"Luder"-Sager: Geisler entschuldigte sich telefonisch, Platter sieht "indiskutable Entgleisung"

Tirols LH-Stv. Josef Geisler (ÖVP) beleidigte eine WWF-Aktivistin als "widerwärtiges Luder". Nach einer schriftlichen Entschuldigung folge nun ein Telefonat mit der Frau. Dass Geislers Büro die Beleidigung relativierte und LH-Stv. Felipe (Grüne) die Aussage nicht wahrgenommen haben will, lässt bei der Opposition zusätzlich die Wogen hochgehen.

Gegner des Kraftwerks Tumpen-Habichen hatten am Mittwoch vor dem Landhaus 22.800 Protest-Stimmen übergeben. Als eine Aktivistin über die Wichtigkeit des Naturschutzes sprach, sagte Geisler an Felipe gewandt, dass die WWF-Vertreterin ein "widerwärtiges Luder" sei.
© Paschinger

Innsbruck – Tirols LHStv. Josef Geisler (ÖVP) hat sich nach seinem "Widerwärtiges Luder"-Sager gegenüber einer WWF-Aktivistin nun auch telefonisch bei der jungen Frau entschuldigt. Im Zuge des zehnminütigen Gesprächs sei auch ein persönliches Treffen vereinbart worden, sagte eine Sprecherin Geislers zur APA. Das Gespräch soll im Laufe der kommenden Woche stattfinden, der genaue Zeitpunkt stehe noch nicht fest.

Eine mündliche Entschuldigung hatte die WWF-Vertreterin am Freitag im Ö1-"Mittagsjountal" eingefordert. "Eine reine Entschuldigung mittels übermitteltem PDF-Dokument reicht mir nicht aus", so die WWF-Aktivistin. Zudem wolle sie, dass Geisler dies auch "medial korrigiert". Denn die Art und Weise, wie der Politiker am Donnerstag die Entschuldigung über die Medien ausgerichtet habe, sei "sehr fadenscheinig" gewesen und habe der "Beleidigung eine Verleumdung noch oben draufgesetzt". Die WWF-Mitarbeiterin sprach von einer "extremen Entgleisung" Geislers, die "frauenverachtend" gewesen sei und einen "Umgang mit Naturschutz deutlich macht, der einfach skandalös ist".

Video zeigt Entgleisung

Geisler hatte die Aktivistin am Mittwoch bei der Übergabe von Protest-Stimmen gegen das Wasserkraftwerk Tumpen-Habichen als "widerwärtiges Luder" bezeichnet, wie auch ein vom WWF veröffentlichtes Video zeigt:

Im Video zu sehen ist, wie die WWF-Vertreterin ausführt: "Die Verschlechterung von Flüssen ist eigentlich laut EU-Gesetzgebung nicht erlaubt, nur mit dem Ausnahmefall des öffentlichen Interesses [LHStv. Geisler unterbricht: "jetzt müss‘ma ein bissl, jetzt müss‘ma ein bissl aufm Boden bleiben, weil…“]. Die WWF-Vertreterin insistiert: "Entschuldigen Sie bitte, nur kurz ausreden" [Geisler: „nana, jetzt müss‘ma a bissl aufm Boden bleiben, weil des Problem jetzt haben wir“]. WWF-Vertreterin: "Und das öffentliche Interesse wird de facto gleichgesetzt mit dem Ausbau der Wasserkraft..." [Geisler zu LHstv Ingrid Felipe: „Siehst, die lässt mich gar nicht reinreden... Widerwärtiges Luder.“]

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Geisler entschuldigte sich schriftlich, Büro relativierte Sager

Geisler sagte zunächst am Donnerstag gegenüber der Tiroler Tageszeitung, dass er seine "emotionale Entgleisung" bedaure und sich bei der Frau entschuldigen wolle. Sie sei ihm aber mehrfach ins Wort gefallen.

Am Freitag ruderte er zurück und gab zu, dass nicht die Frau ihn, sondern er die Frau unterbrochen habe. Das habe er auch in einer schriftlichen Entschuldigung festgehalten, die er der Aktivistin zukommen ließ. "Ich hoffe, dass die Entschuldigungen für mein Fehlverhalten angenommen werden", meinte Geisler. "Weitere wortreiche Erklärungen" könnten dem 'Es tut mir leid. Und ich entschuldige mich aufrichtig für meine inakzeptable Aussage' nichts hinzufügen.

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung führte eine Bürosprecherin Geislers aus, dass die Bemerkung "nicht zwingend negativ" gewesen sei. Zudem habe er den Ausdruck "ohne jedwede Aggression verwendet." Der Ausdruck "Luder" werde "in Tirol umgangssprachlich für eine schlitzohrige, hartnäckige Person verwendet, die einen austrickst". Dazu kam noch der Hinweis: "Ursprünglich stammt der Begriff 'Luder' - wie Sie sicher wissen - aus der Jägersprache und bezeichnet einen Köder zum Anlocken von Raubtieren."

Zum gesamten Ausdruck "widerwärtiges Luder" gibt es aber wohl wenig Interpretationsspielraum. Dieses ist eindeutig abwertend zu sehen. Seine Sprecherin nennt die Äußerung "inakzeptabel, wenngleich sie in keiner Weise frauenfeindlich gemeint war". Der Politiker werde sich noch schriftlich bei der Aktivistin entschuldigen.

Platter: "Indiskutable Entgleisung"

Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) bezeichnete die Äußerung Geislers in einer Aussendung am Freitag als "indiskutable Entgleisung, für die er sich richtigerweise sofort in aller Form öffentlich und auch persönlich bei der Umweltaktivistin entschuldigt" habe.

