. Und das war‘s bisher. Bei einem Überbrückungskredit wäre die Frage, auf welchen Zeitraum wir kalkulieren sollen. Ich verstehe, dass wir am Ende der Lockerungskette stehen wegen der hohen Ansteckungsgefahr, aber die staatlichen Entschädigungen sind undurchsichtig.

Konrad Wolfgang, Dachsbau: Das Wichtigste ist, dass wir nicht vergessen werden. Bei den Pressekonferenzen der Regierung werden Clubs und Nachtgastronomie nicht thematisiert. Nur weil ein Journalist gefragt hat, kam die Info, dass es „noch mehrere Monate“ keine Öffnung geben werde.

David Prieth, p.m.k: Es wird ein ganzer Bereich ignoriert, der einen wesentlichen Teil der Gastronomie und Kultur ausmacht. Ich bin im Vorstand der Tiroler Kulturinitiativen und versuche Kontakt zu Kulturlandesrätin Palfrader (Anm. Beate, ÖVP) herzustellen. Aber die Verantwortlichen im Land halten sich bedeckt und verweisen darauf, dass sie auf Bestimmungen aus dem Bund warten müssten. Das kommt mir generell bei verschiedenen Instanzen so vor. Sie agieren nach dem Motto: ‘Bitte fragt mich nicht.‘

Die "Plattform mobile Kulturinitiativen" – kurz p.m.k – veranstaltete bis vor wenigen Jahren regelmäßig ein Straßenfest entlang der Viaduktbögen. Solche Bilder wird man wohl noch länger nicht mehr sehen. Aber auch fast alle anderen Konzerte machen unter den momentanen Vorzeichen keinen Sinn.
© Daniel Jarosch

Was erwartet ihr euch in finanzieller Hinsicht von der Politik?

David Prieth, p.m.k: Es müsste ein klares Bekenntnis und eine Wertschätzung geben. Und klare Ansagen bezüglich Entschädigungen. Es kann ja nicht sein, dass wir irgendwann alle vor einem riesigen Scherbenhaufen stehen und eine neue Generation macht den Neustart. Es ist etwas vermessen von Akut- und Soforthilfe zu sprechen, wenn nach zehn Wochen noch nichts da ist.

Matthias Ullrich, Jimmy‘s: Es müsste eine Kombination aus Finanzhilfen sein. Staatliche Zuschüsse jetzt sofort und später steuerliche Erleichterungen etwa.

Fred Lordick, Dachsbau: Man muss im Prinzip die gesamte Branche retten – und zwar nicht morgen, sondern jetzt. In Berlin etwa werden die Clubs als wichtiger Teil der Gesellschaft wahrgenommen, dort wurden sofort auf Stadtbasis Hilfspakete geschnürt.

Konrad Wolfgang, Dachsbau: Es ist eine akute Lage und jeder weiß, dass sie akut ist. Wenn man wenigstens klare Zusagen hätte, könnte man auch zur Bank gehen und sagen: 'So und so sieht es aus.'

Auf seiner neuen Plattform Dachsbau.tv – regelmäßig werden dort Liveshows und DJ-Sets gestreamt – will der Club Unterhaltung bieten und etwas Geld in die leeren Kassen spülen. Aber vor allem gehe es darum, "in den Köpfen der Leute zu bleiben".
© Jakob Crowd

Wie groß sind die Existenzängste bei euch?

Matthias Ullrich, Jimmy‘s: Wir sind seit dem Ausbruch auf 0 Prozent Umsatz. Es sind immer laufende Kosten im Spiel und wir haben keinen Zeithorizont. Vermutlich wird das die Covid-Impfung sein, denn vorher wird es immer Abstandsregeln geben. Ich drücke die Existenzfrage etwas weg, aber im Hinterkopf spielt das schon mit. In den Medien kam es so rüber, dass die Lokale jetzt wieder aufsperren dürfen und damit das Thema erledigt ist. Wir sind aber alle individuell, jeder hat andere Voraussetzungen für einen möglichen Ausnahmebetrieb. Und die Nachtgastronomie lebt nun einmal von vielen Menschen auf engem Raum.

Konrad Wolfgang, Dachsbau: Ich glaube, wir haben alle Existenzängste. Es kommen auf jeden Fall viele Rechnungen auf uns zu. Was wir jetzt machen – etwa die Livestreams via Dachsbau.tv – sind Maßnahmen, um in den Köpfen der Leute zu bleiben und irgendwann hoffentlich wieder durchstarten zu können.

Fred Lordick, Dachsbau: Es ist wichtig, dass wir uns beschäftigt halten. Wenn wir wüssten, wie lange die Situation anhält, könnten wir uns entscheiden, ob wir es durchhalten können und wollen. Aber ohne dieses Wissen bringt es nichts, sich damit auseinanderzusetzen. Eine zweite Welle würde aber wohl fast kein Nachtgastronom überleben.

David Prieth, p.m.k: Da würde sich dann auch für uns die Existenzfrage stellen. Denn wie lange halte ich einen Verein am Leben, der seinen Zweck nicht erfüllen kann...

Wie sieht es in euren Communitys aus? Gibt es etwa Hilfsangebote von Stammgästen?

Matthias Ullrich, Jimmy‘s: Wir machen jetzt Jimmy‘s-Merchandiseartikel. Leute können uns so unterstützen und wir bleiben sichtbar. Bei Crowdfunding habe ich kein gutes Gefühl. Ich will einfach, dass die Verantwortlichen der Regierung uns Entschädigung bieten.

Konrad Wolfgang, Dachsbau: Es darf nicht das Ziel sein, sich Geld von Leuten spenden zu lassen, die vielleicht selbst finanziell schlecht dastehen. Unsere Livestreams bieten den Leuten Unterhaltung und sie können uns dafür Geld geben. Es ist ein viel schönerer Weg, als darum zu betteln.

David Prieth, p.m.k: Stimmt. Man darf nicht die Politik auf die Idee bringen, sich aus der Verantwortung zu nehmen.

📽 Infovideo | Die neuen Regeln im Kulturbereich im Überblick:


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