Fahrräder am Vormarsch: Die lautlose Revolution auf zwei Rädern

Viele Städte weltweit haben es sich zum Ziel gesetzt, fahrradfreundlicher zu werden – auch Innsbruck. Im Herbst wird die neue Radverkehrsstrategie vorgestellt. Utrecht macht vor, wie es gehen kann.

Das weltweit größte Parkhaus für insgesamt 22.000 Fahrräder wurde in der niederländischen Stadt Utrecht gebaut.
© Van Rossem

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Das Vorhaben, Städte fahrradfreundlicher zu machen und dafür den motorisierten Verkehr massiv zu reduzieren, birgt einiges an Konfliktpotenzial in sich. Der Niederländer Frans Jan van Rossem kennt wohl alle Probleme, die sich dabei ergeben können. Er ist Organisator des Projekts „Utrecht – we all cycle“. Rund die Hälft­e der 350.000 Bewohner der niederländischen Stadt radelt heute täglich zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Schule oder in die dortige, zweitgrößte Universität des Landes, wenn die Strecke unter 7,5 Kilometer beträgt. Für längere Distanzen sind es immerhin noch 33 Prozent. In Innsbruck waren es bei der letzten Zählung nur 13,8 Prozent, die für Alltagserledigungen, zur Arbeit, Schule oder Uni regelmäßig in die Pedale traten.

In Utrecht wurde in den vergangenen Jahren nahe dem erheblich erweiterten Hauptbahnhof das weltgrößte öffentliche Parkhaus für 22.000 Fahrräder eröffnet und in der Stadt ein Leitsystem für freie Radparkplätze installiert. Alternative wäre eine riesige Parkgarage gewesen, man entschied sich anders. Die bestehenden Radwege wurden massiv aus- und Straßen in Fahrradstraßen umgebaut. Das Angebot nahmen so viele an, dass es auf einer dieser Strecken bereits zum ersten lärm- und abgasfreien Stau mit 33.000 Fahrrädern kam.

Die Umstrukturierung begann vor rund zehn Jahren: „Sie kostet Geld und braucht Zeit“, sagt Frans Jan van Rossem. Und natürlich Bewusstseinsbildung. Aber die Menschen hätten realisiert, dass der Verkehr immer noch weiter zunehme, es nicht so weitergehen könne und eine Änderung dringend nötig sei. „Dazu kommt, dass sich Junge heute weniger dafür interessieren, sich ein Auto anzuschaffen, das sehr teuer ist und für das es keinen Platz gibt. Sie haben lieber ein schönes Fahrrad!“

Auch Innsbruck will radfreundlich sein, sogar „radfreundlichste Stadt Österreichs“ werden. Wie das zu schaffen ist, will man sich derzeit von Städten wie Utrecht abschauen. Zum Auftakt des internationalen Radbewerbs „Gravel Innsbruck“ – „gravel“ ist englisch und bedeutet „Kies“ – dieses Wochenende wurde Frans Jan van Rossem deshalb nach Tirol eingeladen. Bei seinem Vortrag „Dem Rad gehört die Zukunft“ stellte er Freitagabend das Utrechter System vor.

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Die Probleme ähneln sich. „Auch die Niederländer lieben ihr Auto“, verweist van Rossem auf eine emotionale Diskussion. Das entscheidende Schlüsselwort, das ein breites Umdenken bewirken kann, ist Sicherheit: „Es braucht sichere Radwege, die miteinander verknüpft werden müssen. Außerdem ist es nötig, bestehende Wege ausschließlich für Radfahrer zu verbreitern, aber auch auf den anderen Straßen darf sich niemand gefährdet fühlen.“ Da braucht es klare Abgrenzungen.

