Aserbaidschan: Mehrere Dörfer in Berg-Karabach zurückerobert

Luftangriffe und zerstörte Panzer – in der Konfliktregion Berg-Karabach gibt es nach neuen Gefechten viele Verletzte und auch Tote. Um die Region streiten sich Armenien und Aserbaidschan seit Jahren. Die Kämpfe könnte die schwerste Eskalation seit langem sein.

Armenien hat nach Kämpfen mit dem Nachbarland Aserbaidschan in der Konfliktregion Berg-Karabach den Kriegszustand ausgerufen.
© AFP/Armenian Defence Ministry

Stepanakert, Eriwan, Baku – Die Südkaukasusrepublik Aserbaidschan hat nach Angaben des Verteidigungsministeriums sieben Dörfer im Konfliktgebiet Berg-Karabach zurückerobert. Die Gebiete seien bei der Militäroperation am Sonntag von der armenischen Besatzung befreit worden, sagte Verteidigungsminister Zakir Hasanov aserbaidschanischen Medien zufolge am Sonntag in Baku. Demnach handelte es sich vor allem um Gebiete in den Regionen Füsuli und Jhabrayil.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev sprach von einer Militäroperation, die auf eine Verteidigung gegen Aggressionen aus Armenien angelegt sei. "Die aserbaidschanische Armee führt gegenwärtig Schläge gegen die militärischen Stellungen des Gegners aus", sagte Aliyev in Baku. Der Militäreinsatz sei eine Reaktion auf die andauernden Provokationen aus Armenien. Die armenische Regierung weist das zurück und gibt wiederum Aserbaidschan die Schuld an einer Eskalation der Lage. Armenien meldete zahlreiche Tote und Verletzte sowie schwere Zerstörungen in Berg-Karabach.

📽 Video | Konflikt im Kaukasus: Schwere Gefechte in Bergkarabach

Armenien verhängte Kriegsrecht und ordnete die Mobilmachung der männlichen Bevölkerung an, wie Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärte. Die gleichen Maßnahmen verkündete auch der Präsident der Region Bergkarabach, Arajik Harutjanjan. Aserbaidschans Militär erklärte dagegen, eine Mobilmachung sei nicht nötig, da die Personalstärke der Armee ausreichend sei.

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Armenien warf Aserbaidschan am Sonntag vor, Bergkarabach aus der Luft und mit Artillerie beschossen zu haben. Die eigenen Truppen hätten daraufhin drei Panzer der gegnerischen Seite zerstört sowie zwei Hubschrauber und drei Drohnen abgeschossen. Aserbaidschan widersprach den Angaben und erklärte seinerseits, es habe auf einen armenischen Angriff reagiert. Man habe den Feind an der Front unter Kontrolle. Armenische Menschenrechtler erklärten, zwei Zivilisten - eine Frau und ein Kind - seien getötet worden. Die aserbaidschanische Regierung teilte mit, es seien mehrere Zivilisten umgekommen und sechs verletzt worden. Bergkarabach erklärte, zehn seiner Soldaten seien getötet worden. Die Berichte ließen sich nicht von unabhängiger Seite bestätigen.

Karte Armenien und Aserbaidschan.
© APA/Grafik

Die von Armenien kontrollierte Region Berg-Karabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Es wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe. Das völlig verarmte Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, die dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert hat. Das ölreiche Aserbaidschan hat die Türkei als verbündeten Bruderstaat.

Deutschland und Frankreich fordern Ende der Gewalt

Das russische Außenministerium mahnte beide Seiten, den Beschuss sofort einzustellen und Gespräche aufzunehmen. Auch Deutschland und Frankreich riefen beide Länder zu einem Ende der Gewalt auf. Der Konflikt könne nur auf dem Verhandlungsweg gelöst werden, erklärte der deutsche Außenminister Heiko Maas. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stehe dafür bereit.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Aserbaidschan im Konflikt mit Armenien um die Region Berg-Karabach Unterstützung zugesichert. "Die türkische Nation steht wie eh und je auch heute mit all ihren Möglichkeiten an der Seite ihrer aserbaidschanischen Geschwister", schrieb Erdogan auf Twitter. Er habe seine Solidarität auch in einem Telefonat mit Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev ausgedrückt.

Erdogan sicherte Aserbaidschan Unterstützung zu

Erdogan warf Armenien vor, eine Bedrohung für die Region darzustellen. Er rufe die ganze Welt dazu auf, an der Seite Aserbaidschans zu stehen, schrieb Erdogan. Die verfeindeten Südkaukasusrepubliken Aserbaidschan und Armenien gaben sich am Sonntag gegenseitig die Schuld am Aufflammen der Kämpfe um die Region Berg-Karabach.

Russland vermittelt seit Jahrzehnten in dem Konflikt zwischen dem mehrheitlich christlichen Armenien und dem mehrheitlich muslimischen Aserbaidschan. Obwohl beide Länder 1994 den Waffenstillstand geschlossen hatten, werfen sie sich regelmäßig gegenseitig Angriffe rund um Bergkarabach und entlang der gemeinsamen Grenze vor. Der Westen und die Länder der Region beobachten den Konflikt mit Sorge, da er den Südkaukasus zu destabilisieren droht, durch den wichtige Öl- und Gaspipelines verlaufen. Als der Konflikt im April 2016 neu aufflammte, kamen mindestens 200 Menschen ums Leben. (APA/dpa)


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