ÖSV-Abfahrer Reichelt greift noch einmal an: „Aufhören war mir zu einfach“

178 Tage nach seinem in Bormio erlittenen Kreuzbandriss schnallte sich Hannes Reichelt in Sölden wieder die Ski an. Und wirkt motiviert wie eh und je. Auch wenn der Radstädter am 5. Juli seinen Vierziger feiert.

Immer mit einem Grinser im Gesicht – Hannes Reichelt hat Spaß wie eh und je und will sich noch einmal an die Weltspitze zurückkämpfen.
© gepa

Wie war die Rückkehr auf die geliebten Brettln?

Hannes Reichelt: Es ist sehr gut gelaufen, ohne jegliche Unsicherheiten, geschweige denn Schmerzen. Mir ist aber klar, dass der Weg zurück lang und steinig ist.

In jedem Fall haben Sie sich nicht einmal ein halbes Jahr Zeit gelassen ...

Reichelt: Die Therapie ist problemlos verlaufen. Und jetzt zurückzukehren, ist weniger aufwändig als dann im Juli oder August, wo wir in die Schweiz fahren müssen. Der zweite Aspekt war, dass der Schnee derzeit noch nicht komplett grobkörnig gefroren ist und es so einfacher für den Neustart ist. Solange es schön bleibt, werde ich versuchen, kleine Schritte vorwärts zu machen. Und das ist jetzt mehr Therapie-Skifahren als Training – auch oder insbesondere für das Knie.

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Keine Sorge vor einer neuer­lichen Verletzung, wie es zuletzt einigen Ihrer Teamkolleginnen (Anna Veith, Stephanie Brunner, Anm.) widerfahren ist?

Reichelt: Das Skifahren ist mein Metier. Ich denke schon, dass ich ziemlich genau einschätzen kann, was möglich ist und was nicht. Was nicht heißt, dass ich mich nicht auch irren kann. Aber wenn ich auf den Berg gehe und es wird rutschig, kann das gefährlicher sein, als wenn ich Ski fahre. Und Rerupturen (erneuter Riss eines geheilten Bandes, Anm.) muss man individuell betrachten. Aber klar: Ich musste schon Überzeugungsarbeit leisten, dass ich jetzt schon wieder auf Schnee gehen darf.

Gibt’s einen groben Fahrplan, bis wann Sie wieder ins ernsthafte (Stangen-)Training einsteigen?

Reichelt: Man muss ganz einfach abwarten, wie sich alles entwickelt. Auch das Selbstvertrauen. Die Frage ist, was man unter ernsthaftem Training versteht. Einen gemütlichen, aufgefirnten Hang werde ich relativ rasch mit Riesentorlaufschwüngen runterziehen, aber ein richtiges Training beginnt woanders: wo die Piste ruppig ist, ich richtig dagegenhalten muss. Ich denke, dass ich relativ rasch bei 80, 85 Prozent sein werde, aber der Rest wird dann interessant.

Nach der Kreuzband-Operation am 29. Dezember haben Sie sofort klargestellt, dass Sie so nicht aufhören wollen. Keine Selbstverständlichkeit für jemand, der übernächste Woche seinen 40er feiert.

Reichelt: Die einfachere Lösung wäre gewesen, dass ich aufhöre. Aber das war mir irgendwie zu einfach. Jetzt probiere ich es einfach. Die Grundbedingung ist – und das habe ich damals schon gesagt –, dass ich wieder konkurrenzfähig bin. Sollte ich im Training nicht in die Näh­e der Bestzeiten kommen, wird alles neu überdacht. Mir ist wichtig, dass ich meine Karrier­e nicht wegen einer Verletzung, sondern aus eigenem Willen beenden kann.

