Alpbach: Zusätzliches Geld für Gesundheitswesen notwendig

Österreich muss laut Experten beim Pflegepersonal im internationalen Vergleich stark aufholen. Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher schlägt eine "AT4Health"-Fonds von rund vier Milliarden Euro vor.

Die Alpbacher Gesundheitsgespräche starteten am Sonntag und dauern noch bis morgen.
© Vanessa Rachlé

Alpbach, Wien – Zwölf Prozent Todesfälle in Österreich wären vermeidbar. Die Kassenmedizin ist auf dem Rückzug. Für die Zukunft benötigt das Gesundheitswesen einen Covid-19-Fonds, um sich aus der Krise "herauszufinanzieren" – das ist das Ergebnis einer Analyse der Gesundheitsökonomen Maria Hofmarcher und Christopher Singhuber, die am Montag im Rahmen der Alpbacher Gesundheitsgespräche präsentiert worden ist.

Maria Hofmarcher und ihr Co-Autor haben mit ihrem neuen Report mit Unterstützung von Philips zum vierten Mal eine Analyse des österreichischen Gesundheitssystems auf Bundesländerebene durchgeführt. "Erstmals haben wir die vermeidbare Sterblichkeit vor dem 75 Lebensjahr (vorzeitige vermeidbare Mortalität; Anm.) analysiert und zwar nach Diagnosen und Bundesländern. In einem Jahr wie 2020 nehmen wir natürlich auch Bezug auf Covid-19", sagte die Ökonomin im Gespräch mit der APA.

Covid-19-Vakzine: komplexes Projekt

Die Entwicklung einer vor SARS-CoV-2 schützenden Vakzine (Impfstoff aus lebenden oder abgetöteten Krankheitserregern) binnen ein, zwei Jahren wäre eine enorme Beschleunigung eines solchen Prozesses. "Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffes zehn bis 15 Jahre", sagte Christina Nicolodi, Virologin und Beraterin für regulatorische Angelegenheiten rund um Arzneimittel, am Montag zu Beginn der Alpbacher Gesundheitsgespräche.

▶️ "Derzeit sind etwa 150 Covid-19-Impfstoffe in Entwicklung."

Vakzine auf der Basis von Virus-Vektoren, DNA- und RNA-Produkten, mit abgeschwächten "lebenden" SARS-CoV-2-Erregern oder inaktivierte Viren würden die Bandbreite ausmchen.

Während viele der Entwicklungsschritte - von ersten Tests an geeigneten Versuchstieren bis zu den klinischen Tests und zur Entwicklung der Produktionsverfahren - teilweise parallel ablaufen können, hängt im Prinzip alles an den Phase-III-Untersuchungen auf Sicherheit und Wirksamkeit mit Zehntausenden Probanden. Dort angekommen seien derzeit Kandidatvakzine der Universität Oxford (Virusvehikel-Vakzine) und mRNA-Vakzine (Moderna/USA und BioNtech/Deutschland).

▶️ "Es sind Phase-III-Studien mit 30.000 Probanden notwendig."

Bei den potenziell vor Covid-19 schützenden Vakzinen ergibt sich aber eine Schwierigkeit, so Christina Nicolodi: Auch bei SARS-Erkrankungen gibt es das Phänomen, dass eine zweite Infektion einen schweren Verlauf der Erkrankung auslösen kann. Um das bei einer Impfung mit zwei Teilimpfungen zu verhindern, sollte die Rate der schützenden Antikörper im Vergleich zu nicht spezifisch wirkenden Antikörpern möglichst hoch sein. Um hier sichergehen zu können, benötigt man sehr große Probandenzahlen

Besonders wichtige Erkenntnisse, wie es die Expertin ausdrückte: "Im ambulanten Sektor ist auffällig, dass sich in Österreich die Kassenmedizin auf dem Rückzug befindet." Das erhöhe die privaten Kosten für die medizinische Versorgung für den Einzelnen und führe automatisch zum Größerwerden der Wahlarztmedizin. "Auffällig ist auch, dass in der Kassenmedizin - bei einem Anteil der Ärztinnen am Ärztestand insgesamt von rund 50 Prozent - nicht einmal 15 Prozent der Kassenärzte Frauen sind."

In der Versorgungsqualität in Sachen Prävention, Diagnose und Therapie existieren in Österreich je nach Bundesland offenbar deutliche Unterschiede. Maria Hofmarcher: "Bei der vermeidbaren vorzeitigen Mortalität vor dem 75. Lebensjahr ist die Situation in Kärnten und im Burgenland zum Beispiel besorgniserregend. Vorarlberg schneidet bei seinen relativ hohen Aufwendungen ebenfalls schlecht ab. Niederösterreich und Oberösterreich sind am besten, Salzburg und die Steiermark im Mittelfeld. Wien schneidet auch recht gut ab."

