„Schwerer Schlag für Tirol“: Platter erschüttert über deutsche Reisewarnung

Deutschland stuft Tirol ebenfalls als Risikogebiet ein und warnt vor Reisen. LH Platter spricht 
von einem herben Dämpfer für Wirtschaftsstandort. Und: „Wir müssen Ernst der Lage erkennen.“

Die deutsche Reisewarnung trifft den Tiroler Tourismus besonders hart. Bereits in den vergangenen Tagen gab es Stornierungen.
© Vanessa Rachlé

Innsbruck – Am Freitag überschlugen sich einmal mehr die Reisewarnungen. Betroffen davon ist auch Tirol. Was in den vergangenen Tagen befürchtet, aber versucht wurd­e, mit Verweis auf die stabile Situation und die geringen Ansteckungszahlen von Touristen im Land zu entkräften, trat letztlich ein: Nach Wien und Vorarlberg stufte Deutschland Tirol ebenfalls als Risikogebiet ein.

Von nicht notwendigen Reisen wird abgeraten, bei der Rückkehr nach Deutschland muss entweder ein negativer Covid-19-Test vorgewiesen werden, der nicht älter als 48 Stunden sein darf, oder es gilt eine verpflichtende 14-tägige Quarantäne. Schon zuvor haben die Niederlande Innsbruck und Belgien ganz Tirol auf die rote Liste gesetzt. Die Schweiz hat diesen Schritt für Niederösterreich und Oberösterreich vollzogen.

📽️ Video | Tirol als Risikogebiet

Herber Rückschlag für zartes Pflänzchen Tourismus

Für das zarte Pflänzchen Tourismus, das sich im Sommer in Tirol gerade erst einmal erholt hat, ein herber Rückschlag. Wenngleich noch Zeit bleibt bis zum Beginn der Wintersaison. Die Tendenz bei den Neuinfektionen war in den vergangenen Tagen positiv. „Ob die Entscheidung Deutschlands für uns nachvollziehbar ist oder nicht, wir müssen sie zur Kenntnis nehmen“, sagt LH Günther Platter gegenüber der TT. Es sei ein schwerer Schlag für Tirol und den Wirtschaftsstandort, denn jeder dritte Euro komme aus dem Tourismus. „Und 50 Prozent unserer Gäste aus Deutschland. Es geht um die Existenz vieler Tiroler“, appelliert Platter, den Ernst der Lage zu erkennen. „Wir müssen weiter runter mit den Infektionszahlen.“

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Platter ist allerdings optimistisch, dass das gelingen und Tirol wieder von den roten Listen genommen werde. Zuletzt seien die Fallzahlen bereits wieder besser geworden. An weitere Beschränkungen – seit Freitag gilt in Tirol um 22 Uhr die Sperrstunde – denkt Platter vorerst nicht. „Wir schauen uns erst einmal an, wie die Maßnahmen wirken.“

Indessen haben die Österreich Werbung und ihr Tiroler Pedant die Werbemittel für den Winter teils kräftig aufgestockt, um Gäste in die heimischen Wintersportregionen zu lotsen. Allein die Tirol Werbung hat sechs Mio. Euro zur Verfügung, dazu kommen Mittel von Verbänden und anderen Partnern.

📽️ Video | LH Platter im Interview

Schneller herauf- als herabgestuft

Bereits am Donnerstag wurden die Corona-Warnampeln in Österreich wieder neu gefärbelt. Mit Landeck und Schwaz rutschten zwei weitere Tiroler Bezirke in die orange Zone. Neben Innsbruck und Kufstein. Dabei gab es naturgemäß Irritationen. Vor allem was Landeck betrifft. Zugleich haben sich die Infektionszahlen in Kufstein deutlich nach unten bewegt. Doch Herunterstufung erfolgt nicht so schnell, das dauert schon mal drei Wochen.

Generell liegt Tirol bei der so genannten Sieben-Tage-Inzidenz – durchschnittliche Infektionen pro 100.000 Einwohner – bei 54,9 Fällen. Obwohl sich die Zahlen gebessert haben, liegen sie über der kritischen Marke von 50.

