Libanesen bitten Macron um Hilfe, Forderungen nach internationaler Ermittlung

Nach der gewaltigen Explosion werden immer noch Dutzende Menschen vermisst. Eine Untersuchungskommission der Regierung soll innerhalb von fünf Tagen einen ersten Bericht vorlegen. Frankreichs Präsident Macron wurde bei seinem Besuch um Hilfe für einen Regierungswechsel gebeten.

Frankreich ist als ehemalige Protektorats-Macht ein wichtiger Bezugspunkt für große Teile der libanesischen Bevölkerung. Präsident Macron besuchte Beirut nach der Katastrophe.
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Beirut – Nach der verheerenden Explosion in Beirut mit mehr als 130 Toten und Tausenden Verletzten geht die Suche nach der Ursache der Detonation weiter. Eine Untersuchungskommission habe "maximal vier Tage Zeit, einen detaillierten Bericht über die Verantwortlichkeiten vorzulegen", sagte der libanesische Außenminister Charbel Wehbe. Die Ursache der Detonation ist noch unklar. Sie steht möglicherweise in Verbindung mit großen Mengen Ammoniumnitrat, die jahrelang im Hafen ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden sein sollen.

Menschen fordern Macrons Unterstützung

Eine aufgebrachte Menschenmenge forderte am Donnerstag beim Besuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dessen Unterstützung zum Sturz der libanesischen Regierung. "Helfen Sie uns!" und "Revolution!", skandierten die Menschen bei Macrons Visite im christlichen Stadtviertel Gemmayze. Viele riefen auch: "Das Volk will den Sturz des Regimes!" Viele Libanesen machen Inkompetenz und Korruption seitens der Regierung und der Behörden für die Katastrophe verantwortlich.

Macron im zerstörten Hafen von Beirut.
© THIBAULT CAMUS

Macron forderte die libanesische Regierung zu Reformen, zum Kampf gegen Korruption und insgesamt zu einem "Systemwechsel" auf. Zugleich warb er um internationale Hilfe für das Land.

Wir wissen, dass die Krise hier auch über die Explosion hinaus ernst ist.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Macron wurde bei seiner Ankunft am internationalen Flughafen von Beirut von seinem libanesischen Amtskollegen Michel Aoun in Empfang genommen und sicherte zunächst weitere Hilfe zu. Aber er sei auch hier, "um eine neue politische Initiative zu starten", sagte er weiter. Er forderte "unumgängliche Reformen", andernfalls werde sich der Niedergang des Landes weiter fortsetzen. "Wir wissen, dass die Krise hier auch über die Explosion hinaus ernst ist", fügte Macron hinzu. Und dafür seien auch die derzeitigen Regierenden mitverantwortlich. Er wolle einen "neuen Pakt" für das politische Libanon vorschlagen, sagte er später in Beirut mit Blick auf seine geplanten Gespräche mit Regierungsvertretern.

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Macron kündigte am Abend vor Journalsiten eine baldige internationale Hilfskonferenz an. Die Hilfe an Ort und Stelle solle von den Vereinten Nationen (UN) und der Weltbank koordiniert werden, sagte er. So solle sichergestellt werden, dass die Hilfe direkt die Bevölkerung erreiche. Es seien etwa 50 französische Staatsbürger von der Katastrophe betroffen, sagte Macron. Er ging dabei aber nicht auf Details ein. Der Präsident bekräftigte seine frühere Aussage, wonach er am 1. September in den Libanon zurückkehren wolle.

Frankreich ist als ehemalige Protektorats-Macht ein wichtiger Bezugspunkt für große Teile der libanesischen Bevölkerung. Besonders nach Beginn des Bürgerkriegs 1975 wanderten zudem viele Libanesen nach Frankreich aus. Macron war der erste ausländische Staatschef, der das Land nach den verheerenden Explosionen von Beirut besuchte.

