Tränengas und Gummigeschosse: Die Gewalt kehrt zurück nach Beirut

Das Angebot von Regierungschef Diab, seinem Kabinett am Montag Neuwahlen vorzuschlagen, konnte die Beiruter nicht besänftigen. Frankreich und die UNO richten eine internationale Geberkonferenz aus

Im Internet kursierten Aufrufe zu weiteren Massenprotesten am Sonntagnachmittag.
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Beirut — Tränengaswolken, die durch die Innenstadt ziehen. Aufgebrachte Demonstranten vor Regierungsgebäuden und vermummte Protestierer, die Steine werfen. Ihnen gegenüber Sicherheitskräfte, die mit Gummigeschossen schießen und schließlich Soldaten, die in gepanzerten Fahrzeugen anrücken.

Nach der Explosion in Beirut mit mehr als 150 Toten und 6.000 Verletzten entlädt sich die Wut der Menschen gegen die libanesische Regierung auf offener Straße. Tausende protestieren am Wochenende im Stadtzentrum zunächst friedlich, dann schlägt die Stimmung in Gewalt um.

Wahlen angekündigt

Auf den öffentlichen Druck reagierte Regierungschef Hassan Diab am Samstag mit dem Vorschlag, die eigentlich für 2022 geplante Wahl vorzuziehen. Ein entsprechendes Gesetz will er seinem Kabinett in einer Sitzung am Montag vorlegen. Aber viele Libanesen zweifeln, ob das Land damit wirklich zu einem Neuanfang finden kann. Bisherige Wahlen brachten kaum Veränderungen in dem konfessionell gespaltenen Land. Am Sonntag wurde sogar über einen möglichen Rücktritt der Regierung spekuliert. Informationsministerin Manal Abdel Samad legte ihr Amt nieder und sagte, ein Wandel sei jetzt "außer Reichweite".

Für viele Libanesen scheint allerdings ein Punkt erreicht, an dem sie nichts mehr zu verlieren haben. Wirtschaftlich ist das kleine Mittelmeerland längst am Boden, der Libanon gehört zu den am stärksten verschuldeten Ländern weltweit und ist vom Staatsbankrott bedroht. Nach extremen Preissteigerungen für Lebensmittel bauen einige ihr Gemüse auf Dächern und Balkonen inzwischen selbst an. Stromausfälle gehören zum Alltag. Und nun sind nach der Detonation vom Dienstag bis zu 300.000 Menschen obdachlos - zwölf Prozent der schätzungsweise 2,4 Millionen Einwohner. Viele Häuser sind zerstört oder schwer beschädigt.

"Wir haben vor nichts mehr Angst

"Nachdem eine ganze Stadt dahingerafft wurde, haben wir vor nichts mehr Angst", sagt eine Demonstrantin dem britischen Radiosender BBC. "Unsere eigene Regierung hat uns getötet, hat uns sterben lassen, hat uns unter Trümmern begraben", sagt sie. Viele Libanesen sehen die Regierung in der direkten Verantwortung für die Katastrophe - eine Elite, die das Volk ihrer Ansicht nach jahrelang mit korrupten Mitteln und wegen einer engen Verflechtung von Politik und Banken ausgeplündert und ihr nun den letzten Stoß verpasst hat. "Das hat meine Regierung getan", ist auf eine Mauer gesprüht. Dahinter liegt der in großen Teilen zerstörte Hafen der libanesischen Hauptstadt.

📽| Video: Sophie Roupetz (ORF) über die Demonstrationen

Seit Jahren in einer schweren Wirtschafts- und Währungskrise

Viele Libanesen, die der politischen Elite schon seit langem Korruption und Unfähigkeit vorwerfen, machen die Regierung für die verheerenden Explosionen am Dienstag verantwortlich. Nach Regierungsangaben waren dabei 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert, die jahrelang ungesichert in einer Halle im Hafen lagerten.