Der WWF hatte zuvor eine rasche Entschuldigung Geislers für den frauenfeindlichen Sager gefordert, ansonsten sei dieser rücktrittsreif. „Derartige Beschimpfungen haben in der Politik nichts verloren. Wenn Josef Geisler seinen Fehler nicht einsieht, ist er rücktrittsreif. So darf ein Amtsträger nicht mit Menschen umgehen, die völlig zurecht auf die Folgen der Wasserkraft-Verbauung für die Flüsse hinweisen“, erklärte WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides in einer Aussendung am Donnerstag.

Gegner des Kraftwerks hatten am Mittwoch vor dem Landhaus wie berichtet 22.800 Protest-Stimmen übergeben.

Felipe will Sager nicht wahrgenommen haben

Heftige Kritik kam seitens des grünen Koalitionspartners. Die bei dem Vorfall anwesende und direkt neben Geisler stehende LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) ärgerte sich, dass sie die Aussage "in dem Moment nicht gehört" habe. Sie habe den "Luder"-Sager Geislers "nicht wahrgenommen", sagte Felipe in einer Aussendung. Sie sei in "intensivem Austausch mit der Aktivistin" gewesen, die Aussage Geislers sei aber "inakzeptabel".

Die grüne Landtagsvizepräsidentin Stephanie Jicha meinte: "So eine frauenfeindliche und sexistische Aussage geht einfach gar nicht". Geisler verdrehe zudem die Tatsachen, indem er angab, die Aktivistin habe ihn unterbrochen. Er habe stattdessen sie unterbrochen, sagte Jicha. Auch die Grüne Frauensprecherin Meri Disoski kritisierte Geisler heftig: "Geislers Verhalten widert mich an. Es offenbart den strukturellen Sexismus, der nach wie vor in höchsten politischen Ebenen des Landes fest verankert ist".

📽 Video | Geislers "Luder"-Sager: Sexismus-Vorwurf

Opposition sieht "Frauenfeindlichkeit" und "Hass auf Aktivisten"

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Bunner forderte, nun "nicht zur Tagesordnung" überzugehen. Die Entschuldigung Geislers ändere daran nichts. "Diese Beschimpfung offenbart Frauenfeindlichkeit und Hass auf politische AktivistInnen". Dass Felipe "einfach kommentarlos daneben" stand, sei "unerträglich". Es müsse nun eine "Diskussion über mögliche Konsequenzen" folgen.

"Derartige Entgleisungen offenbaren wieder einmal ein höchst hinterfragenswertes Frauenbild, das in Tirol immer noch viel zu häufig vorherrscht", sagten Tirols Landesfrauenvorsitzende NAbg. Selma Yildirim und ihre Stellvertreterin LAbg. Elisabeth Fleischanderl (beide SPÖ). "Solche Worte hätte Geisler wohl für einen Mann nicht gewählt", waren sie überzeugt. Die Politikerinnen forderten "klare Worte der Distanzierung" und eine Stellungnahme von Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) und der Bundes-ÖVP. Auch von der bei dem Vorfall anwesenden LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) zeigten sie sich "enttäuscht", da sie bei der "herablassenden Äußerung das Lächeln nicht verliert und auch nicht widerspricht".

NEOS-Klubobmann Dominik Oberhofer ist entsetzt über die Rechtfertigungsversuche durch das Büro von Geisler. „Diese Aussagen lassen tief blicken, man ist sich keiner Schuld bewusst. Hier müssen Konsequenzen gezogen werden. Solche Aussagen und Rechtfertigungen haben in einer Regierung keinen Platz. Das müssen vor allem auch die Grünen, wenn sie nur einen Schimmer von Glaubwürdigkeit behalten wollen, als Koalitionspartner einsehen.“

Scharfe Kritik auch von FPÖ und Liste Fritz

Für Tirols LAbg. FPÖ-Frauensprecherin Evelyn Achhorner stand indes die Konsequenz bereits fest: "Da gibt es keine Entschuldigung, sondern solche Repräsentanten der ÖVP oder sonstiger frauenfeindlicher Fraktionen und Parteien haben in der Politik nichts verloren". Achhorner erwartete sich daher den Rücktritt Geislers. Auch sie nahm Felipe aufgrund ihrer fehlenden Reaktion ins Visier: "Sie unterstützte somit Geisler in seiner Aussage, das ist wirklich das Allerletzte".

Auch Tirols FPÖ-Chef Markus Abwerzger zeigte sich empört über die "Rechtfertigung" der Aussage durch das Büro Geislers. "Es ist einfach nur mehr zum Fremdschämen, was derzeit passiert", so Abwerzger, der in dem Sager des Landeshauptmannstellvertreters einen "klaren Rücktrittsgrund" sah.

Liste Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider konnte das Schweigen Felipes ebenfalls nicht nachvollziehen: "Das ist völlig inakzeptabel und irritierend", meinte sie. "Wir Frauen brauchen uns derartige Angriffe und Untergriffe, derartiges Machogehabe nicht bieten lassen". Widerrede werde hier "zur Pflicht", hielt sie fest. Platter müsse zudem eine "aufrichtige Entschuldigung" einfordern. Darüber hinaus richtete die Liste Fritz direkt eine Aufforderung an Geisler: "Herr Landeshauptmannstellvertreter Geisler, entschuldigen sie sich aufrichtig oder treten sie zurück!". (TT.com, APA)


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