Verkehrsanbieter können Corona-Abstandsregeln nicht alleine stemmen

Experten sind sich einig: Die Corona-Krise und damit verbundene Abstandsregeln sind für das öffentliche Verkehrssystem extrem herausfordernd. Bei der Einhaltung der Regeln müssten Kunden, Unternehmen und Wissenschafter aktiv mithelfen.

Fahrgäste in der Wiener U-Bahn (Symbolfoto).
© HANS PUNZ

Wien – Die mit der Corona-Krise einhergehenden Abstandsregeln stellen für das öffentliche Verkehrssystem eine Herausforderung dar. Verkehrsanbieter könnten jedoch nicht alleine für deren Einhaltung Sorge tragen, waren sich Verkehrsexperten bei einem Dialogforum der Gesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (GSV) am Mittwoch einig. Kunden, Unternehmen und Wissenschafter müssten aktiv mithelfen.

"Uns war klar, wir können nicht alles reglementieren. Als Verkehrsunternehmen können wir Hinweise geben und möglichst versuchen, Engstellen zu bereinigen", sagte Werner Baltram, Bereichsleiter für Strategische Planung bei den ÖBB. So habe man einige Bereiche, wo es zu eng geworden ist, gesperrt. Ohne eine Portion Eigenverantwortung der Kunden und Kooperation von Schulen und Unternehmen sei es jedoch nicht möglich, die Einhaltung der Abstände zu gewährleisten, meinte Baltram. So könnten Schulen unterschiedliche Beginnzeiten festlegen oder Unternehmen die Homeoffice-Tage ihrer Mitarbeiter regelmäßig rotieren, um Stoßzeiten in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu entspannen.

ÖBB plant längere Züge und breitere Einstiege

Bei den ÖBB sollen Züge länger und deren Einstiege breiter werden, damit sich Bahnnutzer nicht zu nahe kommen, gab der ÖBB-Bereichsleiter Einblick in die Planung des Unternehmens. Zudem wären unter anderem Bahnsteigverlängerungen oder Markierungen für die Einstiege angedacht, um für Abstand und Komfort zu sorgen. Markus Ossberger, Abteilungsleiter für Bau- und Anlagenmanagement bei den Wiener Linien, verwies auf die Automatisierung des Betriebs als wichtigen Schritt für die Steuerung von Fahrgastflüssen: "Heute wird kaum mehr eine U-Bahn errichtet, die nicht automatisch fährt. Das hat maßgeblich damit zu tun, dass dadurch höhere Fahrplanstabilität und schnelleres Reagieren ermöglicht werden." So könnten etwa Zusatzzügen bei erhöhtem Fahrgastaufkommen eingeschoben werden, ohne zuvor Personal mobilisieren zu müssen.

Für Abstand können auch Erkenntnisse der Forschung sorgen. "Mit Simulationen lässt sich sehen, wie sich Menschen bei Verkehrsknotenpunkten bewegen. Es kann analysiert werden, wo sich Hauptpfade kreuzen oder wo Verdichtungen bestehen", erklärte Stefan Seer, Wissenschafter am Austrian Institute of Technology (AIT). Mit diesem Wissen ausgestattet ließen sich bauliche Veränderungen durchführen, die das Gedränge auflösen.

Auf der Verkehrsanbieterseite sind der Steuerung von Menschenströmen jedoch Grenzen gesetzt. "Im Netz der Wiener Linien ist eine zwei- bis zweieinhalbminütige Taktung langfristig als Ausbauziel vorgesehen. Technisch würden sogar 72 Sekunden möglich sein, aber um Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten, sind zwei Minuten besser", sagte Ossberger.

Die Nachfrageseite habe hingegen noch viel Potenzial für Eingriffe, erklärte Seer. Es wäre laut dem Wissenschafter auch in Hinblick auf die Klimakrise sinnvoll, Mobilitätstypen und deren Potenzial für Verhaltensänderungen zu identifizieren und sich zu fragen, wie man sie am besten adressieren könne. "Entweder müssen Wege reduziert oder diese nachhaltiger zurückgelegt werden", sagte Seer. Werde der öffentliche Verkehr ausgebaut, dann müsse noch mehr Augenmerk auf Staupunkte gelegt werden, um effizienten und komfortablen Verkehr gewährleisten zu können. (APA)


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