Internet und Handy-Apps können Wirksamkeit von Psychotherapie verbessern

Eine Studie der Universität Salzburg hat gezeigt, dass digitale Programme in Kombination mit Psychotherapie einen ähnlichen Zusatznutzen wie die Kombination von Psychotherapie und Psychopharmaka bringen.

Rund 400.000 Österreicher leiden unter einer Depression, das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung.
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Salzburg – Internet und Handy-Apps können bei der Behandlung von Depressionen erfolgreiche "Therapeuten" sein: Eine Studie der Universität Salzburg hat nun gezeigt, dass digitale Programme die Wirksamkeit von Psychotherapie nicht nur unmittelbar, sondern auch längerfristig verbessern können. Sie bringen einen ähnlichen Zusatznutzen wie die Kombination von Psychotherapie und Psychopharmaka.

Es ist die gegenwärtig international größte Studie zu diesem Thema. Deutsche und Schweizer Wissenschafter hatten bei 1000 Patientinnen und Patienten mit leicht bis mittelschweren Depressionen eine Untersuchung über die Wirksamkeit eines Internet-Programms (https://de.deprexis.com) untersucht. Ein Drittel davon – konkret 340 – nahm zusätzlich Psychotherapie in Anspruch, und diese Gruppe nahm sich der Salzburger Psychologe Raphael Schuster unter die Lupe.

"Das Programm kann man sich wie ein digitales Selbsthilfebuch vorstellen, eine Art Selbsthilfe 2.0", sagte der Studienautor im Gespräch mit der APA. Es ist sowohl am PC als auch an mobilen Endgeräten anwendbar. Es führt einen virtuellen Dialog und wird damit quasi zum digitalen "Begleiter" durch den Alltag, der überall und jederzeit zur Verfügung steht. Verschiedene Online-Module können beliebig oft durchgearbeitet werden und decken auch Themen wie Entspannung, körperliche Aktivität oder soziale Kompetenz ab.

Effektivität von Face-to-face-Psychotherapien wird erhöht

Dass derartige Programm, die im Fachjargon als Internet-Interventionen bezeichnet werden, mit kurzer therapeutischer Begleitung eine gute Wirkung zeigen, war bereits davor bekannt. Offen war aber bisher die Frage, ob derartige Tools die Effektivität von Face-to-face-Psychotherapien erhöhen können. Und genau das hat sich nun gezeigt: Die Zahl der voll gesundeten Patienten nahm bei der kombinierten Therapie (Psychotherapie plus Internet-Intervention) um zwölf Prozent zu, gleichzeitig sank die Rate der ungünstigen Verläufe von 15 auf zehn Prozent.

Damit kann der Erfolg mit jenem aus der Kombination von Psychotherapie und Psychopharmaka verglichen werden. "Dennoch sind die beiden Kombinationseffekte aber nicht unbedingt dieselben", so Schuster. Er will deshalb nun in weiteren Studien untersuchen, ob eine Dreifach-Verknüpfung aus Psychotherapie, Internetprogramm und Medikamenten noch bessere Ergebnisse bringt.

Die positiven Wirkungen der Kombi-Therapie waren weitgehend unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand der teilnehmenden Personen, und die Effekte blieben auch im sogenannten Follow-up Zeitraum von sechs Monaten stabil, betonte Schuster. "Die Langzeiteffekte sind besonders wichtig, denn nur sie geben Auskunft darüber, ob etwaige Verbesserungen auch nachhaltig bestehen." Überraschend war für die Studienautoren auch das große Interesse älterer Menschen an Internet-Interventionen. "Entgegen der Annahme, dass solche Programme eher für junge Menschen oder für leicht depressive Patienten geeignet sind, haben wir gesehen, dass sich vor allem ältere Betroffene und jene mit stärkeren Symptomen sehr ausgiebig mit der Internet-Behandlung auseinandergesetzt haben."

Verbesserung des Selbstmanagements spielt wichtige Rolle

Und worauf könne man zurückführen, dass die Kombinationstherapie einer ausschließlichen Psychotherapie überlegen ist? Nach Meinung der Studienautoren spielt dafür die Verbesserung des krankheitsbezogenen Selbstmanagements eine wichtige Rolle. "Das haben wir hier nicht konkret untersucht, aber in einer weiteren Studie haben wir die nötigen Variablen erhoben und konnten zeigen, dass verbesserte Handlungskompetenzen sowie Veränderungen von dysfunktionalen Denkmustern zum Erfolg beitrugen. Das sind jene Faktoren, die wir bereits aus der persönlichen Therapie kennen."

Rund 400.000 Österreicher leiden unter einer Depression, das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Bis zum Jahr 2030 wird Depression laut WHO die weltweit häufigste Ursache für Beeinträchtigungen und Behinderungen sein. Im Gegensatz zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen tritt die psychische Störung oft schon im frühen Erwachsenenalter auf und kann daher im Fall einer Nicht- oder Fehlbehandlung sehr viel mehr und längere negative Konsequenzen nach sich ziehen. (APA)

Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizidgedanken betroffen sind, finden Sie hier Hilfe:

Die Telefonseelsorge ist unter 142 kostenfrei rund um die Uhr jeden Tag erreichbar. Die Beratung ist vertraulich. Mail- und Chatberatung: www.onlineberatung-telefonseelsorge.at

Rat auf Draht: kostenloser Notruf für Kinder und Jugendliche, Tel. 147 (ohne Vorwahl) rund um die Uhr, https://www.rataufdraht.at/

Pro mente: https://promente-tirol.at/de/

Psychiatrische Ambulanz der Innsbrucker Klinik: Tel. +43 (0)50 504 23648

Notaufnahme des MZA, Anichstraße 35, Innsbruck: Tel. +43 (0)50 427 057

Psychosozialer Dienst in Hall in Tirol: www.psptirol.org, Tel. +43 (0)52 2354 9 11

Kriseninterventionsdienst des Roten Kreuzes: Notruf 144


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