57 Prozent mehr Arbeitslose in Tirol als 2019, leichte Entspannung im August

In Tirol legten die Arbeitslosenzahlen im Vorjahresvergleich um rund 57 Prozent zu. Trotzdem zeichnet sich laut AMS Tirol eine leichte Entspannung ab. Die relativ gute Auslastung im Sommertourismus sorgte für eine weitere Entspannung.

(Symbolbild)
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Innsbruck, Wien – Im Vergleich mit dem Vorjahresmonat kam es im August 2020 mit plus 7293 oder plus 63,2 Prozent zu einem deutlichen Anstieg der in Tirol arbeitslos vorgemerkten Personen auf 18.830. Tirol weist mit 5,2 Prozent im Österreichvergleich immer noch die niedrigste Arbeitslosenquote aus.

Österreichweit waren im August 422.910 Personen ohne Job, das sind um 92.219 Personen bzw. um 27,9 Prozent mehr als im August 2019. Davon waren 371.893 Personen (plus 33,2 Prozent zum Vorjahresmonat) beim AMS arbeitslos gemeldet und 51.017 Personen (minus 1,0 Prozent) in Schulung.

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Tirol mit höchstem Anstieg

Der bei Weitem höchste Anstieg ist mit 56,8 Prozent in Tirol zu verzeichnen. Hier waren im August 20.363 Menschen ohne Job. Allerdings sorgte die relativ gute Auslastung im Sommertourismus für eine weitere Entspannung.

Bei einem prognostizierten Stand von 340.000 unselbständig Beschäftigten in Tirol, das ist ein Minus von 9000 Personen im Vorjahresvergleich, und 18.830 vorgemerkten Arbeitslosen betrug zum Stichtag 31. August die Arbeitslosenquote in Tirol 5,2 Prozent (August 2019: 3,2 Prozent ).

In Summe ist die Arbeitslosigkeit Ende August im Vergleich zum Höhepunkt der Covid-19 Krise mit 45.782 Personen um 26.952 oder 59 Prozent zurückgegangen-
Anton Kern, Landesgeschäftsführer des AMS Tirol

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In Summe sei die Arbeitslosigkeit Ende August im Vergleich zum Höhepunkt der Covid-19 Krise mit 45.782 Personen um minus 26.952 oder 59 Prozent zurückgegangen und die Zahl der unselbständig Beschäftigten von 306.093 (April 2020) auf 340.000 angestiegen.

Diese erfreulich positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Vergleich zum Vorjahr die Anzahl der unselbständig Beschäftigten um 9000 Personen niedriger und die Zahl der arbeitslos vorgemerkten Menschen um 63 Prozent höher liege, so AMS Landesgeschäftsführer Anton Kern.

Arbeitslose und Kurzarbeit.
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Prognosen für die weitere Zukunft in Tirol seien schwierig, sowohl im Tourismus und auf längere Sicht gesehen auch im Produktionsbereich. Es lasse sich überhaupt nicht abschätzen, wie viele der Unternehmen – wenn die monetären Reserven aufgebraucht sind und gestundete Zahlungen fällig werden – weiteres Personal abbauen müssen.

Aktuell sehen wir am Stellenmarkt, dass trotz der positiven Stimmung der Wirtschaftstreibenden dem Tiroler Arbeitsmarktservice im Laufe des August 2020 um 993 weniger Stellen gemeldet worden sind als im August 2019, das ist ein Minus von 21,1 Prozent.
Anton Kern, Landesgeschäftsführer des AMS Tirol

Sicher sei , dass im Herbst mit einem saisonalen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Tirol rechnen sei und auch danach ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit zu erwarten ist, so Kern in einer Aussendung am Dienstag.

Rund 452.500 Menschen in Österreich seit Ende Juli in Kurzarbeit

In Kurzarbeit sind aktuell nach Angaben des Arbeitsministeriums 452.499 Menschen, die Zahl ist laut Ministerium seit Ende Juli in etwa konstant.

Die Covid-19-Krise führte seit Mitte März 2020 zu einem extremen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Zahl der Arbeitslosen geht zwar seit Mitte April zurück, dennoch liegt die Zahl der beim AMS vorgemerkten Personen weit über dem Niveau des Vorjahres.

Den stark gestiegenen Arbeitslosenzahlen stehen weniger offene Jobs zur Verfügung. Die beim AMS gemeldeten sofort verfügbaren offenen Arbeitsstellen sind mit 66.005 um 19,4 Prozent bzw. um 15.901 weniger als im August 2019. Vergleicht man die angebotenen offenen Stellen mit den sofort verfügbaren Arbeitssuchenden (ohne Schulungen), zeigt sich eine Relation von 5,6, das heißt auf eine offene Stelle kommen rein rechnerisch 5,6 Arbeitssuchende.

