Bachmann-Preis für Helga Schubert: Experiment als Schicksalswendung

Helga Schubert gewann für ihren Text "Vom Aufstehen" gestern den Ingeborg-Bachmann-Preis. Die 80-Jährige wurde schon nach ihrer Lesung am Freitag als Favoritin gehandelt. Lydia Haider holte den Publikumspreis.

Helga Schubert wurde mit dem 44. Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet und erhält 25.000 Euro.
© ORF

Klagenfurt – Noch bevor gelesen wurde, sprach der scheidende Juryvorsitzende Hubert Winkels vom heurigen Bachmann-Wettbewerb als "mediengeschichtlichem Experiment". Und das Experiment hat - alles in allem - gut funktioniert. Wegen Corona wurden die vorab aufgezeichneten Lesungen via Videokonferenz diskutiert. Für die spätere Bachmann-Preisgewinnerin Helga Schubert eine "schutzengelmäßige Schicksalswendung", wie sie gestern nach der – ebenfalls virtuellen und seltsam gehetzten - Preisverleihung erklärte.

So konnte die 80-jährige Autorin, die für ihren autofiktionalen Erinnerungstext "Vom Aufstehen" ausgezeichnet wurde, am Wettbewerb teilnehmen – und sich weiterhin um ihren pflegebedürftigen Ehemann kümmern. Schuberts Favoritenrolle hatte sich bereits unmittelbar nach ihrer Lesung am Freitag abgezeichnet. Selbst jene Jurorinnen und Juroren, die die konventionelle Erzählart ihres anrührenden Textes hervorhoben, mochten nicht wirklich darüber streiten.

📽 Video | Bachmannpreis für Helga Schubert

Eine Seltenheit an diesen 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur. Denn zumeist wurde durchaus hitzig über die Preiswürdigkeit der vorgetragenen Texte debattiert. Wobei gilt, was auch in vorvirtuellen Zeiten galt: Am meisten Raum nahm gern das lauteste Argument ein. Und nicht das schlüssigste.

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Moderator Christian Ankowitsch, der im verwaisten Klagenfurter ORF-Theater die virtuellen Fäden zur Diskussion verknüpfen musste, hatte einiges zu tun, um wenigstens halbwegs gerecht verteilte Redezeiten zu ermöglichen. Das ist nicht immer gelungen. Und auch die einordnenden Nacherzählungen von Julya Rabinowich und Heinz Sichrovski waren letztlich bestenfalls Beiwerk. Trotzdem: Man gewöhnte sich schnell ans heurige Format - und freut sich auf die Zeit, wenn im Publikum wieder mit Papier geraschelt und hochkonzentriert geschaut werden darf. Vom ganzen Drumherum, das den Bachmann-Wettbewerb zum berühmten und bisweilen berüchtigten Literaturbetriebsausflug macht, ganz zu schweigen.

📽 Video | Katja Gasser (ORF) über den Bachmannpreis 2020

Fünf Preise wurden beim heurigen Wettbewerb vergeben. Helga Schubert gewann, wie gesagt, den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis. Den Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) gewann die deutsche Autorin Lisa Krusche für ihren offen politischen Gaming-Text "Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere", dem Steirer Egon Christian Leitner wurde für "Immer im Krieg" der Kelag-Preis in Höhe von 10.000 Euro verliehen. Laura Freudenthaler - "Innsbruck liest"-Autorin 2019 - bekam, nachdem sie auch für alle anderen Auszeichnungen hoch gehandelt wurde und bei der Abstimmung mehrfach in die Stichwahl kam, den Preis des Kultursenders 3sat (7500 Euro). Die mittels Online-Abstimmung ermittelte Publikumspreisträgerin 2020 und somit auch künftige Klagenfurter Stadtschreiberin ist Lydia Haider. (jole)

Werdegang von Helga Schubert

Geboren wurde Schubert 1940 in Berlin-Kreuzberg, seit einigen Jahren lebt sie mit ihrem Mann in Neu Meteln (Mecklenburg). Es ist für sie der zweite Anlauf zum Bewerb: 1980 scheiterte die Ausreise aus der DDR. Ihr Vater starb schon 1941 als Soldat, so wuchs Schubert bei der Mutter auf, zu deren Beziehung es in ihrem preisgekrönten Text auch ging. Ihre Kindheit war von Flucht geprägt: Wegen der Bombenangriffe wurde die kleine Familie nach Hinterpommern evakuiert und floh dann nach Greifswald und von dort nach Ostberlin zu den Großeltern. Aufgewachsen ist sie schließlich in der sowjetisch besetzten Zone und dann in der DDR. Nach ihrer Matura 1957 war sie ein Jahr Montiererin am Band, von 1958 bis 1963 Studierte sie klinische Psychologie an der Humboldt-Uni Berlin. Während des Studiums heiratete sie den Maler und Grafiker Rolf Schubert, 1960 kam ihr Sohn zur Welt.

Beruflich folgte eine postgradulae Ausbildung zur Fachpsychologin der Medizin, von 1963 bis 1987 arbeitete sie in der Erwachsenen-Psychotherapie im Stadtbezirk Berlin-Mitte, u.a. in der Universitäts-Nervenklinik der Charité. 1977 nahm sie ihre Arbeit als freiberufliche Schriftstellerin auf, nachdem sie bereits seit dem 20. Lebensjahr immer geschrieben hatte. 1975 wurde sie in den Schriftstellerverband aufgenommen. Von 1976 bis 1989 stand sie unter Beobachtung durch den DDR-Staatssicherheitsdienst: "feindlich-negativ". Am Ende der DDR war sie Pressesprecherin des Zentralen Runden Tischs zur Vorbereitung der ersten freien Wahl 1990. Von 1987 bis 1990 war sie nach ihrer verhinderten Teilnahme Jurymitglied im Bachmann-Wettbewerb.

Schubert hatte Lehraufträge an US-amerikanischen Unis und war langjähriges Mitglied des Goethe-Instituts und des Autorenkreises der Bundesrepublik. Seit 1976 ist sie mit dem Psychologen, Maler und Schriftsteller Johannes Helm verheiratet. Nachdem sie bis 2008 in Berlin wohnten und arbeiteten, zogen sie nach Nordwestmecklenburg in das Dorf Neu Meteln und eröffneten dort für seine Bilder eine Galerie mit regelmäßigen, wo bisher 130 Kulturveranstaltungen mit freiem Eintritt stattfanden, in denen Helga Schubert moderiert und neue Erzählungen liest.

Zu ihren Büchern zählen u.a. die vier Kinderbücher über "Bimmi", "Das verbotene Zimmer" (1982, Luchterhand), der Erzählband "Blickwinkel" (1985), "Anna kann Deutsch" (1986) ", "Die Andersdenkende" (1994) und "Das gesprungene Herz" 1995. 2003 erschien ihr Roman "Die Welt da drinnen" (S. Fischer-Taschenbuch). 2017 gab sie die 16-bändige Werkausgabe der Gemälde von Johannes Helm heraus. Zu ihren Auszeichnungen zählt u.a. 1986 der Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste und der Fallada-Preis 1993.

(APA)


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