Mögliche Vergiftung: Hilfsangebot aus Berlin für Kremlkritiker Nawalny

Alexej Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker der russischen Führung. Er wurde mehrfach festgenommen und auch schon angegriffen. Nun liegt er im Koma. Wurde er vergiftet? Aus Berlin gibt es ein Angebot zur Hilfe.

Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny.
© MLADEN ANTONOV

Moksau, Omsk – Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny liegt nach einer möglichen Vergiftung in einem Krankenhaus im Koma. Der 44-Jährige müsse in einer Klinik in der sibirischen Großstadt Omsk künstlich beatmet werden, teilte seine Sprecherin Kira Jarmysch am Donnerstag mit. „Ich bin sicher, dass er absichtlich vergiftet wurde“, sagte die Vertraute. Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass Informationen über eine mögliche Vergiftung zurückgehalten werden.

Sein Team will nun erreichen, dass er nach Deutschland geflogen und in der Berliner Charité behandelt wird. Aus Berlin gab es dazu bereits ein Angebot zur Hilfe. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangte von Moskau eine rasche Aufklärung der Hintergründe: „Was jetzt ganz, ganz wichtig ist, ist, dass dringend aufgeklärt wird: Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Darauf werden wir bestehen.“

Zum Gesundheitszustand des Kreml-Kritikers gab es am Abend keine klaren Angaben. Ein behandelnder Arzt in Omsk bestätigte zunächst, Nawalny befinde sich in einem „ernsten, aber stabilen Zustand“. Zur genauen Diagnose nannte er keine Details. „Vergiftung ist eine Möglichkeit.“ Am Abend erklärte der Mediziner der Agentur Interfax zufolge lediglich, dass es keine Hinweise auf einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder eine Infektion etwa mit dem Coronavirus gebe.

📽️ Video | Russischer Oppositionsführer Alexej Nawalny vergiftet?

Weitere Behandlungen sollen in Berlin erfolgen

Die Lage habe sich seit der Ankunft im Krankenhaus deutlich stabilisiert, hieß es. „Was wir bislang geschafft haben, ist für den Moment ein vorsichtiges gutes Zeichen“, sagte der stellvertretende Chefarzt Anatoli Kalinitschenko.

Der Oppositionelle war zu Recherchen in Sibirien unterwegs. Vor der Abreise sei es ihm noch gut gegangen, sagte seine Vertraute Jarmysch. Am Flughafen in Tomsk habe er noch eine Tasse schwarzen Tee getrunken. Während des Flugs habe er sich dann unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug auf dem Weg nach Moskau landete dann wegen des Notfalls in Omsk. Dann wurde Nawalny ins Krankenhaus gebracht. Dort habe das Team auch die Polizei alarmiert, sagte Jarmysch.

Nach Vorstellungen von Nawalnys Team soll er zur weiteren Behandlung nach Berlin geflogen werden. „Wir versuchen, das zu ermöglichen“, sagte der Filmproduzent Jaka Bizilj der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Nawalny solle in der Charité behandelt werden. Aus der Klinik gebe es bereits eine Zusage. Aktuell würden noch Fluggenehmigungen eingeholt. Zuvor hatte die „Bild“ über die Pläne berichtet. Der Zeitung zufolge soll die Maschine bereits in der Nacht zum Freitag nach Omsk starten.

📽️ Video | Carola Schneider (ORF) zum Zustand Nawalnys

Kreml versprach Untersuchung durch Polizei

Der Kreml betonte, dass es eine Untersuchung durch die Polizei geben werde, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. „Wie jeden Bürger unseres Landes wünschen wir ihm baldige Genesung“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. „Die Behörden haben viele Kritiker. (...) Wenn aber das Leben eines russischen Staatsbürgers bedroht ist, dann ist das eine ernste Situation, die sowohl Ärzte als auch Ermittler sehr ernst nehmen.“

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb auf Twitter, sollte sich ein Giftanschlag bestätigen, müssten die „Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“. Merkel sagte bei einem Treffen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: „Das, was man bis jetzt hört, sind sehr ungünstige Umstände. Und das muss sehr, sehr transparent gemacht werden.“

Nawalny ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Er hat auch viele Feinde im Machtapparat. Der studierte Jurist wirft der Regierung und Oligarchen regelmäßig Korruption und Machtmissbrauch vor. Zuletzt hatte ihm auch der umstrittene Staatschef von Belarus (Weißrussland), Alexander Lukaschenko, vorgeworfen, hinter den Massenprotesten in seinem Land zu stehen.

Nawalnys Sprecherin brachte den Vorfall mit den Kommunalwahlen in Russland im September in Verbindung. „Offensichtlich haben die Behörden irgendwelche Vorstellungen, dass die Situation gefährlich werden könnte und man, wenn es nötig ist, auch Alexej neutralisieren muss“, sagte Jarmysch dem Radiosender Echo Moskwy.