Die insgesamt zwei Explosionen, die einen 43 Meter tiefen Krater in den Boden rissen, richteten in der Hauptstadt schwere Zerstörungen an. Mindestens 158 Menschen wurden Behördenangaben zufolge getötet, 21 weitere wurden noch vermisst. Mehr als 6000 Menschen wurden verletzt und Hunderttausende obdachlos. Auslöser war vermutlich ein Feuer in dem Lager. 21 mutmaßlich Verantwortliche, vor allem Hafen-Mitarbeiter, wurden festgenommen.

Der Libanon steckt schon seit Jahren in einer schweren Wirtschafts- und Währungskrise, die durch die Corona-Pandemie noch verschärft wurde. Nach den verheerenden Explosionen wirkten Behörden und Regierung komplett überfordert, die Aufräumarbeiten und Hilfen für Opfer übernahmen die Beiruter meist in Eigeninitiative.

"Wir können es nicht mehr ertragen"

Das Angebot von Regierungschef Diab, seinem Kabinett am Montag Neuwahlen vorzuschlagen, konnte die Beiruter nicht besänftigen. Sie wollen, dass die gesamte politische Elite abtritt, der sie vorwerfen, eher am konfessionellen Proporz und ihren persönlichen Vorteilen interessiert zu sein als an der Lösung der Krise im Land.

"Wir können es nicht mehr ertragen. Wir werden als Geiseln gehalten, wir können das Land nicht verlassen, wir können unser Geld nicht von den Banken abheben. Die Menschen hungern, es gibt mehr als zwei Millionen Arbeitslose", beklagte am Samstag die Demonstrantin Médéa Azoury. "Und jetzt ist Beirut durch Fahrlässigkeit und Korruption vollständig zerstört worden."

Im Internet kursierten Aufrufe zu weiteren Massenprotesten am Sonntagnachmittag. "Bereitet die Galgen vor, denn unsere Wut endet nicht nach einem Tag", hieß es in einer Botschaft.

Geberkonferenz

Zum Auftakt einer Geberkonferenz hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach den gewaltigen Explosionen in der libanesischen Hauptstadt Beirut rasche Hilfen für das Land angemahnt.

"Wir müssen schnell und effizient handeln, damit diese Hilfe direkt dort ankommt, wo sie benötigt wird. Die Zukunft des Libanon steht auf dem Spiel."

sagte Macron am Sonntag in der Eröffnungsrede zu einer Videokonferenz, die er gemeinsam mit der UNO ausrichtet. Man müsse eine internationale Antwort unter Koordination der Vereinten Nationen finden und dem libanesischen Volk zu Seite stehen. Finanzielle Zusagen dürfte nur der Anfang sein.

Frankreich richtete bereits Seebrücke ein

Frankreich, dem Libanon als frühere Mandatsmacht noch eng verbunden, hat mit den Vereinten Nationen innerhalb weniger Tage eine Geberkonferenz organisiert. Deutschland kündigte im Vorfeld bereits ein Soforthilfepaket im Umfang von zehn Millionen Euro an. Frankreich hat bereits eine Seebrücke eingerichtet, um 18 Tonnen Medikamente und fast 700 Tonnen Lebensmittel nach Beirut zu bringen. Der deutsche Außenminister Heiko Maas kündigte eine Soforthilfe in Höhe von zehn Millionen Euro an. Gleichzeitig mahnte Maas Reformen im Libanon an. Das Land habe bereits vor der Katastrophe "vor überwältigenden Herausforderungen" gestanden. "Ohne dringend benötigte Reformen kann es weder nachhaltigen Wandel noch Stabilität geben."

Der französische Präsident Emmanuel Macron betonte, die Hilfen sollten direkt an die Bevölkerung und Nichtregierungsorganisationen gehen und nicht "an die Korruption". Er könne einem System keine "Blankoschecks ausstellen, das nicht mehr das Vertrauen seiner Bevölkerung" genieße.

Am 1. September begeht der Libanon den 100. Geburtstag seiner Staatsgründung. An jenem Tag im Jahr 1920 wurde der Großlibanon als Staat ausgerufen, der später zum modernen Libanon wurde. Viel zu feiern gibt es dieses Jahr nicht. (APA, AFP)


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