Zwei Jahre nach Einsturz mit 43 Toten: Genua weihte seine neue Brücke ein

Knapp zwei Jahre nach der tödlichen Brücken-Katastrophe von Genua hat Italiens Staatsspitze den fertigen Neubau offiziell eröffnet. Politiker würdigten das Bauwerk als Signal für den Aufbruch des Landes, das von der Corona-Krise schwer gezeichnet ist. Der normale Verkehr soll ab Mitte der Woche rollen.

Regen und Sonnenschein wechselten sich kurz vor Beginn der Feier ab. Außerdem war zeitweise ein Regenbogen am grauen Himmel zu sehen.
© LUCA ZENNARO

Genua – Mit einer Schweigeminute zu Ehren der 43 Todesopfer, die am 14. August 2018 beim Einsturz der Morandi-Brücke ihr Leben verloren haben, hat am Montag die Einweihung des neuen Autobahnviadukts in Genua begonnen. Eröffnet wurde die Zeremonie für das neue Autobahnviadukt „Genova San Giorgio" vom Bürgermeister von Genua, Marco Bucci. „Heute ist ein schöner Tag für unsere Stadt", sagte Bucci.

An der Zeremonie beteiligten sich Staatschef Sergio Mattarella, Premierminister Giuseppe Conte und mehrere Regierungsmitglieder. Zu Beginn der Zeremonie wurden die Namen der 43 Todesopfer der Morandi-Brücke verlesen.

📽️ Video | Symbol des Neustarts für Italien: das neue Viadukt in Genua

„Wir haben es geschafft. Heute ist ein schöner Tag für Genua. Wir sind den Familien der 43 Todesopfer nahe. Eine Tragödie wie jene der Morandi-Brücke darf nie wieder passieren. Genua wird diese Tragödie nicht vergessen. Zugleich schenken wir Genua jetzt eine neue Brücke, damit diese Hafenstadt wieder wachsen und wettbewerbsfähig sein kann", sagte der Bürgermeister, der als Regierungskommissar die Arbeiten für die Errichtung der neuen Brücke koordiniert hat.

Der Bau auf 18 hohen Pfeilern war vom Stararchitekten Renzo Piano (82) entworfen worden. Die Bauarbeiten gingen auch während der Sperren in der Corona-Pandemie voll weiter. Der normale Verkehr soll ab Mitte der Woche rollen.
© MIGUEL MEDINA

„Das wieder vereinen, was gebrochen wurde"

„Genua startet aufs Neue mit der Kraft seiner Arbeit. Die Stadt hat bewiesen, dass sie Schwierigkeiten überwinden und mit Mut in die Zukunft blicken kann", sagte Premier Giuseppe Conte. Er dankte dem Stararchitekten Renzo Piano, der der Stadt das Projekt des Autobahnviadukts geschenkt hat. Die Brücke liege wie ein weißes Schiff zwischen den Hügeln Genuas und verbinde verschiedene Teile der von der Tragödie der Morandi-Brücke verletzten Stadt.

Die Italian Air Force drapierte den Himmel über der neuen Brücke in den Farben der italienischen Flagge.
© Solaro/Medina

Laut Premier Conte vermittle der Bau auf 18 hohen Pfeilern ein Gefühl von „Kraft und Leichtigkeit". Sie sei das Resultat von „Kreativität und Kompetenz". „Diese Brücke entsteht aus dem festen Willen, das wieder zu vereinen, was gebrochen wurde", so Conte.

📽️ Video | ORF-Korresondentin Katharina Wagner aus Genua

Der Bau der neuen Brücke in Genua hat etwas mehr als 12 Monate gedauert – wie konnte das in dieser Rekordzeit gelingen?

„Heute ist für uns alle ein bewegender Tag. Diese neue Brücke entsteht aus einer Tragödie, die man nicht vergessen kann, man kann sie nur verarbeiten", sagte der 82-jährige Architekt Piano, ein Sohn Genuas. Er lobte die Energie der über 1000 Arbeitnehmer, die an der Baustelle mitgewirkt und die Brücke in knapp mehr als einem Jahr errichtet haben. „Eine Brücke zu bauen ist wunderbar, es ist eine Friedensgeste. Ich hoffe, dass diese Brücke von den Menschen geliebt und adoptiert wird und somit zum Teil ihres Lebens wird. Diese Brücke ist stark und einfach wie diese Stadt. Lang lebe die Brücke San Giorgio!", sagte Piano.

Diese Bilder zeigen den Zustand der Brücke am 8. Februar 2019 und dem 28. April 2020.
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Ermittlungen zur Schuldfrage laufen noch

Die Limousine von Staatschef Mattarella fuhr als erstes Fahrzeug über die Brücke, die ab dem kommenden Mittwoch dem Autoverkehr offen stehen wird. Die Einweihung der Brücke wurde von den Sirenen der Schiffe im Hafen begrüßt. Die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori" zeichnete am Himmel die weiss-rote Flagge Genuas, sowie den italienischen „Tricolore", die italienische Fahne.

Ingenieure, Fachkräfte und Arbeiter waren rund um die Uhr tätig, um die Brücke trotz der Ausgangssperre wegen der Coronavirus-Epidemie im März und April fertig zu bauen. Finanziert wurde das 202 Millionen Euro teure Projekt vom Autobahnbetreiber „Autostrade per l'Italia", dessen ungenügende Wartung Hauptgrund für den Einsturz war.

Die Brücken-Katastrophe von Genua

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Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua brach auf einer Länge von mehr als 200 Metern ein.

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35 Autos und drei Lastwagen stürzten in den Fluss Polvecevera und wurden teils unter herabfallenden Betontrümmern begraben.

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„Wir hoffen, dass auch nach diesem Tag das Andenken an die Opfer nicht vergessen wird“, hatte Egle Possetti vom Angehörigen-Komitee im Fernsehsender Sky TG24 gesagt. „Es muss einen Prozess geben.“ Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen der Schuld am Brückeneinsturz und möglicher Wartungsmängel laufen noch. Viele Opferangehörige hatten angekündigt, nicht am Festakt teilnehmen zu wollen.

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua brach auf einer Länge von mehr als 200 Metern ein. 35 Autos und drei Lastwagen stürzten in den Fluss Polvecevera und wurden teils unter herabfallenden Betontrümmern begraben. Die 1967 fertiggestellte Brücke überspannte Dutzende Bahngleise sowie ein Gewerbegebiet mit Gebäuden und Fabriken. Zum Unglückszeitpunkt wurden Wartungsarbeiten an der Brücke vorgenommen, überdies gab es ein heftiges Unwetter. (APA)


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