Schikane durch Behörden wegen Opposition zu Putin

Auf den prominenten Kämpfer gegen Korruption hatte es in der Vergangenheit immer wieder Anschläge gegeben. „Dieser Zwischenfall ist der schwerste bisher“, sagte Jarmysch der Deutschen Presse-Agentur. Es sei der inzwischen vierte Fall. Zweimal habe es Farbanschläge gegeben – einmal mit Problemen für sein Auge mit Erblindungsgefahr. Im vorigen Jahr sei er vergiftet worden, in Haft und dann in ein Krankenhaus gekommen.

Dass er von den Behörden an seiner Arbeit regelmäßig gehindert werde, betonte Nawalny öfter. Immer wieder gibt es Razzien in seinen Büros, er wurde auch oft festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt.

Vor einem Jahr musste er während seiner Haftstrafe in einem Krankenhaus angeblich wegen eines Allergieschocks behandelt werden. Nawalny betonte damals, dass er vergiftet worden sein könnte.

In Russland waren mutmaßliche Vergiftungen im politischen Milieu in der Vergangenheit immer wieder ein Thema. Auch der Aktivist Pjotr Wersilow, Mitglied der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot, verdächtigte den russischen Geheimdienst, ihn 2018 in Moskau vergiftet zu haben. Er wurde in Berlin behandelt. Pussy Riot ist mit Aktionen gegen Justizwillkür und Korruption weltweit bekannt. (dpa)

Giftanschläge auf Aktivisten in Russland

Der bekannte russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist nach einer mutmaßlichen Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden und liegt nun auf der Intensivstation. Es wäre nicht der erste Giftanschlag auf den Aktivisten. Im August vergangenen Jahres erlitt er in Polizeigewahrsam Hautausschläge und sein Gesicht schwoll an – laut Nawalny wegen einer Vergiftung.

Auch anderen Kreml-Kritikern widerfuhr ein ähnliches Schicksal. Ein Überblick:

Pjotr Wersilow

Im September 2018 wurde der russische Aktivist der Protestgruppe Pussy Riot mit möglichen Symptomen einer Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus gebracht. Später kam er zur Behandlung in die Berliner Charité. Wersilow macht für seine mutmaßliche Vergiftung den russischen Geheimdienst verantwortlich. Als Hintergrund für die Attacke geht er von einem Zusammenhang zu seinen Recherchen über drei im Juli 2018 ermordete russische Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik aus.

Sergej Skripal

Der ehemalige Doppelagent und seine Tochter Julia waren im März 2018 im englischen Salisbury dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt worden. Beide entgingen nur knapp dem Tod. Westliche Geheimdienste beschuldigen die russische Regierung, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit als Doppelagent veranlasst zu haben. Eine 44-jährige Britin, die später mit dem Nervengift in Kontakt kam, starb.

Alexander Perepilitschni

Der russische Geschäftsmann und Informant starb 2012 beim Joggen in der Nähe von London. Die Polizei ging von einem natürlichen Tod aus. Eine zwei Jahre später von seiner Lebensversicherung in Auftrag gegebene Untersuchung ergab jedoch, dass Spuren eines Gifts von einer chinesischen Pflanze namens Gelsemium in seinem Magen gefunden wurden. Perepilitschni war ein möglicher Kronzeuge in der Affäre um den Tod eines russischen Anwalts im Jahr 2009.

Alexander Litwinenko

Der frühere russische Agent und Kreml-Kritiker starb 2006 im Exil in London an einer Vergiftung mit hochgradig radioaktivem Polonium. Zuvor hatte er mit den russischen Geschäftsmännern und Ex-KGB-Agenten Dmitri Kowtun und Andrej Lugowoi Tee getrunken. London gibt Moskau die Schuld, das jegliche Verantwortung bestreitet.

Viktor Juschtschenko

Im Jahr 2004 wurde der damalige Oppositionskandidat und spätere Präsident der Ukraine schwer krank. Österreichische Ärzte stellten drei Monate später eine Dioxinvergiftung beim Helden der sogenannten Orangenen Revolution fest. Juschtschenkos Gesicht trägt bis heute die Spuren der Vergiftung. Angetreten war er gegen den russlandfreundlichen Kandidaten Viktor Janukowitsch.

Georgi Markow

Im September 1978 verspürte der oppositionelle bulgarische Schriftsteller an einer Londoner Bushaltestelle ein Stechen im Bein. Ein Mann, der eine Art Regenschirm fallen gelassen hatte, entschuldigte sich. Markow bekam kurz darauf hohes Fieber und starb vier Tage später im Krankenhaus.

Bei einer Obduktion wurde im Bein des Toten eine Platinkapsel mit dem Gift Rizin gefunden. Der Anschlag auf den Oppositionellen konnte nie vollständig aufgeklärt werden. Als wahrscheinliches Szenario gilt ein Anschlag des bulgarischen Geheimdienstes mit Unterstützung des sowjetischen KGB.


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