Kinigadner jubelt über Premierensieg: „Niemand hat uns das zugetraut“

Nach dem historischen ersten MotoGP-Triumph mit KTM blickte Heinz Kinigadner im TT-Interview in den Rückspiegel. Für das sonntägige Spielberg-Gastspiel sieht der Sportmanager sein Team auf der Überholspur.

Das südafrikanische KTM-Eigengewächs ist „on fire“: Der 24-jährige Brad Binder soll weiterhin das Gesicht des rot-weiß-roten Rennstalls sein.
© Red Bull Content Pool/Berger

20.21 Uhr, Sonntagabend – ich hätte mir nicht gedacht, dass ich Sie nach dem ersten MotoGP-Triumph von KTM erreiche. Es klingt sehr ruhig im Hintergrund.

Heinz Kinigadner: Ich bin schon auf dem Weg nach Italien, weil wir morgen einen Buggy-Test haben. Und das MotoGP-Team testet ebenso am Montag noch einmal. Die Feier war nicht groß. Das ist schon etwas bitter. Da gewinnst du das erste Rennen in der höchsten Motorsport­serie und dann regiert die Corona-Pandemie. Wir durften nicht einmal in die Nähe des Podiums gehen – das hat der Veranstalter strikt verboten. Und in Tschechien regiert null Komma null Promille. Wir haben also nicht einmal am Alkohol genippt. (lacht)

Das klingt enttäuschend.

Kinigadner: Das passt schon. Es sind so viele Endorphine in unseren Körpern ausgeschüttet worden, das hat für alles entschädigt.

Wie aufgewühlt sind Sie gerade?

Kinigadner: Dieser Sieg in Brünn war sehr, sehr wichtig. Da ist eine riesige Last von unseren Schultern gefallen. Wir dürfen nicht vergessen, es handelt sich hier um ein 40-Millionen-Euro-Projekt und die Chefetage hat uns klar gesagt, dass nach drei Jahren der Welpenschutz wegfällt. Im Jänner bei den Testfahrten haben wir gesehen, dass wir bei der Musik sind, haben aber nicht gewusst, ob alle ihr­e Karten aufgedeckt haben. Danach lagerte das Material ja fast fünf Monate abgepackt in Containern und jetzt feiern wir im dritten Saisonrennen den ersten Sieg. Das ist schon gewaltig. Ein Sieg „made in Austria“.

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🎉 Brünn-Sieger Binder feiert heute seinen 25. Geburtstag:

2017 sind Sie in Ihre erste volle Comeback-Saison gestartet, 2020 der erste Moto­GP-Erfolg – klingt wie ein kleines PS-Märchen.

Kinigadner: Pit Beirer (Motorsport-Direktor, Anm.) hat mich jetzt schon zweimal angerufen und war den Tränen nahe. Wir haben über die Zeit gesprochen, als wir im Jahr 2001 das erste Mal von der MotoGP geträumt haben. Drei Jahre später haben wir das erste Aggregat gebaut, mitten unter der Saison haben sie uns aus finanziellen Gründen aber wieder den Stecker gezogen. Danach kam der Fokus auf die Moto3 und Moto2. Nun das – unglaublich. Ich muss echt sagen, seit es Handys gibt, hat mein Telefon noch nie so oft vibriert. Da werde ich einige SMS zurückschreiben müssen. Aber einige Gratulationen nehme ich ganz speziell gerne an.

Welche?

Kinigadner: Wir sind das einzige Team, das mit einem Stahlrahmen fährt. All­e anderen sind mit einem Alurahmen unterwegs und haben gesagt: „Damit werdet ihr nichts gewinnen!“ Niemand hat uns das zugetraut. Im Vorjahr haben wir 56 Versionen des Rahmens durchprobiert. Ein Stahlrohr ist ja schnell ausgetauscht. Ich würde mal sagen, das hat gut funktioniert. Die Technik ist ja ein Wahnsinn. Bei uns kommt vieles aus dem 3D-Drucker. Ein bisschen Pulver und schon geht’s dahin.

Wie wichtig war es, dass ausgerechnet Brad Binder den historischen Triumph eingefahren hat?

Kinigadner: Besser geht’s nicht, würde ich sagen. Brad war schon immer bei uns, ist ein Eigengewächs und ein Hammer-Bursche. Heute hat er gezeigt, aus welchem Holz unsere Zukunftsaktie geschnitzt ist. Obwohl mir das ein oder andere Mal das Herz in die Hose gerutscht ist. Brad ist quer mit rutschenden Reifen in die Kurven reingebremst. Das war ein „Moto2“-Stil, beeindruckend. Danach hat er sich bei uns bedankt, was wir ihm für ein Arbeitsgerät zur Verfügung gestellt haben. Das war ein super Job von ihm. Schon von Freitag weg hat er sich über die Tage herangearbeitet.

📆 Der MotoGP-Rennkalender umfasst seit Montag 15 Rennen:

Und jetzt kommt Spielberg: zwei Heimauftritte in der Obersteiermark in den nächsten beiden Wochen.

Kinigadner: Das ist noch frustrierender. Mit dem Brünn-Sieg hätten wir noch einmal 30.000 Tickets mehr verkaufen können. Egal. Das ist unsere Heimstrecke, unser Zuhause, und wir durften schon öfters dort testen. Ich will keine großen Prognosen abgeben, aber ich kann jetzt nicht behaupten: „Wir wollen in die Top Ten.“ Wir fahren ums Podium, davon bin ich überzeugt.

Vielleicht diesmal mit Ihrem zweiten Piloten, Pol Espargaró (ESP)?

Kinigadner: Der Ausfall für Pol in Brünn am Wochenende war richtig bitter. Den zweiten Platz, vielleicht sogar den Sieg, hätte er durchaus holen können. Aber er sieht bei zwei Fahrern immer rot: Seinem Bruder (Aleix Espargaró, Anm.) und seinem Ex-Teamkollegen Johann Zarco (FRA). Da waren zu viele Emotionen im Spiel. Aber auch Miguel Oliveira (KTM Tech 3, Anm.) kommt. Unsere „Rookies“ haben richtig viel Potenzial. Oliveira kam die Corona-­Pause zugute, dadurch konnt­e er seine operierte Schulter auskurieren.

Bei all dem Erfolg kommen wir um ein Thema nicht herum: Superstar und Aushängeschild Marc Márquez (ESP/Honda) fehlte verletzungsbedingt. Muss man davon ausgehen, dass der historische Triumph mit ihm im Starterfeld nicht möglich gewesen wäre?

Kinigadner: Sagen wir einmal so: So sehr wir Marc Márquez bewundern, so froh waren wir, dass er diesmal nicht am Start war. Er ist eine absolut­e Ausnahmeerscheinung. Wenn man sich im Fahrer­lager umhört, bekommt man zu hören, wie schlecht die Honda heuer ist. Und da sieht man, was der Junge daraus macht. Ein Außerirdischer, vor dem man nur den Hut ziehen kann. Ohne Márquez auf der Strecke hat sich alles vereinfacht. Das bestreiten wir nicht. Ob es trotzdem gereicht hätte, steht allerdings in den Sternen.

Das Gespräch führte Daniel Suckert

🎥 Historischer Tag für KTM: Binder feiert ersten MotoGP-Sieg


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