Tirol testet massiv, das streicht Landeshauptmann Günther Platter (VP) explizit hervor. Und das möchte er in der Bewertung verstärkt verankert wissen. Freitagabend gab es dazu Gelegenheit in der Bundesländerrunde mit Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP). Obwohl Platter die gute Zusammenarbeit mit dem Bund hervorstreicht, hinter den Kulissen läuft es nicht ganz rund. Auf die Frage, ob ihn das Hin und Her zwischen Ampelwarnungen und oft unabgestimmte Maßnahmen nicht schon nerven, erklärte der Landeshauptmann: „Das werden wir intern klären.“

Mittwoch noch knapp vorbei, Donnerstag dann Risikogebiet

Dass der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn seine Landsleute zur Zurückhaltung bei Auslandsreisen in den Herbst- und Winterferien warnt, war gestern das kleinste Problem für Platter. Schließlich stufte Deutschland Freitagabend Tirol als Risikogebiet ein. Mittwoch war Tirol noch knapp daran vorbeigeschrammt. Ausnahmen gibt es für Pendler, den Transit und bei Einreisen für familiäre Angelegenheiten, Besuche des Lebenspartners oder der Kinder sowie medizinische Behandlungen.

Überraschend kommt die Reisewarnung nicht: Denn die Niederländer warnen bereits vor Reisen nach Innsbruck, die Belgier haben ebenfalls ganz Tirol auf die rote Liste gesetzt. Die gestrige Botschaft ist für den ohnehin schon arg gebeutelten Tiroler Tourismus für die nächsten Wochen kein gutes Signal. Bis zur im März vorzeitig beendeten Wintersaison gab es 2019

2020 rund 11,6 Millionen Übernachtungen von deutschen Gästen in Tirol. Dazu noch 3,1 Millionen Nächtigungen von holländischen Wintersportlern. Deutschland ist der wichtigste Markt für den Tiroler Tourismus. Allein die Wertschöpfung bezogen auf die Gäste aus unserem Nachbarland beträgt mehr als drei Milliarden Euro.

Gäste reisten bereits ab

Tiroler Hoteliers berichteten gestern Abend, dass deutsche Gäste bereits abreisten, zugleich kommt es zu Stornierungen.

Aber wohin führen die Reisewarnungen noch? Aus deutscher Sicht sind nämlich nun 15 von 27 EU-Ländern zumindest teilweise Corona-Risikogebiete, Spanien, Tschechien und Luxemburg sogar ganz. Für Platter muss Tirol mit den Neuinfektionen runter, „aber das Bewertungssystem ist schon infrage zu stellen“. Es benötige gemeinsame Regelungen in der EU, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. „Hier geht es um Existenzen.“ Platter hofft, dass die verschärften Maßnahmen Wirkung zeigen und der positive Trend bei den Neuinfektionen anhält. „Dann werden die Reisewarnungen ja wieder aufgehoben.“

NEOS-Klubchef Dominik Oberhofer spricht von einer Katastrophe für den Tourismus. „Der Irrsinn muss endlich gestoppt werden.“ (pn)

Anschober packt die App aus

Die Infektionszahlen sind zu hoch. Aber zumindest waren sie zuletzt stabil, sie bewegen sich jedenfalls „nicht in Richtung einer exponentiellen Steigerung“. So fasst Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) die Lage der Corona-­Pandemie zusammen. „Klar ist, wir müssen wieder runter“, sagt der Minister mit Blick auf die nächsten Tage. Er hofft, dass die jüngsten Verschärfungen der Maßnahmen – Stichwort Ausweitung der Masken­pflicht – in den nächsten Tagen bis Anfang Oktober zu wirken beginnen.

Ein weiteres Mal warnte Anschober auch vor Herbst und Winter, wenn das Leben wieder mehr indoor als outdoor stattfindet.

Er setzt dabei auch wieder auf die Stopp-Corona-App des Roten Kreuzes. Nach einer „etwas unglücklichen Debatte“ über die App hoff­e man nun, damit „in die Breit­e“ gehen zu können.

Ein weiterer Baustein in der Strategie gegen das Virus sei die Ampel. Diese wird von vielen Seiten kritisiert. Der Minister hält daran fest („Die Ampel wird noch extre­m wichtig werden“) und berichtet von „internationalen Anfragen“ zum österreichischen Modell.

Schließlich die neuen Corona-Gesetze. Gestern passierten sie nach dem Beschluss im Nationalrat noch den Bundesrat. Noch am Wochenende könnten sie in Kraft treten. Dann gibt es eine rechtliche Basis für die Umsetzung der Corona-Ampel auf regionaler Ebene und die Möglichkeit, dass niedergelassene Ärzte Corona-Tests vornehmen. (TT)


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