© APA-Grafik

Beim Pflegepersonal aufholen

Der in Alpbach präsentierte Report beschäftigt sich auch mit Covid-19. "Für Österreich konnte (im Unterschied zum Beispiel zu England und Wales; Anm.) kein signifikanter Zusammenhang der Lebenssituation der Menschen und dem Infektionsrisiko oder der Sterblichkeit auf Bezirksebene festgestellt werden", heißt es in dem Bericht.

Das Covid-19-Gesundheitsrisiko dürfte jedoch mit der Arbeitslosigkeit auf Bezirksebene steigen. Man habe zwar durch eine nahezu vollständige Sperrpolitik das Land recht gut vor der Epidemie geschützt, doch es gibt Mankos: Laut den Experten zeigt die SARS-CoV-2-Pandemie in Österreich erst recht, dass das Gesundheitswesen - wie seit vielen Jahren gefordert - vor allem im niedergelassenen Bereich und auf lokaler Ebene massiv gefördert werden sollte. Maria Hofmarcher: "Das heißt aber auch, dass die angestrebte Gesundheitsreform wichtiger denn je ist." Dazu zähle auch, dass Österreich beim Pflegepersonal im internationalen Vergleich stark aufholen müsse.

Smarte Maßnahmen notwendig

Das Ende der Covid-19-Pandemie hängt nicht allein vom Vorhandensein einer schützenden SARS-CoV-2-Vakzine ab. Sie ende, wenn wir gelernt haben mit dem Virus zu leben, sagte am Montag in einer Online-Botschaft der WHO-Europa-Generaldirektor Hans Kluge aus Anlass der Alpbacher Gesundheitsgespräche. Richtiges Verhalten könne jeder Einzelne sofort an den Tag legen.

▶️ "Wir sind nicht zurück im Februar. Wir haben gelernt."

In dem Statement betonte Kluge, dass jetzt die Zeit für intelligente Gegenmaßnahmen bei lokalen Ausbrüchen bzw. dem Aufflammen von Infektionsherden in Gruppen usw. gekommen sei.

▶️ "Damit können wir diese Ausbrüche wieder ausdämpfen."

Dabei gehe es auch immer um Solidarität. Habe ein Land keinen Zugang zu einer Vakzine, sei es eine Gefahr für alle anderen Länder.

▶️ "Maßnahmen gegen die Pandemie müssen immer transnational sein, nationale Maßnahmen allein sind zu wenig."

Regionaler Zusammenführung der Mittel für ambulante Versorgung ist ein Muss

Besonderer Augenmerk müsse in der Gesundheitspolitik auch der Kassenmedizin gewidmet werden: "Wird mehr den Wahlärzten überlassen, steigen die privaten Ausgaben. (...) Am niedrigsten ist der Anteil der privaten Ausgaben für ambulante Leisten in Oberösterreich (23 Prozent). Sehr hoch ist er in Vorarlberg (35 Prozent) und in Salzburg (30 Prozent). Alle drei Länder haben eine mittelmäßige Versorgung mit Kassen- bzw. §2-Ärzten pro 100.000 Einwohner." Maria Hofmarcher: "Der Umbau des Systems in Richtung regionaler Zusammenführung der Mittel für die ambulante Versorgung ist ein Muss und bedeutend wichtiger als der Umbau der Kassenlandschaft."

Um Covid-19 und seine Folgen zu überwinden, sollte zusätzliches Geld für das Gesundheitswesen bereitgestellt werden. Die Gesundheitsökonomin: "Grob geschätzt könnte das ein 'AT4Health'-Fonds von etwa 4,2 Milliarden Euro sein. Wir rechnen mit rund 1,1 Milliarden. Euro für Steuer- und Beitragsausfälle, etwa zwei Milliarden für die Bundesländer und 600 Millionen Euro für Investitionen in bessere Gesundheitsleistungen." Das wären rund 480 Euro pro Kopf der Bevölkerung, 16,7 Prozent der Mittel des Covid-19-Krisenbewältigungsfonds bzw. 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung). Hofmarcher: Damit könnte man das Gesundheitswesen aus der Krise 'herausfinanzieren'."

Was noch hinzukommt: Dieses Geld würde auch der Beschäftigung in Österreich sehr zugutekommen. Gesundheits- und Sozialwesen haben sich nämlich beispielsweise auch schon nach der Finanzkrise ab 2008 als stabilisierender Faktor erwiesen. "Gesundheit der Bevölkerung ist die Basis für wirtschaftliches Handeln", betonte die Expertin. Ohne Gesundheit funktioniert die Wirtschaft nämlich nicht - wie schon der im März dieses Jahrs erfolgte Lockdown zeigte. (APA)


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