Hannes Reichelt gemeinsam mit ÖSV-Coach Martin Sprenger bei seinen ersten Schwüngen im Schnee nach dem Kreuzbandriss.
© gepa steiner

Was fasziniert Sie noch mit bald 40 Jahren? Sie sind Familienvater, Weltmeister, haben die Kitzbühel-Abfahrt gewonnen und müssen niemandem mehr etwas beweisen.

Reichelt: Ich bin immer noch gerne mit den Jungs unterwegs, gerne in den verschiedensten Orten, ganz besonders natürlich in Beaver Creek. Dazu steht die WM in Cortina d’Ampezzo an, als­o nicht wirklich weit weg. Aber das Wichtigste: Ich tue es immer noch gerne. Dazu bekomme ich viele aufmunternde SMS und viele Leute auf der Straße sagen mir, dass ich unbedingt weitermachen soll. Ich sei schließlich der Letzte der alten Garde.

Das klingt ziemlich romantisch. Auf der anderen Seite betreiben Sie einen Hoch­risikosport ...

Reichelt: Wenn ich gut in Form bin, habe ich nie empfunden, dass ich ein großes Risiko eingehe.

Und wenn man der Form hinterherfährt, verschiedenste Sachen probiert, dann ...

Reichelt: Deshalb habe ich ja klargestellt: Es macht nur Sinn, wenn ich mich so weit herantaste, dass ich wieder vorne mitfahren kann.

Wie laut bellt der Schweine­hund im Training?

Reichelt: Es gibt solche und solche Tage. Aber es gibt keinen, der immer gerne arbeiten geht. Und durch meine Verletzung war ich gezwungen, in der Reha neue Sachen auszuprobieren. So gesehen kann man aus einer Verletzung auch gestärkt hervorgehen. Und ganz generell sehe ich es als Riesenprivileg, dass ich immer noch mein Hobby als Beruf ausleben kann.

Und wenn dann doch einmal Schluss sein wird?

Reichelt: Ich habe mir immer ein FH-Studium vorgenommen, entweder Marketing oder Wirtschaft. Aber mal abwarten. Wenn ich einen Svindal sehe, was der alles auf die Beine gestellt hat, denke ich mir, wie dumm bist du eigentlich, Hannes? Der macht Sachen (verschiedenste Start-ups, Modelinie, Immobilien etc.), echt faszinierend. Bislang war es so, dass sich vieles in meinem Leben gefügt hat, und darauf vertraue ich auch für die Zukunft.

Wenn wir noch in den Winter vorausblicken: Ihr­e erste Abfahrt könnte im November in Lake Louise anstehen, sofern der FIS-Kalender hält ...

Reichelt: Zumindest wäre dort das Social Distancing kein Problem. In den USA sieht’s derzeit weniger rosig aus, obwohl ich gerade auf Beaver Creek hoffe.

Ganz generell, wie wichtig sind für Sie Zuschauer?

Reichelt: Meine besten Rennen waren oft jene mit richtig vielen Fans. Kitzbühel, Wegen ... Ich mag das, ich brauche das, ich bin da schon um die Spur nervöser, kann aber vielleicht auch noch ein, zwei Prozent herauskitzeln.

Wie werden Sie Ihren nahende­n Vierziger (am 5. Jul­i) verbringen?

Reichelt: Zu Hause, in Radstadt, mit der Familie. Und es kann gut sein, dass ich mit den Kollegen einen Auflug starte, aber Corona-bedingt alles mit Maß.

Abschließend: Reha-Zeit, Corona-Zeit – was haben Sie für sich mitgenommen?

Reichelt: Der Bezug zu Nikla­s (Sohn, 14 Monate) ist ein ganz anderer geworden. Auch, als sich Larissa (Gattin) die Schulter gebrochen hat, da musste ich selbst in den Nächten ausrücken. Wir haben einfach als Familie viel Zeit miteinander verbracht. Das war wunderschön. Meine größte Sorge ist, dass diese Nähe zu Niklas verloren geht, wenn ich jetzt öfters weg bin.

Das Gespräch zeichnete Max Ischia auf


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