„Werden Sie nicht zum Herzlos-Kanzler": „Bild" kritisiert Kurz wegen Moria

Kurz solle sich die Bilder aus Moria „noch einmal ganz genau anschauen" und etwa Eltern mit Kindern unter zehn Jahren aufnehmen, schreibt der stellvertretende Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer, ein guter Kenner des Bundeskanzlers.

Bislang hat die Bild-Zeitung meist wohlwollend über Kanzler Kurz berichtet.
© Joe Klamar/AFP

Lesbos – In der Debatte um die Flüchtlingsaufnahme aus Moria appelliert auch Bild Online an Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), eine Kursänderung vorzunehmen. Kurz solle sich die Bilder aus Moria „noch einmal ganz genau anschauen" und etwa Eltern mit Kindern unter zehn Jahren aufnehmen, heißt es in einem Sonntagnachmittag veröffentlichten Kommentar: „Werden Sie nicht zum Herzlos-Kanzler, Herr Kurz!"

Kurz stehe „wie kein anderer europäischer Regierungschef für einen harten Kurs in der Flüchtlingspolitik", schreibt das Boulevardmedium. Auch weil er im Jahr 2016 als Außenminister entscheidend zur Schließung der Balkanroute beigetragen habe, „wird in der Debatte um den richtigen Flüchtlings-Kurs in Europa auf ihn ganz genau geschaut."

„Aber das, was er nach dem Feuer im Flüchtlingslager Moria sagt und nicht (!) tut, wird immer mehr zum Herzlos-Kurs", kritisiert Bild. Der Vergleich mit dem Jahr 2015 sei „irreführend, weil die Situation keinesfalls vergleichbar ist". Damals habe es einen durch den Syrien-Krieg und die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan ausgelösten „Massen-Strom" sowie „einen direkten Weg bis nach Österreich oder Deutschland" gegeben: „All das ist heute anders."

„Der österreichische Bundeskanzler sollte sich die Bilder und Videos aus Moria noch einmal ganz genau anschauen: Diese Kinder brauchen JETZT Hilfe, wir müssen sie aus dem Dreck befreien. Kurz könnte mit gutem Beispiel vorangehen, wenn er wirklich ein moderner konservativer Regierungschef mit christlichen Werten und Vorbild sein will. Er könnte sagen, dass sein Land bereit ist, zum Beispiel Kinder unter 10 Jahren mit ihren Eltern sofort aufzunehmen."

Kritik kommt von Kurz-Biograph

Der Kommentar wurde vom stellvertretenden Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer verfasst, der ein guter Kenner des ÖVP-Chefs ist. Vor knapp drei Jahren hat Ronzheimer eine Biographie über Kurz verfasst, der dem deutschen Journalisten dafür auch seltenen Zugang zu seiner Familie gewährte.

Sebastian Kurz und Paul Ronzheimer.
© HANS PUNZ

Ronzheimer versucht in dem Kommentar auch eine Erklärung, warum der ÖVP-Chef in der Flüchtlingsfrage hart bleibe. „Es ist SEIN Thema, er ist so tief davon überzeugt, dass eine Aufnahme falsche Zeichen setzt, dass er den Grünen bei den Koalitionsverhandlungen klargemacht hat: Wir können über alles reden, aber NICHT über die Aufnahme weiterer Flüchtlinge! So will Kurz sich auch dauerhaft die Stimmen der früheren FPÖ-Wähler sichern. Noch in diesem Herbst wird in Wien gewählt, darauf schaut auch Kurz."

Kurz ist häufiger Interviewpartner der auflagenstärksten deutschen Zeitung, die bisher meist wohlwollend über ihn berichtet hat. Nach dem Triumph des ÖVP-Chefs bei der Nationalratswahl im vergangenen September hieß es etwa, „Kurz' Sieg und sein Wahlkampf zeigen, was ER kann und was in Deutschland der CDU, seiner Schwester-Partei, an der Spitze fehlt: Klare Themen-Setzung, rhetorisches Talent, wenig Fehler. (...) Und er kann jetzt etwas schaffen, was Merkel in Deutschland nicht gelungen ist: Schwarz-Grün, oder eine in Österreich „Dirndl"-Koalition genannte Zusammenarbeit mit Grünen und Liberalen (Neos). Damit wäre Kurz dann ein politisches Vorbild in ganz Europa." (APA)

Ruf will Angebot von aufnahmewilligen Gemeinden annehmen

Der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Franz Ruf, will das Angebot jener Gemeinden annehmen, die sich nach dem Brand des griechischen Flüchtlingslagers Moria bereit erklärt haben, zusätzliche Asylwerber aufzunehmen. Die Ressourcen in der Bundesbetreuung seien wegen der Corona-Schutz-Maßnahmen „stark beansprucht", so Ruf in einer Stellungnahme gegenüber der APA.

Ruf weist darauf hin, dass der „Schutz vor Corona und die damit verbundenen Maßnahmen wie Quarantänelager und gestaffelte Essensausgaben für die Betreuung in den Großquartieren eine immense Herausforderung" darstellen. Derzeit befänden sich in den Bundesbetreuungseinrichtungen 1600 Menschen, 700 davon im Lager in Traiskirchen. Und nach wie vor würden etliche Asylwerber in Österreich einen Antrag stellen.

„In meiner Verantwortung für die Koordination der Corona-Schutzmaßnahmen bin ich daher froh, dass sich Länder und Gemeinden wie Wien, Innsbruck und einige Orte in Vorarlberg gemeldet haben, um Asylwerber aufzunehmen", erklärte Ruf. Durch diese Unterstützung könnten die derzeit ausgeschöpften Kapazitäten entlastet werden.

Der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit adressierte daher an die aufnahmewilligen Gemeinden die Bitte, 200 Frauen, Männer und Kinder im Asylverfahren aus dem Lager Traiskirchen in den kommenden Tagen aufzunehmen. Es könnten freilich auch mehr sein. Die Gemeinden sollen jeweils einmelden, wie viele Asylwerber aufgenommen werden können.


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