Briten stürmen trotz Corona die Strände: „Wir sind absolut entsetzt"

Der bislang heißeste Tag des Jahres in Großbritannien hat zu einem Ansturm auf die Strände im Land geführt. Vor allem in Bournemouth im Süden waren die Behörden entsetzt über das Verhalten vieler Gäste.

Als wäre nichts gewesen: Bei Sonne und hohen Temperaturen sind die Briten an die Küsten im Süden des Landes geströmt – wie hier am Strand von Bournemouth.
© GLYN KIRK

Bournemouth – Kein anderes Land in Europa hat wegen der Corona-Pandemie so viele Tote zu beklagen wie Großbritannien: Bislang starben laut der Johns-Hopkins-Universität mehr als 43.000 Menschen an den Folgen von Covid-19, allein am Donnerstag bestätigte die Gesundheitsbehörde erneut 149 Verstorbene innerhalb eines Tages.

Zehntausende Briten fuhren am Donnerstag, dem bislang heißesten Tag des Jahres, dennoch an die Küsten im Süden ihres Landes. In Bournemouth mussten die Einsatzkräfte deshalb laut der Nachrichtenagentur dpa sogar einen „ernsten Zwischenfall" auslösen, weil die Lage nicht mehr beherrschbar war. Das gibt den Einsatzkräften mehr Rechte und Abstimmungsmöglichkeiten.

Handtuch an Handtuch – einen Tag nachdem der Lockdown gelockert wurde. Teils geriet die Situation außer Kontrolle, sodass die Polizei eingreifen musste.
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Illegales Parken: So viele Bußgelder wie noch nie verhängt

Solche Menschenmengen habe es sonst nur an den Feiertagen gegeben, teilten Vertreter der Stadt mit. „Wir sind absolut entsetzt über die Szenen, die an unseren Stränden in den letzten 24 bis 48 Stunden zu sehen waren", sagte die Lokalpolitikerin Vikki Slade. „Das unverantwortliche Verhalten und Handeln so vieler Menschen ist einfach schockierend."

Einsatzkräfte klagten unter anderem über illegales Parken, Verkehrskollaps, Müllverschmutzungen, aggressives Verhalten der Strandbesucher und Alkoholmissbrauch bei hohen Temperaturen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters hielten sich auch in Parks viele Menschen nicht an den vorgeschriebenen Mindestabstand von zwei Metern.

📽 Video | Twitter-Videos zeigen Szenen in Bournemouth

Einige Autofahrer standen zwei Stunden im Stau, um nach Bournemouth zu gelangen. Sämtliche Parkplätze waren am Donnerstag um 9 Uhr morgens bereits voll, wie der Guardian berichtet. Innerhalb weniger Stunden seien mehr als 550 Bußgelder wegen Falschparkens verhängt worden - so viele wie nie zuvor. An den Strandpromenaden harrten die Menschen bis zu 30 Minuten in Warteschlangen an Eis- und Erfrischungsständen aus. Polizisten und Sicherheitskräfte mussten zudem eingreifen, als zwei Teenager-Gruppen aneinander gerieten.

Eine halbe Million Menschen an den Stränden Bournemouths

Der Donnerstag war der bisher heißeste Tag des Jahres in England. Am Nachmittag wurden über 33 Grad am Großflughafen London-Heathrow gemessen. Innerhalb Englands sind auch in der Corona-Krise Tagesausflüge erlaubt. Damit zieht es unter anderem Menschen aus der Millionen-Metropole London an die Küsten.

„Erinnere mich daran, warum bei uns die Schulen noch geschlossen sind", kommentierte eine Nutzerin auf Twitter das exzessive Strandtreiben. Luftbilder des Senders Skynews zeigten zumindest für die Küstenstadt Brighton ein disziplinierteres Bild.

Ein Abgeordneter der Stadt, Tobias Ellwood, sagte dem Guardian, eine halbe Million Menschen seien an die Strände gekommen. Die Situation sei so überwältigend, dass die britische Regierung eingreifen solle, um dem Rat bei der Bewältigung der Krise zu helfen. Er kritisierte: „Viele Menschen haben sich dafür entschieden, nicht nur verantwortungslos, sondern auch gefährlich zu handeln. Wir haben solche Fortschritte bei der Bekämpfung dieser Pandemie erzielt. Es wäre schrecklich, wenn Bournemouth der einzige Ort in Großbritannien wäre, der eine zweite Welle bekommt. "

Gesundheitsminister appelliert an Bürger

Gesundheitsminister Matt Hancock forderte auf Twitter seine Landsleute auf: „Wir alle wollen draußen sein und den herrlichen Sonnenschein genießen. Aber wenn Sie unterwegs sind, verhalten Sie sich sicher und halten Sie die Regeln zur sozialen Distanz ein."

In Bournemouth rief der lokale Polizeichef die Leute indes dazu auf, Reisen in die Region zu unterlassen. „Wir empfehlen den Menschen, zweimal nachzudenken, bevor sie in die Region fahren", sagte Sam de Reya. „Wir befinden uns immer noch in einem nationalen Gesundheitsnotstand und die große Menge an Menschen an einem Ort belasten die Kapazitäten der Notfalldienste noch weiter."

Wirbel um Luftbrücke für britische Urlauber

Gesundheitsexperten warnen derzeit eindringlich vor einer zweiten Corona-Infektionswelle in Großbritannien. Es bestehe ein "echtes Risiko", schrieben sie in einer Mahnbotschaft im British Medical Journal. Sie kritisierten damit die bisher umfangreichste Lockerung der Pandemie-Maßnahmen in England, die Premier Boris Johnson am Dienstag bekannt gegeben hatte. Demnach dürfen Pubs, Restaurants, Hotels, Museen, Galerien, Kinos, Bibliotheken, Friseursalons und Kirchen dürfen unter bestimmten Auflagen ab 4. Juli wieder in England öffnen. Gleichzeitig hatte Johnson angekündigt, die Abstandsregel von zwei Metern auf einen Meter zu verringern.

📽 Video | Sommerhitze in Europa: Ruhe in Paris, Chaos in Bournemouth

Für Wirbel sorgten in London Medienberichte, wonach die britische Regierung schon ab dem 4. Juli sogenannte Luftbrücken für Flugreisen in Urlaubsländer mit geringem Corona-Ansteckungsrisiko anbieten wolle. Damit soll die 14-tägige Quarantäne für die Fluggäste bei Wiedereinreise nach Großbritannien umgangen werden. Der Schritt würde nicht nur britischen Sommerurlaubern zugutekommen, sondern auch den unter der Corona-Krise schwer leidenden Fluggesellschaften. Eine Regierungssprecherin bezeichnete die Berichte als „reine Spekulation".

Mit der Quarantänepflicht will die Regierung verhindern, dass es in Großbritannien eine zweite Welle an Coronavirus-Infektionen durch eingeschleppte Fälle gibt. Doch Kritiker bezweifeln, ob sie dazu geeignet ist. Sie weisen auch darauf hin, dass es eher die Briten sein könnten, die das Virus in andere Länder einschleppen. Denn Großbritannien ist das am schwersten von der Pandemie betroffene Land in Europa. Der Regierung von Premierminister Boris Johnson wird vorgeworfen, zu spät und falsch auf die Corona-Krise reagiert zu haben. Angesichts der Bilder aus den britischen Seebädern ist es außerdem alles andere als sicher, dass britische Urlauber in allen Ländern der EU mit offenen Armen empfangen werden. (APA, dpa, AFP, TT.com)


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