Autorin Marlene Streeruwitz wird 70: Onlineroman zur Coronakrise

Streeruwitz kämpft seit jeher für die Rechte der Frauen. In der Coronakrise ist sie selbst in Bedrängnis geraten – jedenfalls wirtschaftlich. Das Schreiben ist für Marlene Streeruwitz nun mehr Halt denn je.

Schriftstellerin Marlene Streeruwitz wird 70 Jahre alt.
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Wien – Betty hat Angst. Sie denkt an die Lesung Mitte März im vollen Saal einer Bibliothek in Bozen in Südtirol. Im Nachhinein gesehen ein gefährlicher Ort. „Oder war es der Atem von diesem Mann in der Bäckerei?“ Ist sie schon mit dem Coronavirus infiziert? Betty Andover ist die Heldin und zugleich immer wieder das Alter Ego der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. In inzwischen mehr als 30 Episoden erzählt Streeruwitz auf ihrer Website unter dem Titel „So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman“ fortlaufend von der unvergleichlichen Krise, sinniert über die Innen- und Außenwelt zuzeiten des Lockdowns und danach. Das Projekt habe ihr Halt gegeben, sagt Streeruwitz im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Der Roman hat mir das Überleben sehr erleichtert.“ Zu ihrem 70. Geburtstag (27. Juni) ist sie in einer tiefen wirtschaftlichen Krise.

„Ich stehe vor dem Nichts“, sagt die in Österreich wegen ihrer feministischen Überzeugungen nicht nur geliebte Autorin, ohne geknickt zu wirken. Eine Preisverleihung, eine Lesereise mit 16 Stationen in Deutschland, die Teilnahme an zwei Uni-Symposien, TV-Auftritte und Interviews – alles sei wegen der Coronakrise geplatzt, so die Autorin. Viele Einnahmen seien weggebrochen. Damit spricht Streeruwitz zugleich über das Schicksal vieler Künstler, die ohne Auftritte in ärgste Existenznöte geraten sind. In Österreich fühlten sich viele Kulturschaffende von der Regierung aus konservativer ÖVP und Grünen unverstanden, unbeachtet und hielten sie - wie Herbert Föttinger als Chef des Wiener Theaters in der Josefstadt - zeitweise für eine „Zumutung“.

Offene Kritik an Kanzler Kurz

„Ich erwarte nicht, dass die Koalition die Kultur retten wird, es geht ihnen um die Großkonzerne“, ist Streeruwitz generell skeptisch über die künftige Vielfalt der Branche. „Dass die Salzburger Festspiele stattfinden, ist noch keine Kultur.“ Die Regierung kann für sich allerdings ins Feld führen, dass sie vergleichsweise früh den Rahmen für ein Hochfahren der Kultur konkret abgesteckt hat.

Die in Baden bei Wien geborene Schriftstellerin hat sich zeitlebens für die Rechte von Frauen eingesetzt.
© APA/GEORG HOCHMUTH

Besonders stört sich Streeruwitz – im Werk wie im Leben – an jeder Form von paternalistischem Gehabe. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kommt in der Krise bei ihr wenig vorteilhaft weg. Sie findet die Art des Auftretens des 33-jährigen Kanzlers und seiner politischen Mitstreiter schwierig. „Die Angstpredigten der Regierung waren nicht nötig.“ Die Österreicher hätten ohnehin „vernünftig, erwachsen und selbstbestimmt“ auf die Anforderungen reagiert. Auch die Unterstellung, die Österreicher hätten sich übertrieben gehorsam gezeigt, lehnt sie ab. „Das ist entwertend.“

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Kritik und Unbehagen im Überfluss

Die Karriere der in Baden bei Wien geborenen Künstlerin begann Mitte der 1980er Jahre mit Hörspielen und ersten Texten. Das Feuilleton lobte sie als „Hoffnungsträgerin des deutschen Theaters“. „Waikiki-Beach“ (1992) oder „New York, New York“ (1993) – mit einem Männerpissoir aus der Kaiserzeit als Ort der Handlung – schafften es auf viele Bühnen. Mit „Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre.“ gelang der alleinerziehenden Mutter zweier Töchter 1996 erfolgreich der Durchbruch als Roman-Autorin. Ihre Heldinnen laufen und rennen gegen den Strom, so wie Jessica in „Jessica, 30.“ (2004). 2019 erschien der um einen Korruptionsjäger und eine Sprachlehrerin kreisende Roman „Flammenwand“, der auch ein kritisches Protokoll der 18 Monate regierenden rechtskonservativen Koalition von ÖVP und FPÖ ist.

Streeruwitz im Rahmen der Aktion Initiative Radio "Der letzte Schrei. Radiomeer vor dem Funkhaus: Schalt Dich ein".
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Streeruwitz findet derzeit Gründe für Kritik und Unbehagen im Überfluss. „Das Homeoffice wird die Einfallsschneise für die größten Arbeitsplatz-Bereinigungen werden“, schwant ihr. „Wird die selbstausbeuterische Situation der Künstler zum Leitbild für ungerechte Entlohnung?“ befürchtet sie Sozial-Dumping. Der Hygienestaat werde exekutiert über die Polizei, ist ihr die Stimmung nicht geheuer. Dabei vermisst sie so sehr das Leichte. „Es gibt keine heitere Größe, nicht irgendeine Form glücklicher Fröhlichkeit.“

In einer Episode schickt sie Betty folgerichtig in den Umarmungskurs, inspiriert von einer Zeitung. „In der New York Times waren Zeichnungen gewesen, wie es möglich wäre, einander zu umarmen ohne den Virus zu übertragen. Sie sollte das befolgen. Zur Umarmung als Begrüßung zurückkehren. Die anderen Personen erschnuppern. Gesicht von Gesicht abgewandt, aber einander in den Armen liegend.“ (dpa)


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