Auch Geschäftsinhaber müssen überzeugt werden, dass es nicht auf die Menge der Pkw-Parkplätze in der Nähe ankomme. Um den Kunden das Einkaufen schmackhaft zu machen, brauche es stattdessen attraktive Fußgängerzonen mit Cafés und Restaurants. „Es hat sich gezeigt, dass dort große Zuwächse erzielt wurden. Der Einzelne kaufte teils weniger – eben nur, was er nach Hause transportieren konnte. Aber insgesamt nahm die Zahl der Kunden zu.“ Sogar in New York wollten anfangs sehr skeptische Geschäftsleute nach einem halben Jahr Probephase die Autos und Parkplätze auf keinen Fall mehr zurück. „Es braucht immer ein gutes Beispiel“, sagt van Rossem. „Dann ziehen die anderen nach.“

Der Tiroler Radlobbyis­t Thomas Pupp, Mitorganisator von „Gravel Innsbruck“ und Manager des Tirol Cycling Teams, bedauert, dass „die vielen Chancen, die sich durch die Rad-WM in Tirol vor zwei Jahren ergeben hätten, nicht weiterverfolgt wurden“. „Im Fernsehen waren schöne Bilder zu sehen. Der Erfolg einer Veranstaltung wie dieser zeigt sich aber immer am langfristigen Nutzen.“

„Wir haben einen enormen Aufholbedarf beim Radwegenetz. Die bisher vom Land zur Verfügung gestellten Fördermitte­l sind viel zu gering“, so Pupp. Letztlich fehlten die Konsequenz und der breite politische Wille. Es bräuchte einen starken Konsens über alle Wählergruppen hinweg.

Vision der Gemeinde Innsbruck

Das Fahrrad als gleichberechtigtes Verkehrsmittel: Was eigentlich ohnehin Gültigkeit hat, ist laut der Innsbrucker Fuß- und Fahrradkoordinatorin Teresa Kallsperger noch viel zu wenig im Bewusstsein der Verkehrsteilnehmer verankert. Die Stelle wurde im vergangenen Jahr eingerichtet, um die umweltfreundliche Mobilität der Bürger zu erhöhen.

Herzstück der neuen Radverkehrsstrategie der Stadt ist der Ausbau des Radwegenetzes. Innsbruck will Österreichs Fahrrad-Hauptstadt werden.

Schlechte Verbindung: Von Innsbruck zum Brenner gibt es keinen Radweg, erst ab dem Brenner zum Gardasee und ab 2021 auch rund um den See.

Perspektivenwechsel

Nicht nur Tourismus im Fokus: Laut Radlobbyist Thomas Pupp, Manager des Tirol Cycling Teams und Leiter des 2019 realisierten Projekts „Vital-Radweg“, bräuchte es einen Perspektivenwechsel beim Radwegebau – und zwar weg vom rein touristischen Nutzen. Nötig seien auch zwei weitere Säulen: der Nutzen für die Einheimischen für Alltagswege sowie für Sport, Vereine und Wettkämpfe.

Kosten: Laut Fahrradlobby Tirol verursacht der motorisierte Verkehr nachweislich mehr Gesundheits- und Straßenerhaltungskosten als der Radverkehr. Die Aktivisten fordern wesentlich mehr Steuermittel für den Verkehrswegebau für Fußgänger und Radfahrende. Nötig sei ein Landesradwegenetz, das analog zu den Landesstraßen finanziert und erhalten wird, wenn Landes- und Gemeinde­interessen betroffen sind.

Internationale Vorreiter

Weltweit haben Städte in den vergangenen Jahren und Monaten begonnen umzudenken, sogar große Metropolen wie New York oder Rom wollen Autos aus den Innenstädten verbannen. In Paris will die im Sommer wiedergewählte Bürgermeisterin Anne Hidalgo Parkplätze abschaffen, Fahrrad-Schnellwege und Parks ausbauen.

Vorbild Kopenhagen, radfreundliche „Stadt für Menschen“: Die dänische Hauptstadt gilt als Beispiel, das von vielen kopiert wird. Der „Copenhagenize“-Index vergibt Noten an Städte über 600.000 Einwohner für ihre Bemühungen, das Rad als Verkehrsform zu etablieren. Wien, das ebenfalls radfit werden will, wird an 9. Stelle gereiht.


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