12 Millionen für die Mobilität von Lehrstellensuchenden

Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) verwies in einer Pressekonferenz in Wien auch auf die Fortschritte am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit gehe im Vergleich zum Höhepunkt der Krise zurück, sie sei aber immer noch deutlich höher ist als vor einem Jahr. Die Zahl der Menschen in Kurzarbeit habe sich bei etwa 450.000 stabilisiert.

Ausführlicher ging Aschbacher auf die Situation der Jugendlichen ein. 40.000, ein Drittel mehr als vor einem Jahr, seien arbeitslos. Während es in einigen Bundesländern mehr offene Lehrstellen als Interessierte gebe, kommen in Wien auf jede Lehrstelle neun Suchende. Die Regierung habe 12 Millionen Euro für die Mobilität von Lehrstellensuchenden zur Verfügung gestellt, die etwa für die Übersiedlung oder die Wohnungssuche genutzt werden können. Wer flexibel und mobil sei, finde leichter eine Lehrstelle, so Aschbacher.

Von den Branchen am stärksten betroffen ist der Tourismus mit Beherbergung und Gastronomie, wo sich die Arbeitslosigkeit (inklusive Schulungen) gegenüber dem Vorjahr um 55,7 Prozent auf 50.788 Personen massiv gesteigert hat.

ÖGB fordert höheres Arbeitslosengeld

Die Arbeiterkammer (AK) fordert angesichts der großen Aufgaben am Arbeitsmarkt eine Stärkung des Arbeitsmarktservice (AMS). Fast 423.000 Personen auf Arbeitssuche müssen beraten und betreut, über 452.000 in Kurzarbeit wollen gerecht abgerechnet und für 100.000 soll eine Qualifizierungsoffensive in einer österreichweiten Arbeitsstiftung abgewickelt werden.

"Die Politik muss nun dringend dafür sorgen, dass diese wichtigen Aufgaben auch bewältigt werden können - mit ausreichenden personellen und finanziellen Ressourcen", fordert AK Präsidentin Renate Anderl. Mindestens 650 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden gebraucht, stärkt sie dem Betriebsrat im AMS den Rücken.

Auf ein höheres Arbeitslosengeld pocht der ÖGB. "Noch immer sind um 100.000 Menschen mehr arbeitslos als vor einem Jahr. Ganz zu schweigen von jenen, die über Monate keinen Job gefunden haben oder finden werden", ist Ingrid Reischl, Leitende ÖGB-Sekretärin, weiterhin besorgt über die aktuellen Arbeitsmarktdaten. Im Herbst drohen steigende Arbeitslosenzahlen und eine Insolvenzwelle.

Nur durch eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes könnten die Menschen vor Armut geschützt werden. Bei der Bundesregierung vermisst sie konkrete Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen, etwa durch Investitionen in Gemeinden und öffentliche Aufträge am Bau.

Gemeldete Arbeitslose und Schulungsteilnehmer August 2011 bis 2020.
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Harsche Kritik der Opposition

Die oppositionelle SPÖ verweist auf die Situation der arbeitslosen Jugendlichen, bei denen die Arbeitslosigkeit sogar um fast 36 Prozent gestiegen ist. "Die türkis-grüne Bundesregierung schaut seelenruhig dabei zu, wie die Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen und den Langzeitarbeitslosen massiv ansteigt und sich verfestigt statt endlich wirksam gegenzusteuern", kritisiert SPÖ-Sozialsprecher Josef Muchitsch.

Zuwenig Aufmerksamkeit der Bundesregierung für die hohe Arbeitslosigkeit ortet auch die oppositionelle FPÖ. "Die vorherrschend hohe Arbeitslosigkeit verblasst immer mehr zu einem Orchideenthema", so FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch. Österreich steuere "wegen des schwarz-grünen Coronawahnsinns mit rasender Geschwindigkeit auf ein Fiasko am Arbeitsmarkt zu".

NEOS sieht die Jungen am stärksten von der Krise betroffen. NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker fordert vor allem für sie eine Perspektive. Die Schulen und Kindergärten müssten verlässlich offen sein, damit die Erwerbstätigen ihre Kinder gut betreut wissen. Die Betriebe müssten verlässlich arbeiten dürfen, damit sich Investitionen auszahlen und sie neue Mitarbeiter einstellen. (APA, TT.com)


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