Eine Libanesin in den Trümmern ihrer Wohnung im Stadtteil Gemmayze.
© PATRICK BAZ

Forderungen nach internationaler Ermittlung

Unterdessen mehren sich im Libanon die Rufe nach einer internationalen Untersuchung der Katastrophe. Der führende drusische Politiker Walid Dschumblat schloss sich am Donnerstag entsprechenden Forderungen des früheren Regierungschefs Saad Hariri an. "Wir verlangen einen internationalen Ermittlungsausschuss, weil wir überhaupt kein Vertrauen in die herrschende Clique haben", erklärte Dschumblat nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur NNA. Am Vortag hatten bereits Hariri und drei andere frühere libanesische Ministerpräsidenten gefordert, die UN oder die Arabische Liga müssten einen Ermittlungsausschuss aus unabhängigen Experten bilden.

Libanons Innenminister Mohammed Fahmi hatte am Mittwoch erklärt, er glaube nicht, dass internationale Experten notwendig seien. Die libanesischen Fachleute hätten die nötige Kompetenz für Ermittlungen.

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Internationale Hilfseinsätze

Indes lief die Hilfe vieler Länder und internationaler Organisationen weiter an. Die Weltgesundheitsorganisation brachte 20 Tonnen Hilfsgüter ins Land, um Hunderte Menschen mit Brand- und anderen Verletzungen zu versorgen. Die EU sagte Nothilfe in Höhe von mehr als 33 Millionen Euro zu, um etwa medizinische Ausrüstung zu finanzieren. Auch Israel, mit dem der Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, will bei der Versorgung von Opfern helfen.

Rettungshelfer suchten weiter nach Überlebenden. Im Einsatz waren Armeesoldaten, Mitarbeiter des Roten Kreuzes und Freiwillige. Noch immer werden dem Roten Kreuz zufolge rund 100 Menschen vermisst. "Ich warte hier, ich bewege mich nicht weg", rief eine Frau in Nähe des abgesperrten Hafens. "Mein Bruder arbeitete im Hafen und ich habe von ihm nichts gehört, seitdem es die Explosion gab.

Frankreich schickte unter anderem tonnenweise medizinische Ausstattung in den Libanon.
© BERTRAND GUAY

Bundesheer-Offizier im Koordinationsstab

Gernot Hirschmugl, Offizier des österreichischen Bundesheeres und erfahrener Experte für internationale Katastrophenhilfseinsätze, ist Teil eines zwölfköpfigen Koordinierungsstab der UNO im Krisengebiet. Dafür wird er laut einer Aussendung des Bundesheeres noch am Donnerstag nach Beirut fliegen.

Der Koordinierungsstab der UNO soll libanesische Autoritäten sowie nationale und internationale Hilfsorganisationen bei der Krisenbewältigung aufeinander abzustimmen. "Ziel der multinationalen Koordinierungsstelle ist es, durch humanitäres Krisen- und Katastrophenmanagement die unterschiedlichsten Hilfsorganisationen bestmöglich zu koordinieren, um möglichst effizient und rasch helfen zu können. Es soll in dem Katastrophengebiet zu keinen Duplizierungen oder gegenseitiger Behinderung kommen. Hirschmugl, einziger Österreicher in diesem UN-Stab, wird voraussichtlich drei Wochen im Einsatz stehen", hieß es in der Aussendung.

Der frühere Besitzer des Frachtschiffs "Rhosus" wies jegliche Verantwortung zurück. Die libanesischen Behörden hätten der Besatzung 2013 die Weiterfahrt untersagt, die Ladung als gefährlich eingestuft und beschlagnahmt, sagte der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin der Zeitung "Iswestija". Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten. Zudem hätten die Behörden Bedenken beim Transport des Stoffes gehabt, sagte er. Er sei nach einer Strafzahlung bankrottgegangen und wisse nicht, wer anschließend für die "Rhosus" verantwortlich gewesen sei.

Der Hafen der Stadt liegt in Schutt und Asche.
© AFP

Keine Österreicher betroffen

Bei der verheerenden Explosion dürften weiterhin keine Österreicher unter den Opfern sein. Jedenfalls sind beim österreichischen Außenministerium bisher keine Hinweise darauf eingegangen, wie es gegenüber der APA am Donnerstag hieß. (APA/AFP)


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