Neuer Gedenkort in Hall gibt NS-Opfern ihre Individualität zurück

Am Areal des Landeskrankenhauses Hall erinnern nun 360 individuell gestaltete Metall-Stelen an ebenso viele Patienten, die in der NS-Zeit aus Hall deportiert und systematisch ermordet wurden.

360 individuell gestaltete Metall-Stelen tragen Namen, Geburtsdatum und Heimatort der Ermordeten - und sollen auf die Einzigartigkeit jedes Opfers hinweisen.
© Michael Domanig

Von Michael Domanig

Hall – Insgesamt 360 Patientinnen und Patienten wurden in den Jahren 1940 bis 1942 aus der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol“ deportiert und in der NS-Tötungsanstalt Hartheim sowie der „Heil- und Pflegeanstalt“ Niedernhart/Linz brutal und systematisch ermordet.

Eine von ihnen war Leopoldine Zankl aus Innsbruck: Die gebürtige Kärntnerin, die psychisch erkrankt war, wurde im März 1941 abtransportiert und umgebracht. Über ihr Schicksal habe man „weit über die NS-Zeit hinaus“ einen Mantel des Schweigens gebreitet, erinnert sich ihre Urenkelin Hanna Peluso-Nemec, „gerade so, als müsste man sich ihrer schämen“. Der neue, am Donnerstag offiziell enthüllte Gedenkort am Areal des Landeskrankenhauses Hall, der nun an Leopoldine Zankl und 359 andere Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche erinnert, sei daher ein „Meilenstein“ im Prozess, „den Opfern ihre Namen und ihre Menschenwürde wiederzugeben“, meint Peluso-Nemec.

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360 individuell gestaltete Metall-Stelen tragen Namen, Geburtsdatum und Heimatort der Ermordeten - und sollen auf die Einzigartigkeit jedes Opfers hinweisen.

© Michael Domanig

Hanna Peluso-Nemec berichtete in einer bewegenden und kämpferischen Rede von ihrer Urgroßmutter, die 1941 von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

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„Opfer aus der aufgezwungenen Anonymität holen“

Statt von „Euthanasie“ – wie es im verharmlosenden NS-Jargon hieß – sollte man richtigerweise von „Krankenmord“ sprechen, betonte Oliver Seifert, Historiker im Archiv des LKH Hall und Mitglied der Projektgruppe, bei der Gedenkfeier. Allein im Gau Tirol-Vorarlberg fielen 707 Menschen mit geistiger, psychischer oder körperlicher Erkrankung bzw. Beeinträchtigung dem organisierten Morden zum Opfer. In Hall wurden zwischen 10. Dezember 1940 und Ende Mai 1941 im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ 300 Patienten in drei Transporten nach Hartheim gebracht und dort umgebracht. Obwohl die „Aktion T4“ im August 1941 offiziell eingestellt wurde, kam es danach noch zu einem vierten und letzten Transport aus Hall, in der Folge wurden weitere 60 Patienten in Niedernhart/Linz mit überdosierten Medikamenten getötet.

„Die Nationalsozialisten ermordeten ihrem Verständnis nach keine Individuen, sondern eine kollektive Gruppe, die als lebensunwert dargestellt wurde“, meinte Seifert. Ziel des Gedenkortes sei es daher, den Menschen ihre Individualität zurückgeben, sie, wie es Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg formulierte, aus der „aufgezwungenen Anonymität“ zu holen. Genau dafür stehen am neuen Gedenkort 360 unterschiedlich gestaltete Metall-Stelen, die Namen, Geburtsdatum und Heimatgemeinde der Ermordeten nennen.

Lebensgeschichten werden sichtbar gemacht

„Die Auslassungen an den Stelenköpfen sollen die zerbrochenen Leben symbolisieren – und zugleich die Lücken, die diese Menschen hinterlassen haben“, führte Seifert aus. Angeordnet seien die Stelen im Sinne einer „vereinfachten Landkarte“ (von Vorarlberg über Tirol und weiter nach Osten), so dass die Suche nach einzelnen Opfern erleichtert wird.

Das Konzept wurde von einem Team um Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler sowie Celia Di Pauli und Stefan Maier (Szenographie), das auch schon die Ausstellung zum Thema Psychiatrie gestaltet hatte, gemeinsam entwickelt - mit dem zentralen Gedanken, „die Menschen sichtbar zu machen“.

An einem Infoterminal kann man die Lebensgeschichten der Ermordeten nachlesen, auch die Täter werden explizit benannt. Ausgewählte Biographien sind vor Ort in leichter Sprache bzw. für Sehbehinderte zugänglich, generell wurde die Gedenkstätte barrierefrei gestaltet.

📽️ Video | Neue Gedenkstätte für NS-Opfer

„Medizin gehörte zu den Tätern“

Christian Haring, ärztlicher Direktor des LKH Hall, erinnerte in seinen Begrüßungsworten daran, dass damals „auch die Medizin zu den Tätern gehörte“. LR Tilg verwies darauf, dass die Menschen ausgerechnet aus einer Heil- und Pflegeanstalt, „die Schutz, Hilfe und Geborgenheit bieten sollte“, deportiert und in den Tod geschickt worden seien. Umso wichtiger sei es, dass der neue Gedenkort, gelegen unterhalb der Landespflegeklinik, „sich mitten am Areal einer Krankenanstalt befindet, mitten im Leben von Patienten, Mitarbeitern und Besuchern“.

Bei der stimmigen, ganz auf die Opfer ausgerichteten Gedenkfeier wurden die Namen aller 360 Ermordeten vorgetragen, ehe eine berührende Tanzperformance von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung für den Schlusspunkt sorgte. Danach legten zahlreiche Angehörige bzw. Nachkommen von Ermordeten Kerzen am neuen Gedenkort nieder.

„Mahnmal auch für die nächsten Generationen“

Die Enthüllung des Gedenkorts könne nicht der Schlusspunkt des Erinnerungsprozesses sein, meinte Hanna Peluso-Nemec in ihrer Ansprache, „sondern lediglich ein weiterer Anfang“. Damit das, was in Hall vor rund 80 Jahren passierte, „nie wieder geschieht, soll dieser Gedenkort als Mahnmal auch die nächsten Generationen daran erinnern, was geschehen kann, wenn man nicht den Anfängen wehrt und schweigt, anstatt aufzustehen, wenn man sich nicht schützend vor Menschen stellt, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.“

Weiterführende Informationen

Die Internetseite www.gedenkort-hall.at bietet detaillierte Informationen zur Geschichte der Opfer und Täter.

Interessierte Gruppen können einen historischen Rundgang zur örtlichen Psychiatriegeschichte oder eine Führung zum Gedenkort buchen. Kontakt: oliver.seifert@tirol-kliniken.at


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